Von Dr. Fabian Czolbe
Wer heute an Musiktechnologie denkt, denkt an Prozessoren und Audioschnittstellen. Für das Mittelalter und die frühe Neuzeit war die Orgel das, was Supercomputer in unserer Zeit sind: die komplexeste Maschine, die Menschen je gebaut haben.
Bereits im Mittelalter waren Orgeln hochtechnisierte Instrumente. Einem Ton waren in früh- und hochmittelalterlichen Orgeln Blockwerke zugeordnet – löste man ihn aus, erklangen automatisch alle zugehörigen Pfeifen. Die entscheidenden Neuerungen des 14. und 15. Jahrhunderts waren die Erfindung der Schleiflade und der Springlade: Einzelne Register und Teilwerke ließen sich nun unabhängig voneinander ansteuern. In der Hochrenaissance erweiterte sich das Klangspektrum um Register, die zeitgenössische Instrumente nachahmten – Flöten, Trompeten, Posaunen, Zinken, Krummhörner und andere.
Den Höhepunkt des Orgelbaus markierte die Zeit des Barocks. Die Register wurden auf Hauptwerk, Rückpositiv, Oberwerk, Brustwerk und Pedalwerk verteilt und umfassten orgelspezifische Stimmen wie Prinzipale und Mixturen. Zudem standen jetzt auch flötenartige Mischklänge, solistische Farben sowie Aliquote oder Streicher zur Verfügung. Bis ins 18. Jahrhundert gab es kaum einen Bereich, in dem derart hochentwickelte Technik zum Einsatz kam – sieht man einmal vom Uhrmacherhandwerk und der optischen Gerätefertigung ab.
Dass sich ausgerechnet in Hamburg eine außergewöhnliche Orgelbautradition entwickelte, war kein Zufall. Aus vorreformatorischer Zeit sind allein sieben Orgelbauer namentlich bekannt – eine für eine spätmittelalterliche Stadt bemerkenswerte Dichte. Nach einer reformationsbedingten Pause bis etwa 1540 erlebte der Hamburger Orgelbau ab Mitte des 16. Jahrhunderts einen starken Aufschwung, maßgeblich geprägt durch Orgelbauer aus dem Herzogtum Brabant, die wegen Glaubenskriegen und der orgelfeindlichen Haltung reformierter Kirchen nach Norddeutschland ausgewichen waren. Um 1600 stammte etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung aus den Niederlanden – die kosmopolitische Offenheit der Hansestadt hatte den technischen Wissenstransfer unbemerkt zum Strukturprinzip erhoben. Hamburg wurde zum Exporteur dieses Know-hows nach ganz Nordeuropa und das ist nicht zuletzt mit einem Namen verbunden: Arp Schnitger.
Über die Reihe Von Orgelpfeifen und Software-Plugins
Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.
Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.
Dr. Fabian Czolbe
Dr. Fabian Czolbe ist habilitierter Musikwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkten in der Musik und dem Musiktheater des 20./21. Jahrhunderts, der elektronischen Musik, der Klangkunst/Klangperformance, der Musikästhetik, der Notation sowie kompositorischen Schreib- und Schaffensprozessen in der Musik. Als Dramaturg wirkte er an Musiktheaterprojekten mit, schreibt als Musikjournalist für Zeitschriften und entwickelt für die akademische Lehre und Museen multimediale Vermittlungskonzepte. Innerhalb der Agentur für Vermittlung und gesellschaftliche Teilhabe vertritt er den Bereich der Musikwissenschaft.
Titelfoto: Orgelpfeifen, Kirche Dortmund-Aplerbeck | Foto: Docbritzel, CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/
Der Beitrag Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 1: Die Orgel als Hochtechnologie seit dem Mittelalter erschien zuerst auf ligeti zentrum.