Kategorie-Archiv: Musikwissenschaft

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 4: Der „Vater des Modularsynthesizers“ war ein Hamburger

Von Dr. Fabian Czolbe

Wer heute einen Synthesizer hört, in einem Popsong, in Filmmusik oder in EDM hört das Echo eines Ingenieurs, den kaum jemand kennt: Harald Bode. Geboren 1909 in Hamburg, gestorben 1987 in den USA – dazwischen wohl einer der stillsten, aber folgenreichsten Entwickler für die elektronischen Musik im 20. Jahrhundert.

Bode wuchs in einem musikalischen Haushalt auf: Der Vater spielte Orgel, die Mutter Cembalo. Statt Musiker wurde er aber Physiker. An der Universität Hamburg studierte er Physik und Mathematik, schloss 1934 ab und baute schon kurz darauf eines der ersten polyphonen elektronischen Tasteninstrumente – die Warbo Formant Orgel von 1937. Hamburg war für Bode nicht der Ort, an dem er bekannt wurde, sondern der, an dem er das Denken in Schaltkreisen, Schwingungen und Klangfarben lernte. 1954 zog er in die USA, wo er tagsüber für Estey Organ arbeitete und abends an einer Idee tüftelte, die so einfach wie radikal war: Was wäre, wenn ein elektronisches Musikinstrument keine feste Form mehr hätte? 

Hamburg war für Bode nicht der Ort, an dem er bekannt wurde, sondern der, an dem er das Denken in Schaltkreisen, Schwingungen und Klangfarben lernte

Ende 1959 stand das Konzept vom Audio System Synthesizer. Statt Röhren setzte Bode auf die noch junge Transistortechnik – seine Module wurden kleiner, stabiler und für Studio und Bühne tauglich. Oszillatoren, Filter, ein Bandschleifenhall, ein Tapedeck und ein Ringmodulator ließen sich per Kabel beliebig verschalten und über Steuerspannungen lenken: das erste patchbare, spannungsgesteuerte Modulsystem überhaupt. Zudem musste das Instrument seinen Klang nicht selbst erzeugen – über ein Mikrofon oder einen LineIn ließ sich beliebige Klänge einspeisen und verfremden. Aus dem Synthesizer wurde so zugleich ein Klangbearbeiter, ein Vorläufer späterer Effektketten eines Studios.

Bodes Gedanken wurden zur Grundlage der gesamten modernen Synthesizer-Architektur und er selbst damit wohl zum Vater des Modularsynthesizers

1960 stellte Bode das System auf der Tagung der Audio Engineering Society in New York vor. Im Saal saß der junge Robert Moog, der Bodes Konzept aufgriff und daraus wenige Jahre später den berühmten Moog-Synthesizer entwarf – auch Donald Buchla übernahm das Prinzip. Ab 1962 arbeitete Bode zudem eng mit dem Komponisten Vladimir Ussachevsky zusammen und entwickelte aus dieser Verbindung den Bode-Ringmodulator und Frequenzschieber, die in zahlreiche Studios und Synthesizer einzogen.
Bodes Gedanken wurden zur Grundlage der gesamten modernen Synthesizer-Architektur und er selbst damit wohl zum Vater des Modularsynthesizers. Dass diese Geschichte in einem Hamburger Hörsaal begann, weiß kaum jemand.


Weiterführende Informationen zu Harald Bode und seinem Wirken finden sich auf der Seite des ZKM Karlsruhe, wo sich auch der Nachlass Bodes archiviert ist.

Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0

Über die Reihe Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.

Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.

Titelfoto: Harald Bode | © Harald Bode, ZKM | Karlsruhe, Nachlass Harald Bode

Der Beitrag Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 4: Der „Vater des Modularsynthesizers“ war ein Hamburger erschien zuerst auf ligeti zentrum.

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 3: Ein Hamburger Klang geht um die Welt

Von Dr. Fabian Czolbe

Wer heute einen Konzertflügel wie in der Elbphilharmonie hört, hört in den meisten Fällen einen Steinway. Über 90 Prozent der Konzertpianisten weltweit spielen auf einem Instrument dieser Firma – und der größte Teil davon auf einem, das in Hamburg gebaut wurde. Dabei beginnt die Geschichte nicht an der Elbe, sondern im Harz.

Steinway Fabrik in der Schanzenstraße, Hamburg | Foto: unbekannt
Steinway Fabrik in der Schanzenstraße, Hamburg | Foto: unbekannt
Henry E. Steinway | Foto: unbekannt
Henry E. Steinway | Foto: unbekannt

Der 1797 geborene Heinrich Engelhard Steinweg war gelernter Tischler und Orgelbauer. 1850 verließ er mit seiner Familie an Bord der Helena Sloman, dem ersten Hamburger Transatlantikdampfer, Deutschland und wanderte nach New York aus. Hier angekommen amerikanisierte er seinen Namen und gründete 1853 gemeinsam mit seinen Söhnen „Steinway & Sons“. Was folgte, war eine der folgenreichsten Innovationsgeschichten der Musiktechnologie des 19. Jahrhunderts.

Ein Zeitgenosse nannte sie einmal „Stradivari der Klaviere“

Das erste Steinway-Patent wurde 1857 erteilt; es sollten über 120 revolutionäre Entwicklungen folgen, welche die Firma zum wichtigsten Konstrukteur des modernen Klaviers machten: Unter diesen waren etwa die kreuzsaitige Mensur (1859), die erstmals größere Resonanzflächen in Schwingung versetzte, das Sostenuto-Pedal (1875), oder Rimbiegeblock (1880) zum Formen der Flügelkontur aus verleimten Holzfurnierstreifen. Die Instrumente wurden auf Weltausstellungen in New York, London, Paris und Philadelphia gefeiert. Ein Zeitgenosse nannte sie einmal die „Stradivari der Klaviere“.

Rimbiegeblock bei Steinway in Hamburg | Foto: KarlKunde, GPL
Rimbiegeblock bei Steinway in Hamburg | Foto: KarlKunde, GPL

1880 kehrte die Firma nach Deutschland zurück. Hamburg bot als Hansestadt den idealen Zugang zu internationalen Handelswegen: Rohmaterialien ließen sich leichter importieren, fertige Instrumente schnell in alle Welt verschiffen. C. F. Theodore Steinway übernahm die Leitung der neuen Fabrik in der Schanzenstraße und brachte das gesamte technische Wissen der New Yorker Werkstatt mit an die Elbe. 1928 folgte der Umzug an den heutigen Standort in Bahrenfeld, wo jährlich rund 1.400 Instrumente entstehen.

Was Hamburg für Steinway bedeutet, ist nicht bloß Logistik

Was Hamburg für Steinway bedeutet, ist nicht bloß Logistik. Unter denselben Konstruktionsplänen entwickelte sich hier ein eigenständiger Klangcharakter – heller, brillanter, europäischer als die New Yorker Instrumente. Der Grund liegt in unterschiedlichen Materialien: Buche statt Hartahorn im Rahmen, Renner-Mechaniken statt amerikanischer Teile. Vladimir Horowitz bevorzugte Zeit seines Lebens die New Yorker Instrumente, Artur Rubinstein spielte lieber auf Hamburger Flügeln. Dass zwei klanglich verschiedene Steinway-Schulen unter denselben Bauplänen existieren, ist ein einzigartiges Phänomen der Instrumentenbaugeschichte und Zentrum eines weltweiten Klangs – entworfen in New York, verfeinert in Hamburg.

Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0

Über die Reihe Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.

Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.

Titelfoto: Flügelmodell D-274 aus der Steinway-Fabrik Hamburg, 2012 | Foto: Steinway & Sons CC BY-SA 3.0

Der Beitrag Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 3: Ein Hamburger Klang geht um die Welt erschien zuerst auf ligeti zentrum.

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 2: Arp Schnitger und die größte Orgel der Welt

Von Dr. Fabian Czolbe

Wer Ende des 17. Jahrhunderts nach Hamburg kam, brachte mehr mit als Werkzeuge und Gesellen. Arp Schnitger, geboren 1648 an der Unterweser, hatte seine Lehrjahre bei Berendt Hus absolviert und danach die Werkstatt seines Onkels in Stade weitergeführt. Als er 1682 den Hamburger Bürgereid ablegte, wartete bereits der bedeutendste Auftrag seiner Karriere: Für die Hauptkirche St. Nikolai sollte er die größte Orgel Deutschlands bauen.

In fast fünfjähriger Arbeit entstand ein Instrument mit 67 Registern, vier Manualen, Pedal und mehr als 4.000 Pfeifen. Die größte davon, das 32-füßige C, wog gut 430 Kilogramm. Zur Zeit ihrer Einweihung war diese Orgel die größte der Welt — eine Ingenieurleistung ohne Vergleich und ein musiktechnologischer Meilenstein, der Schnitgers internationalen Ruhm begründete. Beim großen Stadtbrand wurden 1842 Kirche und Orgel vollständig vernichtet. Erhalten blieb jedoch die 1693 fertiggestellte Orgel der Hauptkirche St. Jacobi: 60 Register, vier Manuale, rund 4.000 Pfeifen — bis heute das größte klingend überlieferte Orgelwerk vor 1700. Schnitger integrierte dabei älteres Pfeifenmaterial seiner Vorgänger, sodass die Barockorgel bis heute eine hörbare Zeitzeugin norddeutscher Orgelgeschichte seit 1516 ist.

Norddeutsche Barockorgel von Arp Schnitger in der St. Jacobi Kirche, Hamburg | Foto: Kliojünger, CC BY-SA 3.0
Die Norddeutsche Barockorgel von Arp Schnitger in der St. Jacobi Kirche, Hamburg | Foto: Kliojünger, CC BY-SA 3.0

Was Schnitgers Instrumente von denen seiner Zeitgenossen unterschied, war nicht allein die Größe, sondern ein konsequentes klangliches Konzept: starke Bässe im Pedal, kräftige Mixturen in allen Werken und eine Vielfalt an Zungen- und Soloregistern, die sowohl die Begleitung des Gemeindegesangs als auch die virtuosen Phantasien ermöglichten. Dazu kam der sogenannte Hamburger Prospekt — eine in Teilwerke gegliederte Schauseite mit symmetrischen Pedaltürmen und gestaffelten Manualwerken, mit der Schnitger einen gestalterischen Standard setzte, der den Orgelbau bis heute prägt.

Dass diese Innovationen etwas Besonderes waren, sprach sich schnell herum. Dieterich Buxtehude, der damals bekannteste Orgelmeister Norddeutschlands, ließ sich eigens beurlauben, um 1687 die Nikolai-Orgel zu erkunden. Später reisten auch Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach zu Schnitgers Instrumenten. Von Hamburg aus erstreckte sich sein Wirkungskreis über den gesamten nordwestdeutschen Raum, die Niederlande, England, Russland, Spanien und Portugal — für damalige Verhältnisse ein weltweites Unternehmen. Dass der Orgelbau 2017 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde, ist nicht zuletzt das Erbe dieser Hamburger Tradition.

Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0

Über die Reihe Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.

Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.

Dr. Fabian Czolbe

Dr. Fabian Czolbe ist habilitierter Musikwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkten in der Musik und dem Musiktheater des 20./21. Jahrhunderts, der elektronischen Musik, der Klangkunst/Klangperformance, der Musikästhetik, der Notation sowie kompositorischen Schreib- und Schaffensprozessen in der Musik. Als Dramaturg wirkte er an Musiktheaterprojekten mit, schreibt als Musikjournalist für Zeitschriften und entwickelt für die akademische Lehre und Museen multimediale Vermittlungskonzepte. Innerhalb der Agentur für Vermittlung und gesellschaftliche Teilhabe vertritt er den Bereich der Musikwissenschaft

Der Beitrag Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 2: Arp Schnitger und die größte Orgel der Welt erschien zuerst auf ligeti zentrum.

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 1: Die Orgel als Hochtechnologie seit dem Mittelalter

Von Dr. Fabian Czolbe

Wer heute an Musiktechnologie denkt, denkt an Prozessoren und Audioschnittstellen. Für das Mittelalter und die frühe Neuzeit war die Orgel das, was Supercomputer in unserer Zeit sind: die komplexeste Maschine, die Menschen je gebaut haben.

Bereits im Mittelalter waren Orgeln hochtechnisierte Instrumente. Einem Ton waren in früh- und hochmittelalterlichen Orgeln Blockwerke zugeordnet – löste man ihn aus, erklangen automatisch alle zugehörigen Pfeifen. Die entscheidenden Neuerungen des 14. und 15. Jahrhunderts waren die Erfindung der Schleiflade und der Springlade: Einzelne Register und Teilwerke ließen sich nun unabhängig voneinander ansteuern. In der Hochrenaissance erweiterte sich das Klangspektrum um Register, die zeitgenössische Instrumente nachahmten – Flöten, Trompeten, Posaunen, Zinken, Krummhörner und andere.

Gotische Orgel der Rysumer Kirche (um 1440 oder 1457) | Foto: Matthias Süßen, CC BY-SA 4.0
Gotische Orgel der Rysumer Kirche (um 1440 oder 1457) | Foto: Matthias Süßen, CC BY-SA 4.0

Den Höhepunkt des Orgelbaus markierte die Zeit des Barocks. Die Register wurden auf Hauptwerk, Rückpositiv, Oberwerk, Brustwerk und Pedalwerk verteilt und umfassten orgelspezifische Stimmen wie Prinzipale und Mixturen. Zudem standen jetzt auch flötenartige Mischklänge, solistische Farben sowie Aliquote oder Streicher zur Verfügung. Bis ins 18. Jahrhundert gab es kaum einen Bereich, in dem derart hochentwickelte Technik zum Einsatz kam – sieht man einmal vom Uhrmacherhandwerk und der optischen Gerätefertigung ab.

Dass sich ausgerechnet in Hamburg eine außergewöhnliche Orgelbautradition entwickelte, war kein Zufall. Aus vorreformatorischer Zeit sind allein sieben Orgelbauer namentlich bekannt – eine für eine spätmittelalterliche Stadt bemerkenswerte Dichte. Nach einer reformationsbedingten Pause bis etwa 1540 erlebte der Hamburger Orgelbau ab Mitte des 16. Jahrhunderts einen starken Aufschwung, maßgeblich geprägt durch Orgelbauer aus dem Herzogtum Brabant, die wegen Glaubenskriegen und der orgelfeindlichen Haltung reformierter Kirchen nach Norddeutschland ausgewichen waren. Um 1600 stammte etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung aus den Niederlanden – die kosmopolitische Offenheit der Hansestadt hatte den technischen Wissenstransfer unbemerkt zum Strukturprinzip erhoben. Hamburg wurde zum Exporteur dieses Know-hows nach ganz Nordeuropa und das ist nicht zuletzt mit einem Namen verbunden: Arp Schnitger.

Renaissance-Prospekt der Orgel der Johanneskirche in Lüneburg (1553), Foto: Wladyslaw, CC BY-SA 3.0
Renaissance-Prospekt der Orgel der Johanneskirche in Lüneburg (1553) | Foto: Wladyslaw, CC BY-SA 3.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0

Über die Reihe Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.

Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.

Dr. Fabian Czolbe

Dr. Fabian Czolbe ist habilitierter Musikwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkten in der Musik und dem Musiktheater des 20./21. Jahrhunderts, der elektronischen Musik, der Klangkunst/Klangperformance, der Musikästhetik, der Notation sowie kompositorischen Schreib- und Schaffensprozessen in der Musik. Als Dramaturg wirkte er an Musiktheaterprojekten mit, schreibt als Musikjournalist für Zeitschriften und entwickelt für die akademische Lehre und Museen multimediale Vermittlungskonzepte. Innerhalb der Agentur für Vermittlung und gesellschaftliche Teilhabe vertritt er den Bereich der Musikwissenschaft

Titelfoto: Orgelpfeifen, Kirche Dortmund-Aplerbeck | Foto: Docbritzel, CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/
 

Der Beitrag Von Orgelpfeifen und Software-Plugins, Teil 1: Die Orgel als Hochtechnologie seit dem Mittelalter erschien zuerst auf ligeti zentrum.

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Eine kleine Geschichte innovativer Musiktechnologien der Hansestadt Hamburg in acht Teilen

Von Dr. Fabian Czolbe

Hamburg ist eine Musikstadt – im 17. Jahrhundert entsteht hier eine der ersten Bürgeropern Europas, große Komponist:innen wirkten seit Jahrhunderten an der Elbe, und heute reihen sich Elbphilharmonie, Musicalproduktionen und die Clubs der Reeperbahn in eine Geschichte, die klassische, populäre und experimentelle Musik gleichermaßen umfasst. Was dabei meist übersehen wird: Hamburg ist seit dem Mittelalter einer der produktivsten Orte der Welt, wenn es um Erfindung und Weiterentwicklung von Musiktechnologie geht – nicht Kulisse, sondern Werkstatt.

Die Serie Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erzählt in acht Beiträgen eine Ideengeschichte und eine Geschichte des Wissenstransfers: von der Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters bis zum ligeti zentrum als Entwicklungsort hybrider Instrumente der Gegenwart und Zukunft. Eine Einladung, Hamburg neu zu lesen – als Stadt mit technologischen Visionen und Musiktechnologien von Weltgeltung.

Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Moog System 55, Moog 1150 Ribbon Controller, Moog 1130 Percussion Controller, Minimoog | Foto: Clusternote, CC BY-SA 4.0
Wegmarken dieser Geschichte sind: Arp Schnitger, der 1687 in Hamburg die damals größte Orgel der Welt baute. Steinway eröffnete 1880 seine europäische Manufaktur und etablierte damit einen neuen Klangcharakter des Konzertflügels. Harald Bode, in Hamburg aufgewachsen, legte in den 1950er-Jahren die Grundlagen modularer Synthesizer. Steinberg definierte Mitte der 1990er-Jahre offene Software-Standards für professionelle Tonstudios weltweit. Und Emagic entwickelte Anfang der 2000er-Jahre Software, die heute auf Millionen von Rechnern Musik mitgestaltet.

Das sind keine Zufälle, sondern innovative Ergebnisse einer Stadtstruktur, die Wissen, technologisches Know-how und handwerkliche Präzision über Jahrhunderte produktiv zusammengeführt hat. Wer verstehen will, warum Hamburg in der Musikwelt den Stellenwert hat, den es hat – und welche Potenziale noch ungehoben sind –, findet in dieser Geschichte Kontinuitäten und vielleicht auch Inspiration.

VST PlugIns
VST PlugIns

Von Orgelpfeifen und Software-Plugins

Teil 1: Die Orgel als Hochtechnologie des Mittelalters

Dr. Fabian Czolbe

Dr. Fabian Czolbe ist habilitierter Musikwissenschaftler mit Forschungsschwerpunkten in der Musik und dem Musiktheater des 20./21. Jahrhunderts, der elektronischen Musik, der Klangkunst/Klangperformance, der Musikästhetik, der Notation sowie kompositorischen Schreib- und Schaffensprozessen in der Musik. Als Dramaturg wirkte er an Musiktheaterprojekten mit, schreibt als Musikjournalist für Zeitschriften und entwickelt für die akademische Lehre und Museen multimediale Vermittlungskonzepte. Innerhalb der Agentur für Vermittlung und gesellschaftliche Teilhabe vertritt er den Bereich der Musikwissenschaft

Titelfoto: Wilde/Schnitger-Orgel in Lüdingworth | Foto: Hartmut Mester, CC BY-NC-SA 2.5, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.5/deed.de
 

Der Beitrag Von Orgelpfeifen und Software-Plugins erschien zuerst auf ligeti zentrum.