Alle Beiträge von Jörg Jelden

Purpose-Exploration in Aktion: gestern-heute-morgen

Wer Transformationen, Strategie-Arbeit oder Change-Projekte aus der Prozess-Sicht betrachtet, richtet den Blick stärker auf das Wandelnde, das Werdende und Weichende sowie auf die Kräfte, Dynamiken und Muster, die am Werk sind. Um die eigene Wahrnehmung und die aller Beteiligten für die größere Entwicklungsreise zu sensibilisieren ist es hilfreich, die drei Zeitperspektiven Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft heranzuziehen. Dabei zeigt sich ein erstes grobes Narrativ einer Transformationsreise. Solche Erzählungen sind wichtig, um das eigene Warum und Wozu zu überprüfen und es zu einem späteren Zeitpunkt in geschärfter Form einem erweiterten Kreis an Beteiligten erzählen zu können. Die Integration der drei Zeiten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist daher in hohem Maße sinnstiftend und hilft bei der Suche nach einem Purpose. Bei dieser Purpose-Suche ist jedoch weniger das konkrete Ergebnis im Sinne eines Dokuments wichtig, sondern der Prozess der gemeinsamen Suche. In diesem Artikel möchte ich zunächst das Workshop-Tool “Gestern-heute-morgen” vorstellen, das uns in letzter Zeit gute Dienste geleistet hat, und anschließend ein paar kurze Einlassungen zur Dreifaltigkeit der Zeit, dem Narrativ in Transformationsprozessen und Purpose machen.

Teil 1: Das Workshop-Tool “Gestern-heute-morgen”

Wie das Workshop-Tool entstanden ist

Im Frühjahr 2018 habe ich zusammen mit Stefan Deutsch ein Soziodrama im Rahmen unserer Ausbildung an der Soziodrama-Akademie geleitet. Stefan und ich wollten erkunden, wie das Soziodrama eine größere Bekanntheit bekommen kann. Dafür haben wir das Setting einer Party gewählt. Das Soziodrama sollte eine Geburtstagsparty ausrichten. Gemeinsam mit den Teilnehmern haben wir zunächst überlegt, wen das Soziodrama wohl einladen würde. Dafür haben Stefan und ich drei Stühle in die Raummitte geschoben. Ein Stuhl repräsentierte das Soziodrama der Vergangenheit, ein Stuhl stand für das Soziodrama der Gegenwart und ein Stuhl für das Soziodrama der Zukunft. Die Teilnehmer nahmen nach Lust und Laune auf den Stühlen Platz, und wir haben aus jeder Epoche des Soziodramas “Freunde” in Form von Methoden oder Theorien eingeladen. Anschließend hat sich jede und jeder Teilnehmer*in aus der “Einladeliste” eine Methode bzw. Theorie ausgesucht, sie als Rolle eingenommen und sich ein Geschenk für das Soziodrama überlegt. Dann begann das Spiel. Es wurde in der Tat ein rauschendes Fest. Es war interessant zu sehen, wer zur Party kam (und wer nicht), welche Geschenke mitgebracht und welche Gespräche geführt wurden. 

In der anschließenden Reflexion haben wir dann einerseits die Party als ein gutes Soziodrama-Setting identifiziert. Andererseits bekamen wir positive Rückmeldungen für die Arbeit mit den drei Zeiten, die es leicht gemacht hat, das Soziodrama und seine Bezüge zu anderen Theorien und Methoden herzustellen und weiterzudenken. Seither nutze ich das Werkzeug regelmäßig in Workshops und manchmal auch im Soziodrama. Ich habe die ursprüngliche Idee für Workshops weiterentwickelt und ein wenig formatiert. Wer das ursprüngliche Set-Up der Soziodrama-Geburtstagsparty miterleben will, hat vom 24.-28. Juni 2020 auf der 7th International Sociodrama Conference in Lissabon eine Gelegenheit dazu. Dort werde ich die Soziodrama-Geburtstagsfeier als Session anbieten. Darauf freue ich mich sehr. 

Warm-Ups

Workshop-Tool gestern-heute-morgen zur Purpose-Exploration in Aktion

Wie bei jeder soziodramatischen Arbeit ist es ratsam, mindestens ein kleines Warm-Up zu machen. Eine Möglichkeit für zwei kurze Warm-Ups wären zum Beispiel diese beiden:

Meilenstein-Begegnungen

Die Teilnehmer*innen laufen durch den Raum. Dabei sollen sie sich geistig die verschiedenen Meilensteine vergegenwärtigen, die sie in diesem Unternehmen erlebt haben und die für sie wichtig waren. Jedes Mal, wenn sie einen solchen Meilenstein identifiziert haben und einer anderen Teilnehmerin oder einem anderen Teilnehmer begegnen, bleiben beide kurz stehen, nennen ihren Meilenstein und einen Satz dazu. Anschließend gehen beide weiter und treffen auf neue Gruppenmitglieder. Wichtig ist, dass die Begegnungen und Sätze kurz bleiben. Nach vier bis fünf Minuten ist die Übung vorbei. 

Szenario-Archetypen

Das zweite Warm-Up baut auf den Szenario-Archetypen von James Dator vom Hawaii Research Center for Futures Studies of the Political
Science Department of the University of Hawaii at Manoa
auf. Die vier Raumecken entsprechen jeweils einem der vier Archetypen: kontinuierliches Wachstum, Niedergang/ Kollaps, Balance/ stabile Position, Transformation/ Neuausrichtung. Hier eignen sich Bodenanker – also Schilder auf dem Fußboden. Die Anwesenden laufen die vier Raumecken ab und überlegen still, welche Themen und Akteure sich zukünftig in welchem Quadranten wiederfinden könnten. Abschließend suchen sich alle jeweils eine Rolle und sagen ein Statement aus dieser Rolle: “Ich bin ein älterer Manager. Ich habe gerade meinen Job verloren und mache mir Sorgen, inwiefern meine Fähigkeiten noch gebraucht und gewertschätzt werden.” Diese Übung dauert fünf bis zehn Minuten.

Der Ablauf

Zunächst führe ich die drei Zeiten ein und platziere Bodenanker für die Vergangenheit (gestern), Gegenwart (heute) und Zukunft (morgen) an drei Orten im Raum. In der Vorbereitung habe ich mir bereits den passenden Bezugsrahmen gewählt. Bei einem Offsite der Geschäftsleitung kann beispielsweise das Unternehmen ein guter Bezugsrahmen sein (aber auch das Management-Team oder die Branche wären eine sinnvolle Variante). Nun weise ich die Teilnehmer*innen darauf hin, dass sie für diese drei Zeiten in Kollektivrollen schlüpfen werden. Um im Beispiel zu bleiben: Ein Drittel der Teilnehmer*innen würde die Rolle des Unternehmens der Vergangenheit einnehmen, ein Drittel die Rolle des Unternehmens der Gegenwart und das letzte Drittel die Rolle des Unternehmens der Zukunft.

Die Aktionsphase

Workshop-Tool gestern-heute-morgen zur Purpose-Exploration in Aktion

Runde 1: Die Teilnehmer*innen teilen sich gleichmäßig auf die drei Felder auf. Über Introspektions-Fragen (siehe unten) denken und fühlen sie sich in ihre jeweilige Kollektivrolle sowie deren Beziehungen zu den anderen beiden Rollen ein. Manchmal empfiehlt es sich, die Teilnehmer in einen körperlichen Ausdruck der Rolle gehen zu lassen und eine Skulptur der Rolle zu zeigen. Jede/r Teilnehmer/in spricht ein Statement aus der jeweiligen Rolle. 

Dann folgt ein kollektiver Rollenwechsel in Richtung Zukunft,

Exkurs: Introspektionsfragen

Introspektionsfragen sind Fragenkaskaden an eine Gruppe. Die Antworten auf die Fragen werden nicht geteilt und gemeinsam diskutiert. Nach jeder Frage folgt ein Moment der Stille und der inneren Beantwortung. Insbesondere im Soziodrama nutze ich gern Introspektionsfragen, um Menschen schnell tief in eine Rolle zu führen. Dann stelle ich z.B. Fragenkaskaden wie diese

  • Wer bist Du?
  • Wer oder was sind die Teile aus denen Du bestehst?
  • Und wer oder was in Deinem Umfeld ist wichtig?
  • Welche Werte und Prinzipien hast Du? Und warum?
  • Woran machst Du diese Werte und Prinzipien fest?
  • Worauf bist Du stolz?
  • … und was verschweigst Du lieber?
  • Worüber hast Du zuletzt gelacht?
  • … und worüber hast Du Dich zuletzt geärgert?
  • Wie ist Deine Verfasstheit gerade?
  • Wo bist Du gerade?

Runde 2: Die Teilnehmer*innen aus der Vergangenheit kommen in die Rolle der Gegenwart. Die Teilnehmer*innen aus der Gegenwart schreiten in die Zukunft. Und die Teilnehmer*innen aus der Zukunft springen zurück in die Vergangenheit. Über Rolleninterviews mit den drei Kollektivrollen hole ich weitere Stimmen in den Raum. Dabei frage ich z.B. nach den jeweiligen Beziehungen der drei Kollektivrollen oder inwiefern sie einander etwas sagen, raten, empfehlen oder fragen wollen. Es folgt ein kollektiver Rollenwechsel nach dem gleichen Prinzip wie zuvor. 

Runde 3: Die Teilnehmer*innen gehen in ihren jeweiligen Rollen in kurze, parallel-laufende Paar-Dialoge innerhalb ihres Zeitfeldes und unterhalten sich aus ihren jeweiligen Rollen zu zweit miteinander. Die Teilnehmer der Vergangenheit sprechen in Paaren miteinander, ebenso die der Gegenwart und der Zukunft. Worüber genau gesprochen wird, überlasse ich den Teilnehmern an dieser Stelle selbst. 

Workshop-Tool gestern-heute-morgen zur Purpose-Exploration in Aktion
Gestern-heute-morgen im Rahmen eines Führungskräfte-Offsites

Runde 4: Währenddessen rücke ich drei Stühle in die Mitte. Aus jedem Zeitfeld nimmt ein Vertreter auf dem Stuhl Platz. Ein spontaner Dialog zwischen dem Unternehmen der Zukunft, der Gegenwart und der Vergangenheit entspinnt sich. Die übrigen Teilnehmer ergänzen über Doppeln die Gedanken, Gefühle und Handlungsoptionen der Rollen. Oder Teilnehmer übernehmen die Rollen der anderen über ein sogenanntes Tagging.

Das Sharing

Im Sharing geht es dann zunächst um die Erfahrungen und Erlebnisse, die jede und jeder in den drei Rollen gemacht hat. Dabei geht es nicht so sehr um eine Bewertung, sondern um das was man fühlen und spüren konnte. Anschließend öffne ich für eine größere Diskussion mit einer Frage wie: Was hat dieses Spiel bei Dir angestoßen? Oft beende ich die Session damit, dass die Teilnehmer für dieses Session einen Titel oder eine Überschrift notieren.

Generative Scribing von Marie-Pascale Gafinen bei einem internen Soziodrama u.a. mit Gestern-heute-morgen bei quäntchen+glück

Organisatorisches

  • Dauer:  ca. 60 Minuten. 
  • Zahl der Teilnehmer*innen: 1-n
  • Material: Bodenanker gestern, heute, morgen; Stühle

Teil 2: Versuch einer Einordnung

Die Dreifaltigkeit der Zeit

In der Strategiearbeit, in Transformationen oder auch der Projektarbeit wird die Zukunft gern als Hilfsmittel herangezogen. Über die Formung neuer Zukunftsbilder will man zu einem anderen Handeln in der Gegenwart kommen. Oder man definiert Ziele oder Ergebnisse für einen Zeitraum X. Dabei wird häufig nicht nur die Vergangenheit ausgeblendet, auch die subjektive Wahrnehmung der Zeit bleibt unberücksichtigt. Denn wie wir uns bestimmte Zukünfte vorstellen, wird nie deckungsgleich mit der tatsächlich eintretenden Zukunft, also sozusagen einer in der Zukunft liegenden Gegenwart sein. Ähnliches gilt für die Vergangenheit. Das Spannende an der Zeit ist jedoch, dass es in jedem einzelnen Moment für jeden Menschen drei subjektive Zeiten gibt, die wechselseitig aufeinander wirken. Das ist die Dreifaltigkeit der Zeit: Wir haben zu jedem Zeitpunkt Vergangenheiten anwesend – über unsere Erinnerungen, Erfahrungen, Werte, Routinen, vorangegangene Entscheidungen und Pfadabhängigkeiten. Uns begegnen immer die konkreten Kräfte, Dynamiken, Ressourcen, Dringlichkeiten und Opportunitäten des Hier und Jetzt. Und wir haben Zukunftserwartungen und -bilder, die unsere heutigen Entscheidungen wesentlich prägen. Indem wir den Blick allein in die Zukunft richten, verengen wir den Blick auf Zukunftsentscheidungen und übersehen die Wirkmächtigkeit der beiden anderen Zeitperspektiven. Zugleich vermeiden wir eine Bewertung der drei Zeiten, wie es zum Beispiel das Futures Triangle von Sohail Inayatullah macht. Dort geht es um den Ballast der Vergangenheit, den Schub oder das Momentum der Gegenwart sowie den Sog aus der Zukunft.

Beim “Gestern-heute-morgen” nehmen die Teilnehmer*innen ihr Bezugsobjekt aus allen drei Zeitperspektiven wahr. Gleichzeitig hat jede und jeder Teilnehmer*in andere Vorstellungen, wählt andere Bezüge zu Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukünften. Mit dieser Übung richten die Teilnehmer*innen ihre Wahrnehmung auf eine längere gemeinsame Reise, die irgendwann vorher begonnen hat und irgendwo anders hinführen wird. Es geht nicht so sehr um die einzelnen Stationen dieser Reise wie auf einem Zeitstrahl, sondern um die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses. Durch das Spiel mit den Rollen durchdringen die Teilnehmer*innen diese Zeitreise nicht nur kognitiv, sondern auch emotional und körperlich. Sie fühlen und erfahren es.

Das Narrativ in den Blick nehmen

Wenn wir uns die drei subjektiven Zeitvorstellungen, die in der Gegenwart wirken, bewusst werden, dann bekommen wir einen weiten Blick auf den Transformationsprozess. Nicht so sehr im Sinne eines konkreten Verlaufs, denn eine Erinnerung und Exploration, woher wir kommen, was uns wichtig ist, wo wir gerade stehen und wohin die Reise gehen könnte.

Indem wir den Blick nicht nur in die Zukunft richten, sondern auch die Vergangenheit und Gegenwart hinzuziehen, gewinnen wir eine Idee von den verfügbaren Fähigkeiten und Ressourcen und werden uns bewusst, wie sich das Neue vom Alten unterscheiden soll. Ein erstes Narrativ im Sinne einer sinnstiftenden Erzählung über den Wandel beginnt sich in groben Zügen zu zeigen. Die Suche nach dem Titel bzw. einer Überschrift ist die abschließende Zuspitzung und inhaltliche Bündelung dieser Übung. Insgesamt entsteht über diese Übung keine feinformulierte und fertige Storyline und vermutlich auch nicht der finale Titel der Transformationsstory. Vielmehr liefert sie einen Steinbruch guter Versatzstücke einer Story. Solche Narrative und Begrifflichkeiten sind für ein Transformationsvorhaben von großer Bedeutung. Sie sind Möglichkeiten, das große Ganze gut zu erinnern, den Überblick angesichts hoher Eigendynamiken zu behalten und das Vorhaben anderen zu vermitteln.

Und was hat das alles mit Purpose zu tun?

Purpose-Übersicht
Quelle: Johannes Ries „Purpose – Plädoyer für eine lebensdienliche Wertstiftung“

Purpose ist ja gerade ein beliebtes Thema bei Führungskräften. In letzter Zeit kamen viele Auftraggeber mit dem Wunsch zu uns, den eigenen Purpose zu klären, eine Vision zu entwickeln, den eigenen Nordstern zu finden oder den Golden Circle zu bearbeiten. Dabei tauchte immer wieder die Frage mit Why bzw. “Warum gibt es uns?” einerseits und der Vision bzw. dem “Wozu gibt es uns?” andererseits auf. In diesem wunderbaren Artikel verknüpft Johannes Ries die Fragen nach dem Warum und Wozu zu Purpose. So gehe es sowohl retrospektiv darum, das eigene Handeln zu reflektieren und die lebendige Wertebasis zu identifizieren (Warum), als auch prospektiv die lebensdienliche Wertschöpfung für Mitmensch, -geschöpfe und -welt zu identifizieren (Wozu), um daraus zu einer Gestaltung des Handelns für den Moment zu kommen.

Es geht bei der Purpose-Suche also um die Verbindung aus Rück- und Vorschau, um eine Aktualisierung von Werten und eine Benennung von Wertstiftung. Genau hierfür kann auch das Workshop-Tool “Gestern-heute-morgen” einen hervorragenden ersten Aufschlag liefern.

Spannend an dem Purpose-Konzept von Johannes Ries ist aber auch die Prozesslogik dahinter. Es geht nicht darum, einmal einen Purpose zu definieren, der von da an für alle Zeiten gültig und aufgeschrieben ist. Vielmehr ist der gemeinsame Prozess der Reflexion und Vorausschau essentiell. Wie so häufig, ist der Weg das Ziel. Zudem ist diese Überprüfung etwas, das regelmäßig aktualisiert werden sollte, um die Dynamiken, Komplexitäten und Brüche zu berücksichtigen. Die Übung “Gestern-heute-morgen” lässt sich daher nicht nur als Auftakt für anstehende Transformations-, Strategie-, Change- oder andere Prozesse nutzen, um gemeinsam in Resonanz zu gehen. Auch mitten in solchen Vorhaben oder auch zum Ende eignet sie sich gut, z.B. im Rahmen von Meta-Retrospektiven.

Der Beitrag Purpose-Exploration in Aktion: gestern-heute-morgen erschien zuerst auf Komfortzonen.

Gallery-Walks und Poster-Sessions statt zermürbender Plenardiskussionen

„Darüber müssen wir mal gemeinsam mit allen diskutieren.“ So einen Satz hören wir häufiger von Auftraggebern im Rahmen von Vorgesprächen. Angesichts der Fülle an Themen, die mal mit allen diskutiert, behandelt und entschieden werden sollten, gehen dann bei uns schnell die Alarmglocken an. Eine unserer Grundüberzeugungen bei der Arbeit mit Gruppen besteht darin, möglichst wenig Zeit mit unproduktiven Plenardiskussionen zu verbringen und lieber Ideen und Vorschläge in kleinen Gruppen vordenken zu lassen. Trotzdem kommen auch wir nicht an der Diskussion mit allen vorbei. In diesem Artikel möchte ich mit dem Gallery-Walk und der Poster-Session zwei schöne Wege vorstellen, wie wir Diskussionen im Rahmen von Rückpräsentationen kleiner Gruppen anders strukturieren.

Methode 1: Gallery Walk

Ein Gallery Walk ist quasi eine aktivere Form der regulären Rückpräsentation in großer Runde. D.h. es gibt eine Reihe von Gruppen, die die Resultate ihrer Arbeit nacheinander vorstellen und die dann andiskutiert werden. Im Gegensatz zu normalen Diskussionen kommt nicht eine Gruppe nach der anderen nach vorne, während alle anderen immer tiefer in die Seminarraumstühle rutschen. Stattdessen wandert die gesamte Gruppe von einer Station zur nächsten. Allein diese kleine Aktivierung hat schöne Effekte. So bleibt das Energie-Niveau der Gruppe höher und die Diskussionen tendenziell kürzer, weil ja alle stehen und gleich zum nächsten Poster weitergehen wollen. Damit ein Gallery Walk funktioniert, sollte der Raum so groß sein, dass die Gruppen in dem Raum arbeiten können. Natürlich kannst Du auch mit der ganzen Truppe in alle Break-Out-Räume ziehen, aber das würde ich nur machen, wenn die Gruppen auch physisch gearbeitet haben und gemeinsam etwas gebaut oder gebastelt haben.

Methode 2: Poster-Session

Eine Poster-Session ist ein Standardformat auf wissenschaftlichen Konferenzen und aktuell meine Lieblingsalternative zur klassischen Rückpräsentation. Läuft bei einer Rückpräsentation oder auch bei einem Gallery Walk die Präsentation plus Diskussion linear ab, so werden die Rückpräsentationen bei einer Poster-Session parallel getaktet und über eine bestimmte Anzahl von Runden wiederholt. Die Poster-Session ist ähnlich wie das von Dirk beschriebene Zirkeltraining – nur halt für die Rückpräsentationen.

Kleingruppenarbeit vor der Poster-Session

Kleingruppenarbeit vor der Poster-Session

Wenn z.B. insgesamt 20 Teilnehmer in fünf Gruppen parallel gearbeitet haben, gibt es fünf Ergebnis-Poster, die gleichzeitig vorgestellt und diskutiert werden. Jede Kleingruppe von 4 Personen einigt sich auf eine Person, die die Ergebnisse vorstellt und Feedback aufnimmt. Unterdessen teilen sich die restlichen 15 Personen auf die übrigen vier Kleingruppen auf, lassen sich die Ergebnisse der anderen Gruppen vorstellen und diskutieren diese. Um die Diskussion nach der Rückpräsentation gut zu strukturieren und die Ergebnisse festzuhalten, helfen Dir vielleicht diese Tipps von Dirk.

Poster-Session Runde 1

Poster-Session Runde 1

Nach 5-10 Minuten Präsentation und Diskussion wird eine neue Runde eingeleitet: die Teilnehmer wandern an ein anderes Poster und der Präsentator stellt es erneut vor. In der nächste Runde wiederholt sich das Prozedere mit neuen Teilnehmern an den jeweiligen Postern. Das kannst Du solange wiederholen bis alle Teilnehmer alle Poster durchlaufen haben. Oder Du entscheidest Dich gezielt für eine niedrigere Zahl an Sessions. Das solltest Du den Teilnehmern aber vorab mitteilen, so dass diese sich entscheiden können, welche Poster sie hören und welche sie auslassen wollen.

Poster-Session Runde 2

Poster-Session Runde 2

Die Vorteile von Poster-Sessions

  • Ergebnisse können in kleinen Gruppen diskutiert werden: Im Verhältnis zur Plenarrunde können mehr Teilnehmer ihr Feedback einbringen.
  • Ergebnisse werden mehrfach präsentiert und diskutiert. Durch die Wiederholungen und das Feedback gewinnt der Präsentator zusätzliche Tiefe in den Ergebnissen.
  • Poster-Sessions sind kürzer als Rückpräsentationen. Nicht alle müssen alles hören. Die maximale Zahl der Runden ist die Zahl der Kleingruppen minus 1. Im Vergleich zur plenaren Rückpräsentation sparst Du in jedem Fall die Zeit eines Vortrags. Du kannst Dich aber auch grundsätzlich entscheiden, weniger Runden durchzuführen. Bei fünf Kleingruppen reichen z.B. drei Runden. D.h. die Teilnehmer verpassen die Arbeit einer Kleingruppe. Du sparst Dir also zwei Rückpräsentationen. Das ist für mich auch ein häufiger Grund für eine Poster-Session.
  • Poster-Sessions funktionieren auch mit vielen: Auch große Gruppen mit vielen Kleingruppen können jenseits frontaler Präsentationen gut in den gemeinsamen Austausch gebracht werden.
  • Poster-Sessions haben eine hohe Dynamik. Durch die gezielte Auswahl von Präsentationen, die physische Bewegung von Präsentation zu Präsentation sowie durch die Gleichzeitigkeit der Präsentationen sind Teilnehmer viel fokussierter und das Energielevel der gesamten Gruppe ist deutlich höher.

Die Nachteile von Poster-Sessions

  • Der Präsentator kennt nur seine eigene Präsentation: Ein Präsentator muss jeweils bei den Gruppenergebnissen bleiben und kann nicht die Ergebnisse der anderen mitdiskutieren. Dafür gewinnt er über die Wiederholungen und das Feedback der anderen Fachexpertenstatus und es ist daher nicht unattraktiv, die Rolle des Präsentators zu übernehmen.
  • Es gibt keine Gesamtgruppenmeinung. Es fehlt ein gemeinsamer Abstimmungsprozess und Du kannst als Moderator  auf Basis der Poster-Session keine Entscheidungen herbeiführen.
  • Poster-Sessions sind schwierig einzuführen: Es ist anfangs verhältnismäßig schwierig, Teilnehmern das Vorgehen zu vermitteln und den ersten Wechsel zu moderieren.

Varianten der Poster-Session

Bei der Arbeit mit Poster-Sessions solltest Du Dir überlegen, wie die Teilnehmer sich auf die anderen Gruppen aufteilen. So kannst Du die Gruppen gemeinsam zu einem anderen Poster gehen lassen. Dann empfiehlt es sich z.B. im Uhrzeigersinn zu rotieren. Oder Du lässt allen Teilnehmern die freie Wahl, wer wann zu welchem anderen Poster geht. Dann solltest Du als Moderator darauf achten, dass nicht ein Poster un- oder unterbesetzt ist. Oder Du briefst die Teilnehmer von Kleingruppen darauf, dass sie sich so aufteilen, dass nie mehr als eine Person aus der Kleingruppe beim gleichen Poster steht.

Fazit

Der Gallery Walk und die Poster-Session sind zwei schöne Alternativen zur Diskussion von Themen in der ganzen Gruppe. Ganz werden auch wir nicht auf die großen Gesprächsrunden verzichten können.

Nutzt Du andere Alternativen zur plenaren Rückpräsentation? Dann hinterlasse doch einen Kommentar. Und vielleicht ist sie ja auch etwas für einen Gastbeitrag…

Der Beitrag Gallery-Walks und Poster-Sessions statt zermürbender Plenardiskussionen erschien zuerst auf Komfortzonen.

Danke 2018, hallo 2019

Das Jahr 2018 ist fast vorbei und 2019 hat geistig bereits längst begonnen. Bevor wir ganz in die Nicht-Zeit zwischen den Jahren abtauchen, wollten wir Euch Danke sagen und ein kleines virtuelles Präsent machen.

2018 war ein aufregendes Jahr. Wir blicken zurück auf viele spannende Projekte, tolle Begegnungen und neue Werkzeuge im Koffer. Auf tolles Feedback zum Blog, ein inspirierender Gastbeitrag und bewegendes Interview. Für all diese wunderbaren Erfahrungen wollen wir Danke sagen.

Unser Ausblick auf das kommende Jahr

Wir waren in den vergangenen Monaten stark in längere Beratungs-Projekte eingebunden. Neben der Gestaltung einzelner Workshops und Offsites hat sich mit der Begleitung partizipativer und agiler Transformations-Prozesse ein zusätzlicher Fokus etabliert. Wir ordnen dazu gerade noch unsere Gedanken und werden bestimmt im nächsten Jahr auch öfter mal darüber berichten.

Deine Zukunft lesen

Damit sind wir bereits mitten im neuen Jahr. Als kleines Dankeschön wollen wir Dir mit etwas Hokus-Pokus und einer Handvoll Karten die Zukunft lesen. Aber zunächst einmal zur Methode.

Gestern erreichte mich das Instant Archetype Kartenset vom Superflux Studio. Dabei handelt es sich um 22 wundervoll gestaltete Archetypen-Karten für das 21. Jahrhundert. Über den Einsatz von Bildkarten in Workshops hatte Dirk schon mal an anderer Stelle geschrieben. Mich fasziniert an diesem Deck die Universalität und Vielseitigkeit. 

Solche Kartensets sind kreative Trigger. Selbstverfreilich kann niemand mit solchen Karten die Zukunft vorhersehen (Puh – was für eine Erleichterung!). Aber wir können mit Karten dieser Art orakeln. Sie können helfen, neue Ideen zu bekommen und aus einer neuen Perspektive auf Fragen und Themen zu schauen. Wir können darüber anders ins Gespräch kommen und dabei unsere Gedanken ordnen. Wir können Wünsche und Sorgen explizit machen, die uns vorher noch nicht so richtig klar waren. 

Mit dem Karten-Set kommt eine kleine Anleitung mit Vorschlägen, wie man die Karten schlau nutzen kann. Eine davon haben wir für diese kleine Übung herausgezogen, um Deine Zukunft “vorherzusagen.”

Gestern-heute-morgen

Du ziehst drei beliebige Karten (so wie ich es unten getan habe), sortierst sie für Dich und legst sie nebeneinander auf den Tisch. Die erste Karte repräsentiert dann die Themen aus der Vergangenheit, die zweite Dinge aus der Gegenwart und die dritte aus der Zukunft. In diesem Fall also so etwas wie:

Was sagt Dir „Kollaps“ über die Vergangenheit Deines Themas?
Was sagt Dir „Innovation“ über die Gegenwart Deines Themas?
Was sagt Dir „Disruption“ über die Zukunft Deines Themas?

Deine Karten für 2019

Genug der Vorrede. Lass uns in Deine Karten für 2019 schauen. Wir haben drei Karten für Dich ausgewählt und nach dem Gestern-Heute-Morgen-Prinzip platziert. Bevor Du weiterliest: Überlege Dir zunächst ein persönliches Thema, das Du beleuchten möchtest. Ein Thema, dass Du mit Hilfe der Karten aus neuer Perspektive betrachten möchtest. Etwa “Vereinbarkeit meines Jobs mit meiner Familie” oder “Wie ich lerne” oder “Wie ich mich entscheide.”

Bildkarten Workshops

Bist Du bereit, Dich dazu mit Vergangenem zu befassen?

Bildkarten Workshops

Was sagt Dir der Visionär zur Vergangenheit Deines Themas?

Willst Du das Hier und Jetzt erkunden?

Was sagt Dir der Designer zur Gegenwart Deines Themas?

Mach Dich auf Kommendes gefasst.

Was sagt Dir der Aktivist zur Zukunft Deines Themas?

Welche Gedanken und Gefühle haben diese drei Bilder bei Dir angestoßen? Konntest Du neue Erkenntnisse gewinnen?

Vielleicht hilft Dir diese kleine Übung, Dich mit Deinen Vorhaben und Plänen für das kommende Jahr zu beschäftigen. Wir legen uns ab dem 7. Januar wieder die Karten.

In diesem Sinne: auf bald im neuen Jahr!

Der Beitrag Danke 2018, hallo 2019 erschien zuerst auf Komfortzonen.

Kreatives Stühle-Rücken mit Skulptur: Mehr als nur ein Workshop-Energizer

Wenn man unter dem Label Komfortzonen agiert, dann weckt man allerorts die Erwartung/ Befürchtung, dass es auch mal kreativ und unbequem wird. Manchmal lösen wir das über Material, manchmal über die Moderation an sich und manchmal auch über die Workshop-Energizer. Heute will ich Euch meinen aktuellen Liebling vorstellen. Location-Vermieter sollten lieber nicht weiterlesen – sonst haben wir womöglich bald irgendwo Hausverbot…

Immer wenn wir mit Gruppen, Teams oder loseren Konstellationen arbeiten, geht es nicht nur um gute Gesprächsführung. Um Gruppen voranzubringen braucht es auch Interventionen, die die Teilnehmer aktivieren, emotional involvieren oder kreativ werden lassen. Ein Teilnehmer nannte dies kürzlich „Ihre kleinen, fein eingestreuten Psycho-Tricks.“ In dieser „Psychotrickkiste“ liegen beispielsweise Lego-Steine und Metapher-Sticker, Workshop-Energizer oder Spiele. Über die Beschäftigung mit dem Soziodrama hat sich mein Fokus wieder stärker auf die Aktivitäten im Raum und Stühle als Gestaltungsinstrument gerichtet. Und bei der Suche nach neuen Workshop-Energizern bin ich über diese Ideen zum kreativen Umgang mit Stühlen gestolpert und hab mir daraus einen tollen Workshop-Energizer zusammengebaut. Denn Stühle gibt es in jedem Raum – und sie sind nicht nur zum Sitzen gut. Die Übung schubst die Teilnehmer aus ihren Komfortzonen, treibt den Puls hoch, weckt die kreativen Geister und verschönert jeden noch so tristen Seminarraum.

Kreatives Stühle-Rücken: Workshop-Energizer

Was Ihr für diesen Workshop-Energizer braucht…

… einen Raum mit genug Platz für die Teilnehmer zum Laufen. Sollte z.B. ein großer Konferenztisch in der Mitte stehen und den Raum ausfüllen, kannst Du diese Übung in dem Raum nicht so gut nutzen (aber es geht natürlich auch irgendwie).

Wie das kreative Stühle-Rücken mit Skulptur geht:

Für diesen Workshop-Energizer lassen alle Teilnehmerinnen die Stifte fallen, stellen ihre Kaffeetassen weg und nehmen sich einen Stuhl.

Workshop-Energizer mit Stühlen

Schritt 1: kreatives Stühle-Rücken zum Einstieg

Im ersten Schritt bewegen sich die Teilnehmer mit ihrem Stuhl auf möglichst kreative Art und Weise im Raum. Einige beginnen die Stühle zu schieben, andere tragen oder ziehen sie. Es gibt unendliche Möglichkeiten. Nachdem die Teilnehmerinnen sich an die besondere Art mit ihrem Stuhl zu bewegen, gewöhnt haben, bitte ich sie, den Blick auf die Gangarten der anderen zu richten. Anschließend bitte ich sie, in einer neuen Fortbewegungsart weiterzulaufen.

Schritt 2: kreatives Stühle-Rücken mit Thema

Nach 2-3 verschiedenen Arten mit den Stühlen zu gehen, führe ich die Stühle als repräsentatives Objekt von etwas ein. Geht der Workshop z.B. um das Transformations-Team, ist jeder Stuhl das Transformations-Team. Geht es um die Entwicklung der Vision für einen Bildungsradweg, ist jeder Stuhl ein Bildungsradweg. Der Stuhl repräsentiert also ein wichtiges Thema oder einen zentralenAkteur. Mit so einem inhaltlich-aufgeladenem Stuhl bewegen sich die Teilnehmer nun erneut auf kreative Weise im Raum. Meist ändert sich die Stimmung im Raum schlagartig. Auch in diesem Schritt lasse ich die Teilnehmer immer mal wieder ihren Blick auf ihre Mitstreiter richten und neue Gangarten einnehmen. Und manchmal frage ich auch, ob den Teilnehmern klar ist, wie sich das Gehen und Hantieren mit den Stühlen plötzlich geändert hat.

Stuhl-Skulptur

Schritt 3: Stuhl-Skulptur bauen

Zum Abschluss des kreativen Stühle-Rückens lasse ich die Teilnehmer aus den Stühlen eine thematische Skulptur bauen. Die Summe der individuellen Objekte soll zu einem Gesamtkunstwerk werden. Waren die einzelnen Stühle bislang etwa das Transformations-Team, so bauen die Teilnehmer nun aus allen Stühlen eine Transformations-Team-Skulptur – ohne dabei zu reden. Das ist wichtig, da wir keine verbale Abstimmung wollen.

Schritt 4: Die Stuhl-Skulptur interpretieren

Ist die Skulptur fertig, geht es daran, sie zu interpretieren. “Was fällt Euch auf, wenn Ihr diese Transformations-Team-Skulptur seht?” “Was sagt uns die Skulptur über die Entwicklungsmöglichkeiten des Transformations-Teams?” “Wie stabil ist die Skulptur und was hat das mit dem Transformations-Team zu tun?”

Spannend ist auch noch die Reflektion über den Prozess. Also: “Wer hat zuerst einen Stuhl platziert, wer zuletzt und wie lief es währenddessen ab?”

Workshop-Energizer Stuhl Skulptur

 

Wann kannst Du das kreative Stühle-Rücken mit Skulptur einsetzen?

Das kreative Stühle-Rücken ist zugleich Energizer und Themen-Öffner. Wir haben es schon als inhaltliches Warm-Up zu Beginn eines Workshops genutzt, zur Zwischenreflektion um die Mittagszeit sowie zum kreativen und inhaltlichen Abschluss der gemeinsamen Arbeitssession. Die Skulptur eignet sich zudem wunderbar, um damit ein Gruppenfoto der Workshop-Teilnehmer zu machen.

Die Galerie der wild gestapelten Stühle?

Ich fände es ganz wunderbar, wenn eine Galerie verschiedener Stuhl-Skulpturen entstünde. Postet sehr gern Eure Stuhl-Skulpturen mit dem Hashtag #ChairSculpture auf Twitter oder Instagram. Das würde uns sehr freuen.

Der Beitrag Kreatives Stühle-Rücken mit Skulptur: Mehr als nur ein Workshop-Energizer erschien zuerst auf Komfortzonen.

Magic Estimation: In Workshops schnell zu Entscheidungen kommen

Wenn es in Workshops um Bewertungen und Abstimmungen geht, dann sind Klebepunkte schnell zur Hand. Ich habe in den letzten Monaten eine äußerst elegante Bewertungsmethode wiederentdeckt, die vollkommen ohne Dot-Voting auskommt. Wie von Zauberhand bewertet sich auch eine große Zahl von Moderationskarten, Post-Its, Ideen oder Konzepten in kürzester Zeit. Das Tool heißt “Magic Estimation” und entstammt dem agilen Werkzeugkasten.

Immer wieder gibt es in Workshops die Situation, dass man gemeinsam Ideen, Ergebnisse, Ziele, Konzepte oder Maßnahmen bewerten soll. Meist sind diese auf Moderationskarten, Post-Its oder auf Templates wie z.B. einem Elevator Pitch notiert. Verkürzt nenne ich sie mal Objekte und meine damit all diese zu bewertenden Dinge und ihre Darreichungsformen. Immer wenn eine solche Bewertung ansteht, greifen viele reflexartig zu Klebepunkten bzw. zur (Mehr-)Punktabfrage. Dieser Artikel zeigt, dass es auch anders geht. Dafür haben wir ein Tool aus dem Scrum-Werkzeugkoffer übernommen.

Magic Estimation stellt die Logiken des Punkte-Klebens auf den Kopf

Das zauberhafte Schätzen unterscheidet sich vom Dot-Voting in doppelter Hinsicht: Zum einen basiert das Dot-Voting auf dem Prinzip aggregierter Einzelentscheide, während das Magic Estimation nach dem Prinzip eines verhandelten Konsensentscheids verfährt. Zum anderen stellt ein Magic-Estimation das Dot-Voting auf den Kopf: Bekommt beim Dot-Voting jede Teilnehmerin eine feste Zahl an Punkten, die dann auf die vorhandenen Konzepte, Ideen oder Maßnahmen zu kleben sind, so lässt das Magic Estimation die zu bewertenden Objekte dagegen entlang einer festen Bewertungsskala wandern. Das klingt abstrakt?

Die Besonderheiten des zauberhaften Schätzens

Stell Dir vor, Ihr habt in einem Kreativ-Workshop 100 erste Ideen entwickelt und sollt nun auswählen. Hier fühlt sich ein Dot-Voting schnell ruckelig an. Als Teilnehmer fällt es mir schwer aus einer Flut an Ideen so mir nichts dir nichts meine Favoriten rauszupicken. Und selbst wenn meine Mitstreiter und ich über Klebepunkte eine Auswahl getroffen haben, so werden ganz viele Post-Its auch ohne Bewertung bleiben. Weil sie keine (oder nur wenige) Punkte bekamen, ziehen wir daraus den Schluss, dass sie unwichtig sind. Wir interessieren uns nicht dafür, wie wir die Ideen am unteren Ende der Skala bewerten.

Magic Estimation dagegen bringt uns dazu, dass jede Idee, jede Maßnahme oder jedes Ziel in eine Bewertungskategorie sortiert wird. Das geht ganz bequem auch mit einer großen Menge an Moderationskarten, Post-Its oder Ideen. Quasi nach dem Prinzip: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Das Tool wurde von Boris Gloger für den Einsatz in Scrum-Teams entwickelt. Die nutzen es, um zum Beispiel User-Storys bei der Produktentwicklung nach Relevanz zu bewerten und entsprechend ein priorisiertes Backlog aufzubauen.

Magic Estimation im Überblick

  • Schritt 1: Bewertungsskala festlegen
  • Schritt 2: Teilnehmer verteilen die zu bewertenden Items auf die Bewertungsskala
  • Schritt 3: Teilnehmer sichten das Gesamtbild und rearrangieren es
  • Schritt 4: Diskussion der Items, die häufig gewandert sind

Schritt 1: Bewertungsskala festlegen

Zunächst legst Du als Moderator eine Skala fest, anhand derer die Objekte bewertet werden sollen. Im agilen Kontext wird hier häufig die Fibunacci-Reihe gewählt, sprich die Zahlen 1, 2, 3, 5, 8, 13, … Diese finden sich auch im Planning Poker wieder. Wer so ein Kartenspiel fest im Moderationskoffer hat, kann es also gut umnutzen.

Neben den Zahlen musst Du natürlich auch festlegen, wofür die Skala stehen soll. Kriterien können z.B. Relevanz, Einfluss oder Aufwand sein. 1 ist dann relativ gesehen niedrig und je höher die Teilnehmer ein Objekt sortieren, desto wichtiger wird es. Spannend an der Fibonacci-Reihe ist zudem, dass die Teilnehmer die Skala auch ganz einfach noch nach oben erweitern können, wenn ihnen die 1-13 nicht ausreichen sollten.

Magic Estimation Start-Stop-Continue

Wir haben das “magische Schätzen” aber auch schon mit ganz anderen Skalen durchgeführt. Im Rahmen eines Projekts mit sehr vielen externen Stakeholdern haben wir zum Beispiel gemeinsam die Bedeutung der verschiedenen Akteure eingeschätzt und eine Stakeholder-Map erstellt. Aber auch auf anderen 2×2 Matrizen haben wir Post-Its wandern lassen. Und als es in einem Strategieprozess darum ging, über eine Vielzahl kleiner Handlungsinitiativen zu den großen Themen zu kommen, haben wir eine erweiterte Start-Stop-Weiter-Logik benutzt, die der Starfish-Methode bzw. dem Four Actions Framework ähnelt. Die Teilnehmer konnten für die Vielzahl an Handlungsinitiativen entlang von ca. 7 übergeordneten Themen, die im Raum standen, zwischen folgenden fünf Kategorien wählen.

Magic Estimation 2x2

Schritt 2: Teilnehmer verteilen die zu bewertenden Objekte auf die Bewertungsskala

Die Teilnehmer schnappen sich nun die Post-Its, Moderationskarten oder Templates, die bewertet werden sollen, und hängen sie nach bestem Wissen in die Felder der Kategorien. Wenn Du z.B. 100 Objekte hast, die zu sortieren sind, und Du es mit 10 Workshop-Teilnehmern zu tun hast, dann können diese ratzfatz verteilt werden. Dieser Schritt geht daher meist unglaublich schnell.

Schritt 3: Teilnehmer sichten das Gesamtbild und rearrangieren es

Wenn alle Ideen, Konzepte oder Maßnahmen sortiert sind, verschaffen sich die Teilnehmer einen Überblick und prüfen, inwieweit sie der Bewertung ihrer Kolleginnen zustimmen. Wenn ich als Teilnehmer ein Objekt anders bewerte, dann hänge ich es einfach um. Und einem Kollegen steht es genauso frei, das Objekt wieder umzuhängen. Nach und nach sortiert sich das Bild etwas um. Meistens bleiben 80% der Karten genauso hängen, wie sie eingangs platziert wurden. Implizit gehen wir davon aus, dass es hierzu ein gemeinsames Verständnis gibt und die statischen Objekte keiner weiteren Diskussion bedürfen. Aber es gibt auch immer Items, die bewegt werden. Einige wandern sogar mehrfach und wenige hören nicht auf zu wandern.

Magic Estimation Fibonacci-Reihe

Als Moderator muss ich die Dynamik aufmerksam verfolgen und jedes Objekt, das mindestens 1x wandert, markieren. Das geht gut, indem man die Karte mit einem Blitz markiert oder bei einem Post-It die rechte untere Ecke umknickt. Beides sind dem Konzept der schriftlichen Moderation folgend Hinweise auf Widerspruch und Diskussionspunkte. Und natürlich könnte man so eine Karte auch mit einem roten Klebepunkt markieren (*grins*).

Dieser Prozess kann schnell eine Viertelstunde dauern und manchmal kommt er auch nicht an ein natürliches Ende. Dann muss ich als Moderator das zauberhafte Schätzen beenden und direkt mit Schritt 4 weitermachen. WICHTIG ist: Schritt 2 und 3 sollen schweigend stattfinden.

Schritt 4: Diskussion der Items, die häufig gewandert sind

Zum Abschluss geht es noch einmal darum, die strittigen Objekte herauszugreifen und zu diskutieren. Die Gründe, warum es zu unterschiedlichen Bewertungen kommt, sind vielfältig. Manchmal sind die Inhalte nicht eindeutig und unterschiedliche Personen verstehen unterschiedliche Dinge darunter. Und natürlich gibt es auch unterschiedliche Auffassungen über die Relevanz.

Fazit zum Magic Estimation

Wir haben Magic Estimation das erste Mal auf dem Hackday mit SI-Labs 2016 eingesetzt. Wie es manchmal so passiert, ist es dann irgendwann ein wenig im Werkzeugkasten nach unten gerutscht – nun haben wir es in der letzten Zeit aber mehrfach wieder eingesetzt und ich bin wieder frisch verliebt.

Beim Magic Estimation wird zuerst sortiert und dann diskutiert. Dadurch steigt die Workshop-Dynamik. Du kannst viele Objekte in kurzer Zeit bewerten und erhälst eine Bewertung für alle Objekte. Aber noch viel wichtiger: Du verbringst mehr Zeit auf den wichtigen Themen und die Aufmerksamkeit richtet sich viel stärker auf die Themen, die einer intensiven Auseinandersetzung bedürfen.

Gibt es andere Arten das Magic Estimation zu nutzen? Oder kennst Du andere Alternativen zum klassischen Dot-Voting?

Dann hinterlasse doch einen Kommentare mit einem kleinen Hinweis.

Der Beitrag Magic Estimation: In Workshops schnell zu Entscheidungen kommen erschien zuerst auf Komfortzonen.

Soziodrama: eine vollkommen andere Art einen Workshop zu „moderieren“

Ende letzten Jahres bin ich über das Soziodrama gestolpert – eine Methode, mit der Du Gruppenzusammenkünfte anders leiten kannst. Beim Soziodrama werden die Erlebnisse und Erfahrungen der Gruppe und der Teilnehmer vor den kognitiven Diskurs gestellt. Statt Diskussionen zu versachlichen wie bei klassischen Workshops geht es darum, Teilnehmer emotional tiefer in bestimmte Themen eintauchen zu lassen. Das Soziodrama bewegt sich irgendwo zwischen Live-Rollenspiel, Impro-Theater und Struktur-Aufstellungen – und ist zugleich älter als diese Formen. Ich habe das Soziodrama einmal in Abgrenzung zu klassischen Workshops definiert. Bevor ich die 5 Unterschiede heraus arbeite, sage ich einleitend etwas zum Ursprung des Soziodramas und wie ich dazu gekommen bin.


Wie ich darüber gestolpert bin

Letztlich gibt es vier Fäden, die hier zusammenlaufen. Zum einen bin ich seit dem Schnupperkurs im Betahaus vom Impro-Theater fasziniert, weil man darüber so schnell Energie wieder zurückholen kann. Aber mehr als Energizer für Workshops hatte ich dabei bislang nicht im Sinn.

Zum anderen habe ich im letzten Jahr für den Good School Digital Transformation Club  eine Strukturaufstellung konzipiert und moderiert. Das war eines meiner Highlights 2017. Aber an Aufstellungen stört mich, dass es eine Person braucht, die aufstellt und sich damit exponiert. Das halte ich für die Arbeit in Organisationen nicht immer für geeignet. In einem seiner Videos verweist Matthias Varga von Kibed auf das verwandte Gebiet des szenisch-darstellerischen Arbeitens – und meine Neugier war geweckt.

Über Theory U von Otto Scharmer bin ich zudem mit dem Social Presencing Theater von Arawana Hayashi in Kontakt gekommen. Zu guter Letzt habe ich auf einer Hochzeit Stefan Deutsch kennengelernt, einen Game-Designer für Live-Rollenspiele. Irgendwie schien sich alles zu verdichten, als ich das Soziodrama entdeckte.

Struktur-Aufstellung Digital Transformation Club

Strukturaufstellung zum Thema Digitale Transformation an der Good School

Was ist ein Soziodrama?

Soziodrama ist eine szenisch-darstellerische Methode, um gemeinsam mit anderen Gruppen- und Gesellschaftsthemen zu explorieren. Für das jeweilige Thema werden Szenen entwickelt. Die Szenen werden mit den notwendigen Rollen ausgestattet und dann gilt es, die Interaktion der Rollen in der Szene zu spielen. In einem Soziodrama, an dem ich kürzlich an der Soziodrama-Akademie teilgenommen habe, hatten wir das Thema „Teams, die an ihr Ende kommen“. Das Thema wurde über eine Szene bearbeitet, in der ein Team darauf wartet, dass große Umbrüche im Unternehmen verkündet werden. Und als Rollen waren der CEO, ein Banker, vier Teammitglieder und zwei Familienangehörige vorgegeben.

Statt einem Diskurs erleben und erfahren die Teilnehmer ein Thema in Aktion. Dabei geht es nicht so sehr um gutes Theater, sondern um besagte Erlebnisse und Erfahrungen für die Teilnehmenden.

Und wer hat das erfunden?

Die Methode wurde seit den 1920er Jahren von Jacob Moreno entwickelt, der auch als Vater des Psychodramas bekannt geworden ist. Das Psychodrama ist vor allem im therapeutischen Kontext verbreitet. Es geht beim Psychodrama um die Bearbeitung individueller Themen, Probleme und Fragestellungen in einer Gruppe. Im Gegensatz dazu behandelt das Soziodrama gesellschaftliche oder Gruppenthemen in einer Gruppe. Da die soziodramatische Arbeit nicht in einen therapeutischen Kontext eingebunden ist und Moreno sich eher mit dem Psychodrama beschäftigt hat, ist das Soziodrama als Methode vergleichsweise unbekannt, aber auch viel freier in der Anwendung als das Psychodrama.

Soziodrama vs Workshop

Die 5 wichtigsten Unterschiede zwischen einem Soziodrama und einem konventionellen Workshop

Da wir das Soziodrama oder soziodramatische Elemente in Offsites mit Führungskräften und Teams nutzen wollen, habe ich mal die zentralen Merkmale des Soziodramas in Abgrenzung zu klassischen Workshops formuliert. Zwar folgen die wenigsten unserer Workshops diesen klassischen Workshop-Regeln und wir haben in unserer Praxis schon einige soziodramatische Methoden ähnlich genutzt. Über die Abgrenzung soll aber klarer werden, was genau ein Soziodrama ist und wie es im Wesentlichen funktioniert.

Unterschied 1: Warm-Ups sind mehr als lustige Energizer

Viele klassische Workshops verzichten ganz auf Energizer oder setzen sie nur zur Auflockerung ein: zum Start eines Workshops, zum Ende, oder um die Teilnehmer aus dem Mittagsloch zu holen. Meistens gibt es nur eine Übung, die mit dem inhaltlichen Arbeiten eher lose gekoppelt ist. Wir sind schon lange begeistert von Energizern und versuchen diese immer auch inhaltlich zu verknüpfen. Was ich dann bei meinem ersten Soziodrama erlebte war trotzdem ganz anders!

Dr. Ron Wiener, der wohl bekannteste Soziodramatiker in Europa, führte uns beim Soziodrama “A World Gone Mad” beispielsweise durch eine Kette von fünf Warm-Ups. Jedes Warm-Up hatte eine bestimmte Intention und Funktion.

Übungen Intentionen & Funktionen
„Geht zu zweit durch den Raum und stellt Euch vor, dass es sich um eine Galerie handelt, in der alles mit einer Intention steht“
  • Mit dem Raum vertraut machen
  • auf Details achten
  • sich bewegen
„Tut Euch zu zweit zusammen. Eine Person hält die Hand mit etwas Abstand vor das Gesicht der anderen Person und beginnt diese zu bewegen. Die zweite Person muss immer den gleichen Abstand einhalten und der Hand folgen.“ (Augusto Boals kolumbianische Hypnose)
  • Im Hier und Jetzt ankommen
  • den eigenen Körper nutzen
  • Führen und Folgen
„Zu zweit spielt ihr zwei Freunde, die sich lange nicht gesehen haben und die sich in einer Fantasiesprache unterhalten“
  • Kreativität wecken
  • Mimik, Gestik und Stimme nutzen
  • ins spontane Spiel kommen
„Schlüpft in die Rolle von etwas, dass es schon jahrhundertelang gibt und interviewt Euch gegenseitig“
  • Mit Rollen und Rollenspiel vertraut machen
  • Eine andere zeitliche Perspektive einnehmen
„Steigt in Eure erste Rolle für das Spiel ein und vertieft die Rolle im gegenseitigen Gespräch“
  • Vorbereitung der Rollen auf das soziodramatische Spiel

Das Warm-Up ist die erste der drei Phasen des Soziodramas. Ohne ein gutes Warm-Up können Teilnehmer nicht tief genug in Themen und Rollen eintauchen und das Spiel bleibt zu oberflächlich.

Soziodrama Schuhe

Unterschied 2: Teilnehmer agieren in Rollen – und nicht als sie selbst

Die zweite Phase ist das soziodramatische Spiel. Hier schaffen und spielen die Teilnehmer Rollen, die notwendig sind, um das Thema mit seinen Fragestellungen und Dynamiken zu erkunden. Während des Spiels bleiben die Spieler in den Rollen und handeln aus deren Eigenlogiken heraus (As-if). Man spricht z.B. aus seiner Rolle aus der Ich-Perspektive. Je nach Tiefe der benötigten Rolle versuchen die Teilnehmerinnen die Körperhaltung ihrer Rolle einzunehmen und deren Emotionen zu übernehmen. Sie machen sich Gedanken zu ihrer Hintergrundgeschichte. Eine Rolle muss nicht notwendigerweise menschlich sein. Bei meinem ersten Soziodrama “A World Gone Mad” war ich erst eine nationale Grenze und später “Unsicherheit”. Es war erstaunlich, wie gut das geht – wenn man aufgewärmt ist.

Durch das Übernehmen von (verschiedenen) Rollen tauchen Teilnehmerinnen auch emotional tief ein. Sie erleben und erfahren, wie es ist, in fremden Schuhen durch die Welt zu laufen, und wie es sich in dieser Rolle anfühlt. Sie erweitern ihr Rollenrepertoire – also die Vielzahl verschiedener Rollen, die einem vertraut sind. Allein das größere Rollenrepertoire führt bei vielen Teilnehmern zur Erkenntnis neuer Lösungswege, die man bisher nicht gesehen oder für möglich gehalten hat. Soziodrama setzt also Erlebnisse und Erfahrungen vor den kognitiven Diskurs und Emotionalisierung über Rollen vor die Versachlichung der Diskussion.

Unterschied 3: Stühle sind nicht allein zum Sitzen da

Klassische Workshops fordern den Teilnehmern viel Sitzfleisch ab, und die Frage nach der Art der Bestuhlung hat eine strategische Dimension. Im Soziodrama wird viel mehr in Aktion gemacht. Gleichwohl haben Stühle auch eine besondere Bedeutung. Stühle sind quasi die Standard-Requisite des Soziodramas. Es kommt regelmäßig vor, dass Teilnehmer weitere Rollen kreieren, aus einer Rolle gehen oder sich für eine wichtige Rolle kein Spieler findet. Hier helfen Stühle – sie halten Rollen, geben Rollen eine Position und Richtung im Raum und können Platzhalter für unbesetzte Rollen sein.

Soziodrama

Nachgestelltes Set-Up eines Soziodramas an der Soziodrama-Akademie zum Thema: „Teams, die an ihr Ende kommen“

Unterschied 4: Regie führen statt zu moderieren

Als Moderator setze ich Themen, definiere die Länge verschiedener Diskussions-Slots, wähle die passende Frage plus Bearbeitungsform aus und bereite das entsprechende Material vor. Ich bin Berater, Mediator und Entertainer. Im Diskurs interveniere ich dann hauptsächlich über Fragen und manchmal auch über Konfrontationen.

Beim Soziodrama dagegen bin ich ein Live-Regisseur. Das heißt, ich entwickle eine Szene, fülle sie mit den notwendigen Rollen und steuere dann das Spielgeschehen und die Dynamik. Ich achte auf die Energie im Raum und darauf, dass das Spiel nicht zu stark vom Thema abweicht. An mir ist es auch, das Spiel zu beenden, wenn die Geschichte oder die Gruppen-Energie ans Ende gerät. Als Live-Regisseur darf ich das Spiel aber auch nicht stören, z.B. indem ich es verbal oder non-verbal kommentiere oder zu stark eingreife.

Unterschied 5: Anweisen statt Fragen

Im Gegensatz zu den verschiedenen Frage- und Bewertungstechniken eines klassischen Workshops mit seinen Zuruf- und Kartenfragen, Thesen und Bewertungen, brauche ich als Live-Regisseur andere Werkzeuge. Um ins Spielgeschehen einzugreifen, gibt es unzählige Möglichkeiten. Im Folgenden stelle ich kurz die Basisinterventionen des Soziodramas vor sowie beispielhaft ein paar weitere Eingriffsmöglichkeiten.

Pausieren: ich pausiere das Spiel, um eine Anweisung zu geben.

Doppeln: ein Teilnehmer stellt sich schräg hinter die Person in Rolle und spricht das Unausgesprochene aus. Das muss nicht zwingend etwas sein, dass diese Person gerade denkt. Es kann auch etwas sein, dass die Person denken könnte. Doppeln kann auf Anweisung erfolgen oder auch Teil des normalen Spiels sein, um Gedanken auszudrücken.

Rollentausch: als Regisseur kann es sehr ergiebig sein, Teilnehmer zu bitten, ihre Rollen zu tauschen. Wenn ich zum Beispiel dominantere und stillere Personen die Rollen tauschen lasse, wird das Spiel eine andere Richtung erhalten und neue Impulse bekommen.

Statuen: die Arbeit mit Statuen ist einer Struktur-Aufstellung oder dem Social Presencing Theater (siehe Video) sehr ähnlich. Teilnehmer positionieren sich Raum, im Verhältnis zueinander und nehmen dabei eine Pose an, die ihre Rolle zum Ausdruck bringt. Über Statuen kann man z.B. gut Systeme erkennbar machen und aufzeigen, was gestaltbar ist und was nicht. Statuen lassen sich selbstverständlich auch irgendwann in Bewegung bringen.

Rolleninterviews: Um Teilnehmern zu helfen, Rollen zu vertiefen, kann ich Interviews führen. Ich frage z.B. nach einem Namen, einem Ort, nach dem Kontext der Person, Vorlieben, Abneigungen, Erfahrungen oder was gerade notwendig ist, um ein tieferes Rollenverständnis zu entwickeln. Auch die Fragen aus der Character Map passen gut, um zu mehr Rollentiefe zu gelangen. Während des Spiels kann ich zudem über Rolleninterviews, Schlaglichter auf einzelne Rollen und Thematiken legen oder Teilnehmer neu involvieren.

Sonstige Eingriffsmöglichkeiten: Darüberhinaus gibt es unzählige weitere Möglichkeiten das Spielgeschehen zu lenken. Ich kann die Teilnehmer bitten das Spiel möglichst groß (größere Gesten, lautere Stimmen, mehr Raum,…) zu machen oder inhaltlich zu übertreiben, oder ohne Worte fortführen zu lassen. Ich kann um neue Rollen bitten oder einen leeren Stuhl mit einem Thema als Projektionsfläche platzieren. Ich kann zeitlich variieren und die Teilnehmer an den Anfang einer Szene, in die Vergangenheit oder in eine mögliche Zukunft platzieren. Nur eins sollte ich nicht tun: selbst in eine Rolle schlüpfen.

Am Ende geht es aber nicht darum, ein gutes und unterhaltsames Spiel zu entwickeln, sondern der Gruppe zu helfen, ihr Thema voranzubringen.

Was klassische Workshops und Soziodrama verbindet

Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten zwischen einem klassischen Workshop und einem Soziodrama. Ein Soziodrama endet mit dem sogenannten Sharing. Teilnehmer berichten über ihre Erlebnisse und Erkenntnisse aus ihren Rollen, über vergleichbare Erfahrungen in ihrem Leben. Sie ziehen Schlüsse und können an dieser Stelle auch Entscheidungen treffen, Aktivitäten beschließen. Das Sharing ist der post-rationalisierende Diskurs des Erlebten und Erfahrenen. Das kann allein, in Kleingruppen oder im Plenum erfolgen. Man kann die Äußerungen an Postern mitvisualisieren (oder darauf verzichten).

Aus der Analyse von Spielphasen kommend haben Chris Caswell und Julian Kea einen schönen Ansatz für das Sharing entwickelt. Zum Debriefing Cube geht es hier.

Soziodra

Stuhlkreis für das Sharing bei „A World Gone Mad“

Soziodramatische Techniken in Workshops nutzen

Natürlich ist es auch möglich Elemente des Soziodramas in Workshops zu nutzen. Das haben wir auch schon gemacht. So haben wir bei einem Vortrag z.B. ausgewählte Teilnehmer vorab in Rollen schlüpfen lassen und sie den Vortrag aus dieser bestimmten Stakeholder-Rolle heraus hören lassen. Anschließend wurden sie dann von den übrigen Zuhörern in Rollen-Interviews zu ihren Eindrücken interviewt. In einem anderen Fall haben wir die Teilnehmer eines Meetings in die Rollen von zentralen Stakeholdern schlüpfen lassen. Über Rollen-Interviews und Doppeln haben wir dann gut herausbekommen, was diese nicht-anwesenden Akteure wohl bewegen mag. Die große Schwierigkeit beim Arbeiten mit soziodramatischen Techniken ist das Aufwärmen. Man muss es irgendwie schaffen, Workshop-Teilnehmer schnell in eine Art Minispiel zu bringen und das Warm-Up muss im Verhältnis zur Spielzeit stehen.

Fazit

Das Soziodrama bietet einen Werkzeugkasten, um anders mit Gruppen zu arbeiten. Dieser Werkzeugkasten ist nicht besser oder schlechter als der des klassischen Workshops, sondern bietet schlicht andere Werkzeuge. Während klassische Workshops ergebnisorientiert, rational und reich an niedergeschriebenen Resultaten sind, steht beim Soziodrama etwas anderes im Vordergrund. Du führst Gruppen nicht über den kognitiven Diskurs, sondern über die Erlebnisse und Erfahrungen eines szenischen Spiels. So können Teilnehmer emotional tiefer eintauchen und Themen erleben und erfahren. Über diese Erlebnisse und Erfahrungen kommt man dann auch zu gemeinsamen Erkenntnissen.

Mit so einem neuen, mächtigen Werkzeugkasten muss man sich natürlich erst einmal gründlich vertraut machen. Ich habe mich auf den Weg zum Soziodrama-Leiter gemacht und besuche gerade regelmäßig die Soziodrama-Akademie in Berlin. Ich habe erste Leitungserfahrungen gemacht und soziodramatische Techniken in Workshops eingesetzt.

Aktuell sind wir auf der Suche nach weiteren Einsätzen für diese tolle Methode und das neue Arbeiten. Sprecht uns dazu gern an.

Soziodrama Bücher

Weiterführende Links und Lese-Tipps:

Der Beitrag Soziodrama: eine vollkommen andere Art einen Workshop zu „moderieren“ erschien zuerst auf Komfortzonen.

3-Bälle-Moderation

…oder wie Du hitzige Diskussionen entspannt jonglieren kannst

Zu meinen Moderations-Schreckbildern gehört ja so etwas wie ein Redestein. Und auch wenn das ein durchaus nützliches Tool sein mag, habe ich einfach große innere Widerstände dagegen. Umso erstaunlicher, dass ein sehr ähnliches Werkzeug zu meinem absoluten Liebling geworden ist. Ich finde, dass das ein wahrer “Hidden Champion” unter den Moderations-Tools ist. Darum wird es Zeit, die 3-Bälle-Moderation vorzustellen.

Stell Dir folgende (nicht ungewöhnliche) Situation vor: es sind mehr als 10 Personen versammelt und es wird emsig und oft emotional diskutiert und viel durcheinander geredet. Als Moderator muss ich dann permanent gute Gesprächsregeln und die richtige Reihenfolge (meist erfolglos) einfordern – zusätzlich zu meinen anderen Aufgaben. Hier springt mir die 3-Bälle-Moderation zur Seite.

Drei Bälle für ein Halleluja

Ich lege drei Bälle in die Mitte. Jede, die etwas sagen will, muss sich vorher einen Ball nehmen. Weil es drei Bälle sind, ergibt sich automatisch eine Reihenfolge der Mitteilungsbedürftigen. Weil man sich erst einen Ball nehmen und manchmal warten muss, bis einer zurückgelegt und frei ist, nimmt man Dynamik und Hitzigkeit aus der Situation und legt mehr Gewicht auf den Redebeitrag jeder einzelnen. Als Moderator habe ich dann wieder Kapazitäten den Diskurs zu verfolgen, kann ggf. mitvisualisieren oder auch mal eine Nachfrage stellen.

Hinwerfen verboten

Wichtig daran ist, dass die Teilnehmer beim Zurücklegen die Bälle nicht einfach in die Mitte schmeißen, sondern aufstehen und zurücklegen. Jedes Mal wenn die Bälle zurückgeworfen werden, gab es eine ziemlich hingerotzte Diskussion. Durch das Zurücklegen wird auch die Diskussion wertschätzender.

3-Bälle-Moderation für selbstorganisierte Gruppen

Ich habe mir die Methode bei Eva Stützel aus Sieben Linden abgeschaut, die für unser Wohnprojekt zwei Mal die jährlichen „Offsites“ moderiert hat. Seither erhalten die 3 Bälle immer wieder auch Einzug in unsere monatlichen Treffen. Valentin, der ebenso in einem Wohnprojekt lebt, hat die 3 Bälle dort mittlerweile auch eingeführt und schätzen gelernt. Gerade in Kontexten wie diesen, wo man einerseits die Moderationsrolle hat, aber auch gleichberechtigt mitdiskutieren möchte, sind die Bälle genial. Du kannst die 3-Bälle-Moderation also auch super in “nicht-moderierten” oder selbstmoderierten Runden nutzen.

Hast Du auch so ein Mini-Superwerkzeug am Hosenbund? Dann würden wir uns sehr freuen, wenn Du es mit uns teilen magst.

Der Beitrag 3-Bälle-Moderation erschien zuerst auf Komfortzonen.

Threatcasting: Angriff der Killer-Roboter oder so

Angriffe, Bedrohungen & Katastrophen simulieren

Stell Dir vor: Hacker greifen Dein Unternehmen an, einer der vier apokalyptischen Reiter des Internets (Google-Apple-Facebook-Amazon) dringt in Dein Geschäftsfeld ein oder ein Vulkanausbruch legt plötzlich den gesamten Flugverkehr und Lieferketten lahm. Manchmal kommen Dinge mit verheerenden Konsequenzen über uns. Diese Bedrohungen kannst Du nicht verhindern, aber Du kannst vorbereitet sein. Darum geht es beim Threatcasting. Ich habe Threatcasting entdeckt, als ich für ein Führungskräfte-Retreat eine längere Futures-Thinking-Session konzipiert und verschiedene Tools zusammengestellt habe, mit denen man sich einfach, gut und strukturiert Zukunftsgedanken machen kann.

Wer diesen Blog schon länger liest und uns schon länger kennt, ist jetzt völlig zu Recht an ein Pre-Mortem erinnert. Beim Pre-Mortem lässt Du Dein aktuelles Vorhaben grandios scheitern und malst Dir aus, wie es soweit kommen konnte. Kaum eine Methode habe ich so häufig in Workshops eingesetzt wie das Pre-Mortem. Unzählige Gruppen haben ihre Projekte und Strategien sterben lassen, bevor sie überhaupt gestartet sind. Darüber haben sie immer einen besseren Blick auf kritische Faktoren oder Engpässe bekommen.

Pre-Mortem vs Threatcasting?

Pre-Mortem richtet den Blick auf organisationsinterne Schwierigkeiten und damit Dinge, die man aktiv gestalten und angehen kann. Ein Threatcasting dagegen konzentriert sich auf äußere Bedrohungen, Gefahren oder Angriffe, die sich dem eigenen Einflussbereich entziehen. Es hilft, solche Bedrohungen zu konkretisieren und sich den Verlauf vorzustellen, um dann bessere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen und vorbereitet zu sein.

Threatcasting BuecherDas Unerwartete managen

So ein Threatcasting ist im Prinzip nichts Neues. Schon Karl E. Weick schildert in seinem Klassiker “Das Unerwartete managen – was Unternehmen aus Extremsituationen lernen können” ganz ähnliche Routinen für sogenannte High-Reliability-Organisationen. Das sind Unternehmen mit hochriskanten Aufgaben wie etwa dem Betrieb von Atomkraftwerken, von Flugzeugträgern oder Banken. In solchen Unternehmen gäbe es sehr häufig Routinen, Katastrophen vorzudenken, um sich dann entsprechend vorzubereiten. Ein klassisches Beispiel: Wenn ein Techniker eine lose Schraube auf dem Deck eines Flugzeugträgers findet, kann er direkt und ohne Abstimmungen mit Vorgesetzten sämtliche Start- und Landevorgänge abbrechen (obwohl er zu so einem Schritt sonst nie autorisiert wäre). Dies ist nur möglich, weil eine lose Schraube auf dem Flugdeck katastrophale Konsequenzen für das gesamte Schiff haben kann.

Threatcasting meets Science Fiction Prototyping

Neu ist jedoch die Art wie dieses Threatcasting betrieben wird. Anstelle einer Fingerübung im Workshop machen Unternehmen wie Cisco oder die US-Armee regelmäßige und umfassende Prozesse dazu. Sie versuchen darüber einerseits die richtigen Themen zu finden, vor allem aber möglichst detailliert und plausibel den Verlauf herauszuarbeiten. Die Ergebnisse werden aufwändig über sogenannte Science Fiction Prototypes aufbereitet. Vor allem das Comic von Cisco hat mich sehr begeistert.

Threatcasting Science Fiction Prototyping

Gleichwohl kannst Du ein Threatcasting auch toll im Workshop einsetzen, um radikale Thesen (“Dann wird Euch Amazon angreifen!”) zu durchdenken, sich auf strategische Bedrohungen besser vorzubereiten und eine Dringlichkeit zum Handeln herzuleiten. Es ist ein wunderbares Tool, um zu Beginn einer Session die Teilnehmer geistig ordentlich in Bewegung zu bringen.

Threatcasting kombinieren

Wenn Du das Threatcasting für mehr als eine Fingerübung nutzen willst, dann macht es Sinn, zunächst über eine Übung wie Critical Uncertainties Faktoren zu identifizieren, die sich schlecht kontrollieren lassen bzw. Entwicklungen zu benennen, die eine hohe Unsicherheit und hohen Einfluss auf das Unternehmen haben könnten. Außerdem macht es dann Sinn, in zwei oder drei weiteren Runden, die einzelnen Ergebnisse mit “Wie genau?” oder „Wie sonst noch?“ Fragen zu detaillieren.

Threatcasting Critical Uncertainties

Das Vorgehen

In der Durchführung unterscheidet sich das Threatcasting von einer Pre-Mortem-Übung lediglich in der Anmoderation und dem Setting.

Pre-Mortem Threatcasting
Wir schreiben das Jahr 20XX. Euer Projekt grandios gescheitert. Wir schreiben das Jahr 20XX. Aufgrund einer äußerlichen Bedrohung, eines Angriffs, einer Katastrophe oder eines Schicksalsschlags ist Euer Unternehmen …
Beschreibt die Situation. Beschreibt das Setting.
Wie hat sich Euer Scheitern vollzogen? Was waren die 3-5 zentralen Schritte, die zum Scheitern geführt haben? Wie hat sich die Bedrohung vollzogen?
Was waren die 3-5 zentralen Schritte?
Was habt Ihr unterschätzt oder unterlassen? Was habt Ihr unterschätzt oder unterlassen?
Was könnt Ihr jetzt tun, um das Scheitern zu vermeiden? Was könnt Ihr jetzt tun, um so eine Bedrohung abwehren zu können?

Wie genau Du ein Threatcasting durchführst, kannst Du dem Pre-Mortem-Artikel entnehmen.

Zum Abschluss noch ein kleines Gedankenexperiment:

Das Nahtod-Erlebnis eines Pre-Mortems hat ja einen champagnerkorkenknallenden Zwilling – das Pre-Celebration. Bei einer Pre-Celebration Übung imaginierst Du einen bahnbrechenden (Projekt)-Erfolg und wie es dazu kommen konnte. Überträgt man diese Logik auf äußerliche Entwicklungen müsste man so ein Threatcasting auch ins Positive drehen können, also in einer Art Opportunity-Casting die positiven Seiten einer äußeren Veränderung fokussieren. Äußere, positive Entwicklungen würden sich dann deutlich schneller, deutlicher oder stärker vollziehen und das Unternehmen müsste schneller agieren und handeln als angenommen. Wem diese 2×2 Matrix irgendwie bekannt vorkommt – das mag sein: Dirk stellte beim Bürogespräch die inhaltliche Nähe zur SWOT-Analyse heraus, bei der es eine interne und eine externe sowie eine positive und eine negative Dimension gibt. Die vier Tools sind dann vielleicht sowas wie eine SWOT-Analyse auf einem Ausflug in die Zukunft – oder so.

Externe Entwicklungen Threatcasting Opportunity-Casting
Organisationsinterne Entwicklungen Pre-Mortem Pre-Celebration
Negativ Positiv

Ich werde in den nächsten Wochen weitere Erfahrungen mit dem Threatcasting machen und freue mich sehr auf den erneuten Einsatz dieses feinen, kleinen Werkzeugs.

Von Threatcasting zu Preparedness

Wer sich weiter damit beschäftigen will, wie man sich auf solche Untergangsszenarien vorbereitet, dem empfehle ich außerdem den Vortrag „Rehearsing Disaster“ von Elisabeth Angell auf der Future Perfect Conference

P.P.S.: Angriff des Killer-Roboters

Wie wir als Moderatoren vom Killer-Roboter angegriffen werden, zeigt dieses Video unseren neuen Büro-Kollegen AxiDraw.

Mein Film from Valentin Heyde on Vimeo.

Der Beitrag Threatcasting: Angriff der Killer-Roboter oder so erschien zuerst auf Komfortzonen.

Andere Stifte und Schriften für Workshops: 3 Alternativen zu Moderationsmarkern

Bist Du auch gelangweilt von klassischen Moderations-Markern und 08-15-Trainer-Schriften? Wenn Du Workshop-Materialien typografisch aufhübschen willst, dann bekommst Du durch diesen Post vielleicht ein paar Inspirationen für andere Stifte und Typos.

In den letzten anderthalb Jahren habe ich großen Spass an der Gestaltung mit Schrift gefunden. Wenn man mir das vor ein paar Jahren erzählt hätte, hätte ich das bestimmt für äußerst unwahrscheinlich gehalten. Aber ich ertappe mich sogar dabei, dass ich manchmal mehr Spaß an der Materialproduktion als der Moderation oder dem Partizipationsdesign habe. Und das Kaufen neuer Stifte ist meine “Shopping Therapy”. Da ich im Sommer während meiner Elternzeit umfangreich gemalt habe und mir viele neue Stifte besorgt habe, kommt hier ein Einblick in mein Federmäppchen.

Alternative Stifte 1: Brushpens – wie alles anfing

Stifte-Schriften-Workshops-Brush-Pens

Zwischen den Jahren 2015/2016 – parallel zur Vorbereitung auf den 2. Kyu beim Aikido – habe ich über Frau Hölle Brushlettering entdeckt und fleißig begonnen, mit dem Pinselstift zu schreiben. Vor allem für Posterüberschriften in Workshops. Es war ein unglaublich tolles Erlebnis, weil ich mit ganz wenig Übung schon Wow-Effekte erzeugen konnte. Genau meine Kragenweite. Über einen Kurs von Chris Campe beim Selfmade-Lab habe ich das ganze dann noch mal vertieft. Über Brushlettering hatte ich ja auch schon mal geschrieben.

Folgende Pinselstifte nutze ich:

Brushpens nutze ich inzwischen auch häufig zum Colorieren. Das machen viele Manga-Künstler so. Vor allem die Stifte von Ecoline und Tombow nutze ich dafür, Farben hinzuzufügen.

In Sachen Brushlettering-Schriften kann man bedenkenlos den Brush Lettering Guide von Frau Hölle nehmen. Auch Chris Campe hat schöne in ihrem Handlettering-Buch. Auf Kelly Creates gibt es viel Schriftinspiration. Peggy Dean hat diesen Sommer auf Instagram ihr gesamtes Alphabet häpchenweise gepostet und Janne Klöpper aka Textmarie hat gerade einen schönen Artikel über die drei goldenen Regeln bei Pinselstiften und Papier veröffentlicht.

Auf Instagram sieht man tolle Brushletterings mit irren Verzierungen. Das hat mich bislang nicht gereizt und im Vergleich zu dem, was ich auf Instagram so sehe, ist meine Pinselschönschreiberei nach wie vor ziemlich basal. Aber es erfüllt seinen Zweck und es macht mir Spaß. Gleichzeitig hat sich Brushlettering für mich schnell erschöpft, weil es mir an alternativen Fonts fehlte. Die Suche nach Alternativen Schriftarten war daher der Ausgangspunkt für die Suche nach anderen Schriften und Stiften.

Alternative Stifte 2: Parallel & Ruling Pens

Stifte-Schriften-Workshops-Parallel-Ruling-Pens

Kurz nach dem Aha-Erlebnis durch Brushlettering habe ich dann das Kalligraphie-Tutorial von Julia Bausenhart entdeckt. Ich habe mir dann einen 6mm Parallel-Pen von Pilot zugelegt. Der Parallel-Pen wird viel für klassische Kalligraphie und Fraktur-Schriftarten benutzt. Um da gute Resultate hinzubekommen, fehlen mir eindeutig die Übung und Geduld. Und so blieb der Parallel-Pen lange in der Schublade – bis zu diesem Sommer!

Wer noch nie einen Parallel-Pen gesehen hat: Es  sind Stifte mit einer Spitze, die breit  und zugleich sehr dünn sind. Im Verhältnis dazu sind typische Moderationsmarker breit und dick. Dem entsprechend ist beim Parallel-Pens  der Unterschied zwischen breitem und dünnen Schreiben sehr viel größer als beim Moderations-Marker.

In diesem Sommer hatte ich zwei Monate Elternzeit und wir waren 7 Wochen in Südtirol auf Reisen. Ich habe unzählige Abende damit verbracht, eine Art Tagebuch in Schönschrift zu führen. Jeden Tag habe ich mir 2-3 Erlebnisse notiert und diese dann nach und nach in Schönschrift in mein Buch gepinnt. Zur Inspiration habe ich dafür intensiv Instagram genutzt. Dabei habe ich tolle Künstler entdeckt wie z.B. Drury Brennan, Claudio Gil, Luca Barcellona, CarolDubosch oder Heather Martinez. Und auf Pinterest sammle ich Alphabete, die mir gut gefallen.

test

In dem Zusammenhang habe ich auch den Parallel-Pen wiederentdeckt und mich neu verknallt. Das liegt nicht nur an dem Stift, sondern auch an drei Schriftarten. Diese Schriftarten sind eher expressiv als klassische Kalligraphie-Fonts. Sie erfordern nicht so filigranes Arbeiten, sondern sind rough. Das gefällt mir sehr. Das sind die Schriften, die auch in meiner Pinterest-Sammlung sind.

PIN 1
PIN 2
PIN 3

Das Schöne am Parallel-Pen: es ist ein Stift mit Tintenpatrone. Man braucht also kein Tintenfass. Das Problem am Parallel-Pen sind jedoch die limitierte Breite. Pilot bietet nur Stifte bis max. 6mm Breite an. Das ist für Poster-Überschriften aber meistens zu klein.

Stifte-Schriften-Marshmallow-Challenge

Aus dem Grund habe ich mir nach der Elternzeit auch Stifte zugelegt, die man in ein Tinten- oder Tuschefass tunken muss. Toll sind z.B. die Stifte von Automatic Pens, Dreaming Dog (ganz neu eingetrudelt) und bestimmt auch die von Luthis. Die haben viele schöne Breiten und einige spannende Sonder-Formen, z.B. mit zwei parallelen Linien. Diese Stifte heißen auch Ruling Pens – oder Reißfedern auf deutsch. Wenn man schnell und kräftig damit eine Linie zieht, dann entsteht eine coole, ausgefranste Linie und es kommt zu interessanten Klecksern. Hier bin ich aber aktuell noch in der Übungs- und Ausprobierphase. Häufig kleckst es noch zu stark oder an der falschen Stelle. Aber es macht mir viel Spaß. Automatic Pens gibt es im Künstlerbedarfsgeschäft wie z.B. bei Jerwitz. Dreaming Dog bekommt man in Europa nur bei Scribblers und Luthis über Kalligrafie.com.

In die Kategorie der Ruling Pens gehören auch modifizierte Parallel Pens von Pilot. Anbieter wie John Neal Bookseller (USA) oder Rainer Wiebe (D) schleifen die Parallel Pens und geben Ihnen alternative Formen die denen von Automatic oder einem Cola Pen ähneln. Das ist ganz praktisch, weil man ja nicht mit Tinte hantieren muss. Ich habe mir gerad einen Radius Cut bestellt und spiele damit herum.

Mein aktueller Liebling ist der Cola-Pen, einem ungehobeltem Verwandten der Ruling Pens: Aus einer leeren Cola-Dose, Essens-Stäbchen und Tape ist so ein Stift ruckzuck gebaut. Eine Anleitung davon gibt es hier. Cola-Pens sind unberechenbar und erzeugen kein vorhersehbares Schriftbild. Schließlich schreibst Du mit dem abgeschnitten Büchsenblech. Man kann mit der Spitze des Cola-Pen sehr dünn oder auch dicker schreiben – je nachdem wie man den Stift hält. Am Aufregendsten ist es aber mit dem unteren Teil zu schreiben und den Stift übers Papier zu kratzen. Dabei entstehen tolle Spritzer und wilde Kanten bei den Schriften. Blöd ist nur, dass man immer Gefahr läuft Dinge und Klamotten mit Tinte einzusauen. Einen Cola-Pen würde ich auch nicht in meinen Moderationskoffer packen, sondern im Büro für Poster-Überschriften nutzen.

Alternative Stifte 3: Paint-Marker

Über den Newsletter von Ian Barnard bin ich schon vor einiger Zeit in Kontakt mit Paint-Markern gekommen. Im Gegensatz zu regulären Markern, die Tinte verwenden, sind die Stifte mit verschiedenen Farben befüllt. Viele muss man schütteln und durch Drücken der Spitze Farbe nachpumpen.

Ich habe mir zunächst die Posca-Marker mit Rundspitze zugelegt und war spontan hin und weg. Dafür habe ich mir einen Satz Monoline-Schriften zusammengestellt (auch in der Pinterest-Sammlung), mit denen ich regelmäßig schreibe. Meine Lieblingsschrift ist hier die Timeburner. Die finde ich so eingängig, dass sie zu meiner Standardschönschrift geworden ist. Aber auch die A.D. Mono und die Black Bear benutze ich gern und häufig. Die Paint-Marker sind aber auch deshalb so cool, weil sie deckend sind. Die Farbe legt sich über die schwarze Tinte anderer Marker. Man kann z.B. mit einem weißen Paint-Marker auf schwarzer Tinte schreiben und so tolle Effekte durch Inlines bekommen.

Stifte-Schriften-Workshops-Paintmarker

Valentin hat irgendwann die neuen AcrylOnes von Neuland mitbestellt, und ich habe im Zuge der Materialproduktion für den Digital Transformation Club die Liquitex und Calligraffiti (von On The Run) Stifte entdeckt. Alle drei haben eine breite gerade Spitze (also etwas anders Keilspitzen) von ca. 12 mm. Damit kann man sehr schön fette Lettern malen. Bei den Fonts von Heather Martinez für Neuland ist auch einer dabei, den man super mit den breiten Markern schreiben kann:

PIN 4

Bei Black Ferry, dem Vegan/Graffiti-Laden hier in Wilhelmsburg, habe ich kürzlich beim Kaffeekauf die Slimer von On the Run aufgetan. Das sind Tuben mit Latexfarbe, die man über eine Spitze rausdrückt und schreibt. Das tolle an der Latexfarbe: sie bildet eine Art Relief und schafft so einen 3D-Effekt, den ich so noch nicht gesehen habe.

So. Das war mein Einblick in mein Federmäppchen, indem natürlich auch normale Marker, FineOnes, Fineliner und ein Bleistift noch drin sind.

Hast Du noch Tipps und Empfehlungen für andere Arten von Stiften?

Dann schreib mir oder hinterlasse einen Kommentar und ich kann meiner #PenAddiction weiter frönen.

Der Beitrag Andere Stifte und Schriften für Workshops: 3 Alternativen zu Moderationsmarkern erschien zuerst auf Komfortzonen.

Mit Struktur-Aufstellungen an Mental Models der digitalen Transformation herankommen

Viele unserer Entscheidungen basieren auf Überzeugungen und Vorstellungen, die nicht mehr hinterfragt werden und an die man ohne tiefes Bohren auch nicht herankommt. Solche verfestigten inneren Bilder, auch Mental Models genannt, faszinieren mich schon seit Langem. Als Zukunftsforscher war es eine meiner Hauptaufgaben solche inneren Bilder ins Wanken zu bringen, damit Entscheider in ihren Organisationen breiter über Zukunft nachdenken können. Als Berater in Strategie-, Innovations- oder Organisationsdesigns-Projekten bin ich heute bemüht, diese verfestigten Annahmen und Hypothesen zu hinterfragen, um mehr Gestaltungsoptionen zu erschließen. Ich möchte Euch heute ein Tool vorstellen, mit dem man auf schnelle und lockere Art an solche Mental Models herankommt: Struktur-Aufstellungen.

Wie ich Aufstellungen neu entdeckt habe

Aufstellungen sind für uns natürlich ein total gängiges Werkzeug. Allerdings nutzen wir in der Regel soziometrische Anordnungen im Raum. D.h. Teilnehmer stellen sich nach Alter, Unternehmenszugehörigkeit oder der Reise-Distanz ihres nächsten Urlaubs auf. Bei den Aufstellungen, um die es in diesem Artikel geht, schlüpfen die Teilnehmer in eine bestimmte Rolle. Sie nehmen die Sicht von Akteuren ein oder repräsentieren Kräfte eines Feldes. Darüber bekommen sie  einen anderen Zugang zu einem Team, ihrer Organisation oder einem Thema.

Der Digital Transformation Club

Konkret habe ich tolle neue Aufstellungen über meine Mitwirkung beim Digital Transformation Club der Good School gemacht. Wer sich fragt, was dass denn nun wieder für ein Club ist: Der DTC ist eine Lerncommunity für Digitalverantwortliche, die ich für die und mit der Good School in den letzten Monaten konzipiert habe und moderiere. Die Teilnehmer kommen für drei Module a drei Tagen zusammen, um sich auszutauschen, gegenseitig ihre eigenen Themen zu bearbeiten und spannenden Input zu bekommen. Die Arbeit mit jeweils einem Dutzend Experten und ebenso vielen Digitalverantwortlichen aus Unternehmen macht wahnsinnig Spaß und hat mich sehr inspiriert. Das Thema Aufstellungen kam gleich mehrmals ganz unterschiedlich zum Einsatz und hat den Teilnehmer sehr geholfen, tief in das Thema einzusteigen.

1. Persona-Aufstellung

Persona-Aufstellungen sind eine schöne Möglichkeit, sich schnell Zielgruppen zu erschließen. Im Digital Transformation Club hat Caspar Siebel diese Aufstellung im Rahmen einer Design Thinking Session gemacht. Caspar hat einen Teilnehmer gebeten, eine Zielgruppe für seinen Fall zu nennen und ihn in die Rolle dieser Persona schlüpfen zu lassen. In unserem Fall war das eine Café-Besitzerin.

Dann hat Caspar gefragt, was der Café-Besitzerin wohl wichtig ist. Alle Teilnehmer des DTC haben sich etwas überlegt. Es kamen Nennungen wie „Kaffee“, „Kunden“, „Gewinn“,„Barista“ …  Jede Teilnehmerin hat dann eine Nennung verkörpert. Caspar fragte den Café-Besitzer, wie wichtig ihm das Thema wohl sei? Und wie wichtig im Verhältnis zu anderen vorhandenen Elementen. Alles was wichtig war, wurde nah an ihn heran gestellt. Zudem hat er gefragt, wie die verschiedenen Items zueinander stehen in Bezug auf Wichtigkeit. Nach und nach kamen viele wichtige und unwichtige Dinge zusammen und wir hatten sehr schnell ein erstes grobes Bild, wie wir uns die Zielgruppe und ihre Bedürfnisse vorstellen. Das war eine klasse Sache, um schnell erste Hypothesen für die Persona-Bildung zu entwickeln.

Persona-Aufstellung

2. Haufe-Quadrant

Stephan Grabmeier hat vier Teilnehmer im Haufe-Quadranten aufgestellt und die übrigen Teilnehmer beobachten und zuhören lassen. Der Haufe-Quadrant ist ein Tool, das vier Unternehmenskulturen aufzeigt und hilft, sich und sein Unternehmen besser zu verorten. Da Stephan zu dem Thema einen Gastbeitrag bei uns schreiben wird, führe ich das Thema hier nicht weiter aus.

3. Struktur-Aufstellung

Im Modul „Organisation“ habe ich mit den Teilnehmern eine Struktur-Aufstellung zum Thema Digitale Transformation gemacht. Mit dieser Aufstellung von 30 Minuten wollte ich einerseits die Inhalte der letzten beiden Tage rekapitulieren lassen und andererseits„Mental Models“ zur digitalen Transformation aufzeigen. Gerade digitale Transformation ist im Sprachgebrauch ein ziemlich leerer Container. Judith Muster von Metaplan sagte es so treffend: „Meint jemand damit die digitale Revolution durch Technologien und Start-Ups oder geht es um die Digitalisierung der Personalakte, also ganz konkreter Aufgaben und Prozesse?“

Die Vorbereitung

Als „Aufstellungsleiter“ habe ich im Vorfeld zwei Spannungsfelder mit jeweils zwei Polen ausgewählt. Die Pole sind: Vision vs Umsetzung & langfristig vs kurzfristig. Zudem habe ich eine Reihe von Akteuren und Programmen aus dem Kontext der digitalen Transformation eines Unternehmens bereits vorgegeben. Diese Elemente kann man selbstverständlich auch gemeinsam mit den Teilnehmern sammeln. Ich habe das angesichts knapper Zeit vordefiniert.

Struktur-Aufstellung digitaleTransformation

Schritt 1: Aufstellerin wählen

Im ersten Schritt ging es darum eine Person auszuwählen, die die verschiedenen Elemente aufstellt und damit ihr eigenes Mental Model exponiert.

Schritt 2: Items auswählen und verteilen

Bei einer Aufstellung wird jedes Element der Aufstellung durch eine Person repräsentiert. Exklusive der Aufstellerin waren wir 13 Pesonen. Repräsentantinnen für die vier Pole sowie für die digitale Transformation musste die Aufstellerin in jedem Fall nehmen. Aus den übrigen Elementen konnte die Aufstellerin wählen, welche sie nimmt und welche sie weglässt.

Nachdem sie ihre Wahl getroffen hat, hat sie die Themen Personen zugeordnet und sie so zu Repräsentanten der jeweiligen Aspekte (Akteure und Programme) gemacht.

Struktur-Aufstellung DigitalTransformationClub

Schritt 3: Aufstellen im Raum

Die Aufstellerin hat dann die verschiedenen Repräsentanten im Spannungsfeld zwischen Vision-Umsetzung und kurz-/langfristig aufgestellt. Dabei zählten einerseits die räumliche Position und andererseits die Blickrichtung. Aber: Position sticht Blickrichtung. D.h. es ist wichtiger, wo eine Person steht, als was sie in den Blick nimmt bzw. aus den Augen verliert. Nach ein paar Minuten waren alle Repräsentanten aufgestellt und die Aufstellerin hat noch einmal kurz ihre Aufstellung gecheckt.

Schritt 4: Reinfühlen

Ich forderte die Repräsentanten auf, sich in ihre Rolle einzufühlen, sich im Spannungsfeld zu orientieren und habe sie dann gebeten zu schauen, wie sie ihre eigene Position im Verhältnis zu den übrigen empfinden. Wie immer war die größte Schwierigkeit, die Ruhe und Stille kurz auszuhalten und nicht zu reden und zu witzeln.

Schritt 5: Repräsentanten sprechen lassen

Nun habe ich die Stellvertreter gefragt, wie sie sich fühlen und inwiefern jemand intensive Gefühle verspürt. Zuerst sagte der „Kunde“: „ich fühl mich hier total unwohl und bin aus meiner Sicht total an der falschen Stelle. Ich will hier weg.“ Dann sprudelte es aus dem Datenschutz heraus: „Ich fühl mich total wohl hier im Rücken des Betriebsrats. Ich hab hier alles gut im Blick und bin mitten im Geschehen.“ Und so ging das weiter. Es war sehr erheiternd und aufschlussreich zugleich.

Struktur-Aufstellung Digital Transformation Club

Im nächsten Schritt habe ich die Pole der Spannungsfelder befragt und auch die hatten spannende Perspektiven und Sichtweisen anzubieten. So sagte der Repräsentant der Langfristigkeit: “Für mich ist das alles komisch, die sind alle so weit weg. Die digitale Transformation kann ich nicht mal sehen bei all dem Gewusel und die digitalen Produkte und Services auch nicht.”

Schritt 6: Aufstellerin interviewen

Ich habe die Aufstellerin dann um ihr Feedback und ihre Einschätzung gebeten und sie gefragt, was die Rückmeldungen mit ihr machen. Anschließend habe ich sie gefragt, ob sie Positionen verändern wollte. Was die Aufstellerin dann auch tat.

Schritt 7: Aufstellung anpassen

Die Aufstellerin hat dann Ihr Arrangement ein wenig verändert. Der zentrale Repräsentant – die digitale Transformation – wurde komplett neu aufgestellt und ausgerichtet. Der IT-Leiter blieb irgendwie zwischen Vision und Umsetzung verloren, bis auch er ein finale Position fand: die Umsetzung fest im Blick und den Betriebsrat und Datenschutz im Nacken. Nur der Kunde wurde (aus vermeintlich guten Gründen) nicht verrückt – und blieb solange unzufrieden, bis wir ihm abschließend gestatteten sich dorthin zu stellen, wo er sich wohl fühlt: zwischen „Umsetzung“ und „kurzfristig“ und in direkter Nähe zu den digitalen Produkten und Services.

Schritt 8: Reflektieren

Die Teilnehmer sprangen dann aus ihren Rollen  und wir haben gemeinsam über das Ergebnis der Struktur-Aufstellung gesprochen und was uns daran aufgefallen ist. Dabei war auch interessant, welche der vorgegebenen Elemente die Aufstellerin nicht gewählt hatte. So spielten in dieser konkreten Aufstellung die Aspekte “Digitalstrategie”, der “CFO” oder die “Mitarbeiter” keine Rolle und wurden von der Aufstellerin nicht ausgewählt. Das korrespondierte perfekt mit dem Setting der Aufstellerin.

Mein Fazit zu Struktur-Aufstellungen

Die Teilnehmer hatten viel Spaß und waren sehr ausgelassen. Alle haben sich unglaublich schnell in ihre Rollen eingefunden. Sie berichteten, dass die Aufstellung als Repräsentant unmittelbar auf ihr Erleben gewirkt hat und sie die Rolle förmlich gespürt hätten. Ich gehe bestärkt und inspiriert aus dieser Übung, werde mich weiter mit dem Thema beschäftigen und schauen, wo ich es mal wieder untergebracht bekomme.

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Struktur-Aufstellungen gemacht?

Wir freuen uns zu hören, wie Ihr so etwas angeht, was gut funktioniert und was total gefloppt ist.

 

Bei der Vorbereitung haben mir ein paar Quellen sehr geholfen und mich inspiriert:

Merken

Merken

Der Beitrag Mit Struktur-Aufstellungen an Mental Models der digitalen Transformation herankommen erschien zuerst auf Komfortzonen.