Kategorie-Archiv: Kooperationen und interdisziplinärer Austausch

Moving Sound Pictures: Projekt aus dem ligeti zentrum bekommt eigenen Ausstellungsraum

Vom 28. März bis 2. Mai 2026 wird die Grindelallee 129 in Hamburg zu einem Ort für immersive Kunst: Mit Moving Sound Pictures: Die VR Pop-Up Galerie entsteht erstmals ein eigenständiger Ausstellungsraum für ein innovatives Virtual-Reality-Kunstformat. An fünf Tagen in der Woche können Besucher:innen dort vier virtuelle Umgebungen kostenfrei erleben und Kunst auf neue, interaktive Weise entdecken.

Wo ist es möglich, mit den bunten Formen aus den Gemälden von Henri Matisse oder Wassily Kandinsky zu jonglieren? Oder mit Picassos abstrakter Darstellung einer Gitarre und Mandoline zu musizieren?  Farben nicht nur zu sehen, sondern zu hören – und mit einer einzigen Bewegung ganze Bildwelten in Klang zu verwandeln?  

Moving Sound Pictures, ein Projekt der Multimedia-Künstlerin Konstantina Orlandatou, macht genau das möglich. Die in klassischer Komposition ausgebildete Künstlerin arbeitet seit mehreren Jahren an der Schnittstelle von Musik, Raum und digitaler Kunst. Ihr Ansatz: Kunst nicht nur zu zeigen, sondern sie räumlich erfahrbar zu machen und aktiv zugänglich zu gestalten.

Bild: Konstantina Orlandatou / Moving Sound Pictures

Von der Moderne in den virtuellen Raum

Die künstlerische Inspiration für Moving Sound Pictures reicht zurück zu zentralen Vorreiter:innen der Moderne – etwa Piet Mondrian, Wassily Kandinsky, El Lissitzky oder Kasimir Malevich. Während viele aktuelle immersive Ausstellungen mit großformatigen Projektionen im physischen Raum arbeiten, nutzt Moving Sound Pictures Virtual Reality (VR), um individuelle Erlebnisräume zu schaffen. „Virtuelle Realität ist ein Medium mit enormem Potential für ganzheitliche, immersive Erlebnisse“, erklärt Konstantina Orlandatou. „Durch spielerische Interaktionen mit Kunstwerken eröffnen sich neue Zugänge zu künstlerischen Ausdrucksformen, historischen Kontexten und technischen Aspekten der Malerei.“

Bild: Konstantina Orlandatou / Moving Sound Pictures

Kunst zum Anfassen und Erleben

Im virtuellen Raum werden Kunstwerke zu interaktiven Erfahrungswelten. Besucher:innen können etwa das von Salvador Dalí geschaffene Gesicht der Schauspielikone Mae West räumlich erkunden, Elemente aus einem konstruktivistischen Stillleben von Alexandra Alexandrowna Exter verschieben oder die von Pablo Picasso gemalten Instrumente als virtuelle Klangkörper spielen. Jedes Werk wird so zu einer eigenen Entdeckungsreise – zwischen Kunstvermittlung, spielerischer Interaktion und digitaler Erfahrung.

Bild: Konstantina Orlandatou / Moving Sound Pictures

Entwicklung am ligeti zentrum

Moving Sound Pictures entstand bereits im Rahmen der ersten Förderphase der Bund-Länderinitiative „Innovative Hochschule“. Seit 2023 wird das Projekt am ligeti zentrum im Rahmen der zweiten Förderphase fortgesetzt und weiterentwickelt. In Kooperation mit der Hamburger Kunsthalle, etwa zu der Ausstellung „ILLUSION“, konnten Kunstwerke im Original und im virtuellen Raum besichtigt und erforscht werden.

In Zusammenarbeit mit der Hamburg Kreativ Gesellschaft erhält das Projekt nun erstmals seinen eigenen temporären Ausstellungsraum in zentraler Lage. „Ich möchte in Hamburg einen Ort schaffen, an dem Menschen in virtuelle Welten eintauchen und Kunst so nah und immersiv wie möglich erleben können – nicht allein mit Headset vor dem Computer, sondern an einem Ort, an dem Menschen zusammenkommen“, so Orlandatou.

Moving Sound Pictures: Die VR Pop-Up Galerie eröffnet am 28. März 2026 mit einer Vernissage und endet am 2. Mai 2026 mit einer Finissage. Besucher:innen können die Ausstellung mittwochs bis sonntags kostenfrei erleben.

Bild: Konstantina Orlandatou / Moving Sound Pictures

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Walker Smith, ein selbstspielendes Drumset und das wohltemperierte Periodensystem

Im Sommer 2025 begrüßte das ligeti zentrum den US-amerikanischen Komponisten und Forscher Walker Smith als Gastwissenschaftler in Hamburg. Gefördert durch das Graduate Research & Internship Program in Germany (GRIP) verbrachte Smith mehrere Monate in Harburg – und entwickelte hier eines seiner bislang ambitioniertesten Projekte weiter: „The Well-Tempered Periodic Table“.

2025 sei die mit Abstand produktivste und spaßigste Sommer seines Lebens gewesen, schreibt der US-amerikanische Komponist und Forscher Walker Smith in einem Blogpost für das Europe Center der Stanford University. Smith ist Doktorand am Center for Computer Research in Music and Acoustics (CCRMA) im Bereich Computer-Based Music Theory and Acoustics. Als Gastwissenschaftler im ligeti zentrum verbrachte Walker Smith im vergangenen Sommer mehrere Monate in Hamburg-Harburg und entwickelte hier sein Projekt „The Well-Tempered Periodic Table“.

Roy G. Biv ist die spektrale Verkörperung von Walker Smith, der von Mitte Juni bis September zu Gast im ligeti zentrum war. Als weltweit erster Musik-Chemiker stellt er Fragen wie: Ist das Periodensystem ein Musikinstrument? Feiern Helium-Atome Partys?

Wenn chemische Elemente zu Klängen werden

Im Zentrum von Smiths Arbeit steht sein „Interactive Musical Periodic Table“. Ausgangspunkt ist die wissenschaftliche Tatsache, dass jedes chemische Element ein einzigartiges Emissionsspektrum besitzt – also eine charakteristische Verteilung von Lichtfrequenzen. Diese Frequenzen übersetzt Smith mittels Datensonifikation in hörbare Klangfrequenzen. Das Ergebnis: Für jedes Element entsteht ein eigener Akkord, eine eigene musikalische Identität.

Während seines Aufenthalts am ligeti zentrum entwickelte Smith aus diesen Frequenzen eigenständige mikrotonale Skalen. So entstanden musikalische „Tonarten“ der Elemente – etwa ein Blues in der „Tonart Wasserstoff“ oder ein Jazzstück im „Helium-Modus“.

Den Höhepunkt bildete eine 90-minütige multimediale Performance mit Mehrkanalton, Lichtdesign, akustischen und elektronischen Instrumenten, Spoken-Word-Elementen – und einem selbstspielenden Schlagzeug.

Das „Magical Chemical Drumset“

Ein zentrales Ergebnis des Ideentransfers am ligeti zentrum war das sogenannte „Magical Chemical Drumset“. Inspiriert durch Gespräche mit Ingenieur:innen aus dem Bereich der Haptik experimentierte Smith mit Transducern – Resonanzkörpern, die Schwingungen direkt auf Instrumente übertragen.

Er platzierte solche Schwingungswandler auf Trommeln und speiste die Klänge seiner Element-Sonifikationen in ein akustisches Drumset ein. Zusätzlich installierte er unter jeder Trommel farblich abgestimmte Lichtelemente, deren Farben dem jeweiligen Emissionsspektrum – etwa von Wasserstoff – entsprechen. Das Ergebnis war ein visuell-akustisches Instrument, das chemische Prozesse sinnlich erfahrbar macht: Klang wird Licht, Licht wird Rhythmus.

Improvisation zwischen Wissenschaft und Jazz

In seinem Abschlusskonzert kombinierte Smith das selbstspielende Schlagzeug mit Klarinette und Gitarre. Gemeinsam mit dem Jazzgitarristen und Forscher Kieran McAuliffe (InnoLab) improvisierte er über die mikrotonalen Skalen verschiedener Elemente. Ein eigens entwickelter Pitch-Detection-Algorithmus koppelte gespielte Töne in Echtzeit an das Lichtsystem: Wurde ein Ton aus der „Wasserstoff-Skala“ gespielt, reagierten die Lichter unmittelbar in der entsprechenden Spektralfarbe. Sogar das Publikum wurde eingebunden – dessen Gesang steuerte ebenfalls die Lichtfarben im Raum.

Als Hauptinstrument nutzte Smith das Lumatone, ein frei programmierbares mikrotonales Keyboard, auf dem er seine Element-Skalen abbildete und zugleich Klang und Licht kontrollierte.

Internationale Resonanz

Smiths Projekt erhielt auch internationale Aufmerksamkeit: Seine „Interactive Musical Periodic Table“ wurde bei der AudioMostly Conference in Portugal mit dem Best Installation Award ausgezeichnet. Zudem erschien ein Beitrag über seine Arbeit im Rahmen der Initiative Innovative Hochschule. 

Walker Smiths finale Lecture Performance „Das wohltemperierte Periodensystem“ vom 3. September 2025 kann nun in Gänze gestreamt werden:

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SPORT1: Interaktive Klangwelten zwischen experimenteller Musik und Spiel

Am 23. Januar 2026 lädt das ligeti zentrum zu einer einzigartigen Performance ein: SPORT1 verbindet experimentelle Musik mit einem innovativen Gameshow-Format, bei dem das Publikum das Geschehen aktiv mitgestaltet. Was hat es damit auf sich? Nachgefragt bei den Projektbeteiligten Dr. Simon Linke (InnoLab) und Eric Haupt.

SPORT1 ist mehr als ein Konzert – es ist ein interaktives Experiment, bei dem Musik, Spiel und Publikum zu einer Einheit verschmelzen. Die Zuschauer:innen übernehmen eine aktive Rolle: Sie setzen auf Teams, schließen Allianzen, steuern Parameter der Musiker:innen und entscheiden über den Verlauf der Performance. Wer riskiert alles, wer spielt taktisch – und wer genießt das Spektakel aus sicherer Distanz?

Beobachtet man das Spiel lieber aus sicherer Distanz oder wird man selbst aktiv? | Foto: Victor Gelling
Beobachtet man das Spiel lieber aus sicherer Distanz oder wird man selbst aktiv? | Foto: Victor Gelling
ligeti zentrum: Wie entstand die Idee zu dem Wett- und Klangformat SPORT1?

Eric Haupt: Experimentelle Klänge sind oft sehr abstrakt. Die Idee, mit Spielen und Wetten zu arbeiten, entstand aus dem Wunsch, diese Abstraktion aufzubrechen und Netzwerke größer und anschaulicher zu denken.

Die Spiele liefern eine visuelle Ebene, die das Hören unterstützt: Wenn man sieht, wie sich ein Schläger bewegt und gleichzeitig ein bestimmter Klang entsteht, entsteht eine vertraute Verknüpfung zwischen Bewegung und Sound. Diese Art von Ursache-Wirkung kennen wir aus dem Alltag, und sie hilft dabei, musikalische Zusammenhänge intuitiv zu erfassen.

So wird es leichter, einzelne Klänge wiederzuerkennen und einzuordnen. Anstatt einer undurchsichtigen Klangmasse entsteht eine nachvollziehbare Klangwelt. Die Spiele fungieren damit als kommunikative Brücke, die ohne große Erklärung funktioniert und dem Publikum einen direkten Zugang zur Musik ermöglicht.

Statt Erklärtexte zu lesen oder theoretische Konzepte kennen zu müssen, erschließt sich die Musik intuitiv – durch das Mitmachen, durch das Spiel und durch das narrative Setting.

Simon Linke: Die Grundidee von SPORT1 lässt sich auf zwei Ebenen erklären, die für uns besonders spannend sind: die Netzwerkebene und das Verständnis von Musik selbst.

Wir Musiker:innen sind vollständig miteinander verknüpft und können gegenseitig auf unsere Klangerzeugung zugreifen. Im Extremfall kann man die Hände vom eigenen Instrument nehmen und wird komplett von jemand anderem „gespielt“. Dieser stark ko-kreative Ansatz war ein Ausgangspunkt unserer Arbeit.

Die Interaktion dient dazu, erfahrbar zu machen, was innerhalb eines Stücks passiert und was uns als Musiker:innen daran interessiert. Statt Erklärtexte zu lesen oder theoretische Konzepte kennen zu müssen, erschließt sich die Musik intuitiv – durch das Mitmachen, durch das Spiel und durch das narrative Setting.

Man versteht vielleicht nicht alles im Detail, aber einzelne Aspekte werden klarer, weil es einen Rahmen gibt, der den Fokus verschiebt und neue Zugänge eröffnet.

ligeti zentrum: Welche Rolle spielt das Publikum in diesem Netzwerk?

Simon Linke: Wir beschäftigten uns mit der Frage, wie sich dieses Prinzip erfahrbar machen lässt, ohne dass es theoretisch erklärt werden muss. Eine Antwort darauf war, das Publikum bewusst als Teil dieses Netzwerks zu begreifen. Das ist es im Konzert ja ohnehin – das Publikum beeinflusst immer, was auf der Bühne passiert.

Bei SPORT1 rücken wir diesen Einfluss stärker in den Fokus und geben dem Publikum die Möglichkeit, auf direktere und drastischere Weise einzugreifen – etwa über das Smartphone, über Geräusche oder über konkrete Entscheidungen.

Im Production Lab wird die Licht- und 3D-Audio-Technik vollends ausgenutzt | Foto: Victor Gelling
Im Production Lab wird die Licht- und 3D-Audio-Technik vollends ausgenutzt | Foto: Victor Gelling
ligeti zentrum: Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen?

Eric Haupt: Die normale Publikumsinteraktion läuft über eine Wett-App auf dem Handy: Man unterstützt seine Spieler:innen, setzt ein paar Münzen, um Vorteile zu erzielen – und ist so Teil des Netzwerks.

Egal ob im Theater oder auf Konzerten: Man kennt vielerorts kleine Publikumsinteraktionen, die mal mehr oder weniger gut funktionieren. Wir senken die Hürde zum Mitmachen durch den Einsatz von Handys und die Anonymität, die damit einhergeht. Ohne falsche Scham kann man anderen Spielern auch ein Hindernis in den Weg legen – einfach aus Spaß oder aus Kalkül zum Gewinnen.

Die Interaktion gibt einen Zugang zur Musik und lässt nachvollziehen, warum uns diese Art des Musizieren Spaß macht – ohne dass Inhalte vereinfacht oder „heruntergebrochen“ werden.

ligeti zentrum: Welche Auswirkungen hat das umgekehrt auf die Musik?

Simon Linke: An der Musik selbst machen wir keine Kompromisse. Sie entsteht so, wie wir sie künstlerisch vertreten und spannend finden. Die aktive Integration des Publikums öffnet einen Erfahrungsraum, in dem komplexe musikalische Prozesse erlebbar werden, ohne dass sie erklärt werden. Er gibt einen Zugang zur Musik und lässt nachvollziehen, warum uns diese Art des Musizieren Spaß macht – ohne dass Inhalte vereinfacht oder „heruntergebrochen“ werden. Es gibt keine didaktische Vereinfachung oder „Kinderversion“, sondern das volle musikalische Programm.

ligeti zentrum: Wie gliedert sich das Projekt in das gesamte ligeti zentrum ein? Gibt es Anknüpfungspunkte zu und Überschneidungen mit anderen Projekten?

Simon Linke: Sowohl das InnoLab als auch das Production Lab sind in vollem Einsatz. Dadurch, dass wir die klangliche Steuerung von einer Person am Mischpult loslösen und stattdessen die volle Kontrolle untereinander verteilt haben, kommt die Technologie des 3D-Systems zur vollen Entfaltung. Dasselbe gilt für die Lichtanlage, die gleichermaßen in das Netzwerk integriert ist und ebenfalls vom Publikum manipuliert werden kann. Diverse Projekte und Technologien aus dem ligeti zentrum kommen zum Einsatz. Der Netzwerkansatz spiegelt sich natürlich auch in meiner  eigenen Arbeit mit der Impulse Pattern Formulation. Gleichermaßen viele Anknüpfungspunkte zu anderen Projekten stehen uns in der Zukunft offen.

Statt die klangliche Steuerung bei einer Person am Mischpult zu bündeln, haben alle Musiker:innen gleichermaßen Zugriff auf die Technologien | Foto: Victor Gelling
Statt die klangliche Steuerung bei einer Person am Mischpult zu bündeln, haben alle Musiker:innen gleichermaßen Zugriff auf die Technologien | Foto: Victor Gelling

Eric Haupt: Es gibt viele Anknüpfungspunkte, an denen unterschiedliche Menschen mitarbeiten können. Sobald die technische Basis steht, ist das Prinzip selbst leicht nachvollziehbar – die Gameshow-Struktur versteht man sofort.

Viele Beteiligte bringen Ideen ein: Wie etwas aussehen, sich verhalten oder klingen könnte. Das Projekt ist sehr offen und bietet zahlreiche Möglichkeiten: Workshop-Formate, Kooperationen mit Theatern oder Anpassungen auf verschiedenen Ebenen, auch musikalisch.

Wir stellen das Netzwerk bereit, und andere Projekte können darauf aufbauen. Man verknüpft verschiedene Elemente, schaut, wie sie zusammenwirken, und entscheidet dann, wie man sie einsetzen möchte.

Das Projekt ist nachhaltig angelegt: Der Code ist offen und soll später von anderen genutzt werden können

Simon Linke: Das Projekt ist nachhaltig angelegt: Der Code ist offen und soll später von anderen genutzt werden können. Auf der ICMC HAMBURG 2026 wird es zudem einen Workshop geben, in dem gezeigt wird, wie die entwickelten Tools anderen zugänglich gemacht werden können.

SPORT1 dient gewissermaßen als Generalprobe. Wir erwarten, dass 30 bis 50 Personen gleichzeitig ins Netzwerk eingreifen – das lässt sich im Vorfeld kaum simulieren. Wenn sich das Konzept in der Umsetzung bewährt, kann die Technologie problemlos an anderen Orten eingesetzt werden. Sie ist flexibel genug, dass der Fokus auch ohne das Production Lab oder 3D-Audio verschoben werden kann.

Spielt, hört, wettet und verändert das Geschehen live!

SPORT1 ist ein Projekt, das Erik Haupt, Moritz Wesp, Victor Gelling und Dr. Simon Linke (InnoLab) im ligeti zentrum realisieren. SPORT1 – eine musikalische Gameshow findet dort am 23. Januar 2026 um 20:00 Uhr statt. Der Eintritt ist kostenlos; um eine Anmeldung via Pretix wird gebeten.

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Wenn Musik auf KI trifft: Interkultureller und musikwissenschaftlicher Austausch in China

Ende Oktober und Anfang November 2025 reiste Dr. Simon Linke (InnoLab) nach China, um die internationale Zusammenarbeit im Bereich KI und Musik zu vertiefen. Die Stationen: die Universität Jinhua sowie Workshops und Konzerte in Hangzhou, Jinhua und Shanghai – eine Reise voller künstlerischer Inspiration und interkultureller Begegnungen.

Im ligeti zentrum beschäftigt sich der Musikwissenschaftler Dr. Simon Linke mit der Suche nach neuen, meist digitalen Wegen der musikalischen Klangerzeugung. Dabei beruft er sich auf die sogenannte Impulse Pattern Formulation (IPF), eine vielseitige Methode zur nicht linearen Modellierung, die eine einfache rekursive Gleichung verwendet, um dynamische und komplexe Muster in musikalischen Systemen zu beschreiben und zu verstehen. Spannende Kooperationen entstanden dadurch nicht nur innerhalb des ligeti zentrums. Auch international stößt der Ansatz auf großes Interesse. So reiste Simon Linke bereits im vergangenen Juli nach Sichuan und Yunnan in China, um dort seine Arbeit auszustellen und sich mit den internationalen Kolleg:innen auszutauschen und zu vernetzen. Diesen Herbst konnte die Kooperation auf das östliche China ausgeweitet werden.

Performance in Shanghai: Die Sonomathematischen Impulsarchitekten | Foto: 蔣舒帆
Performance in Shanghai: Die Sonomathematischen Impulsarchitekten | Foto: 蔣舒帆

Ausstellung und Symposium in Jinhua  

Im Mittelpunkt der Reise stand eine Ausstellung zum Thema KI und Musik an der Zhejiang Normal University in Jinhua. Die Ausstellungsinhalte, die von elektronischer Tanzmusik über Filmmusik und Akustik bis hin zu Instrumentenbau und traditioneller Musik verschiedener Kulturen reichen, wurden 2023 ursprünglich in Zusammenarbeit mit Prof. Rolf Bader (Universität Hamburg) für die Ausstellung „Can You Hear It“ am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg entwickelt. Nun konnten sie in aktualisierter und angepasster Form auch in China präsentiert werden. Simon Linke betont: „Besonders spannend war der direkte Austausch darüber, wie sich ethnische Gruppen in der Darstellung wiederfinden und ob diese Perspektiven auch in Deutschland angemessen werden können, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der kolonialen Vergangenheit Hamburgs, deren Spuren such direkt vor den Türen des ligeti zentrums zeigen.“

Der Einsatz von KI als neutraler Vermittler wurde sehr positiv aufgenommen. Sie ermöglicht es, kulturelle Eigenständigkeiten – etwa über Tonsysteme – wissenschaftlich nachvollziehbar zu machen und sensible Themen wie ethnische Identität oder Minderheiten, unter ihnen beispielsweise die Uiguren, sachlich zu adressieren. Dass die Hochschulleitung der Universität Jinhua diese Themen explizit als globale Herausforderungen einordnete, sei sehr hilfreich gewesen. „Diese Rahmung machte es möglich, die Inhalte frei und ohne weitere Einschränkungen zu diskutieren“, berichtet der Musikwissenschaftler.

Großes Interesse galt der interaktiven Dance Booth, die soziale Austauschprozesse über Bewegung und Klang erfahrbar macht. „Während Besucher:innen in Deutschland meist direkt mit der Installation interagieren, wünschte sich das Publikum in Jinhua zunächst Erläuterungen und persönlichen Kontext“, berichtet Simon Linke. Zwar sei der Ansatz betreuungsintensiver; Simon Linke möchte ihn aber auch für künftige Präsentationen in Harburg berücksichtigen.

Während Besucher:innen in Deutschland meist direkt mit der Dance Booth interagieren, wünschte sich das Publikum in Jinhua zunächst Erläuterungen und persönlichen Kontext.

Das anschließende Symposium eröffnete internationale Perspektiven, etwa zur KI-gestützten Modellierung urbaner Klang- und Sozialräume. Die Diskussionen über kulturell unterschiedliche Wahrnehmungen von Lautstärke hat Simon Linke als besonders prägend wahrgenommen. „In Europa gilt Stille oft als Ideal, während in vielen afrikanischen Kontexten gerade das Fehlen von Klang irritiert. Obwohl die im Projekt „Cybermusician“ entwickelten physikalischen Modelle diese Offenheit bereits berücksichtigen, wurde deutlich, dass dieser Aspekt künftig stärker betont werden sollte – eine Beobachtung, die sich auch beim Besuch von Dekan Xing Ruan und dem Team der Stadtplanung an der Shanghai Jiao Tong University bestätigte.“

KI und Musik: Ausstellung in Jinhua | Foto: Simon Linke
Fotos: Simon Linke

Workshops und Konzerte in Hangzhou, Jinhua und Shanghai

Konzert in Hangzhou am 01. November | Foto: 蔣舒帆
Konzert in Hangzhou am 01. November | Foto: 蔣舒帆

Der zweite Teil der Reise galt der musikalischen Zusammenarbeit von Rolf Bader und Simon Linke (Sonomathematische Impulsarchitekten) mit dem chinesischen Musiker und Komponisten Liang Yiyuan, mit dem Simon Linke bereits seit der vorangegangenen Reise nach Yunnan im Kontakt stand. „Die gemeinsam organisierten Workshops und Konzerte ermöglichten einen seltenen Austausch mit Vertreter:innen der freien chinesischen Musikszene, die aufgrund politischer Einschränkungen und begrenzter Förderung nur schwer sichtbar ist“, resümiert Simon Linke. „Viele Musiker:innen können das Land kaum verlassen und haben nur eingeschränkten Zugang zu internationalen Netzwerken.“

Gerade mit Blick auf die ICMC 2026, die vom 10. bis 16. Mai 2026 in Hamburg-Harburg stattfinden und von den Verbundpartner:innen des ligeti zentrums organisiert wird, sei dieser Dialog wichtig gewesen. „Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen zeigte sich ein starkes Interesse an experimenteller Musik – und eine überraschende inhaltliche Nähe zu unseren Zielen, die jedoch oft mit ganz anderen Mitteln verfolgt werden“, erklärt Simon Linke. Die im Projekt „Cyberinstruments“ entwickelten Open-Source-Methoden seien als wertvolle Inspiration aufgenommen worden.

Bemerkenswert war, dass KI-basierte Verfahren in China – ähnlich wie in Europa – offiziell stark gefördert werden, auch im musikalischen Bereich.

„Bemerkenswert war, dass KI-basierte Verfahren in China – ähnlich wie in Europa – offiziell stark gefördert werden, auch im musikalischen Bereich. Dadurch entstehen selbst in restriktiven Strukturen neue Freiräume für künstlerische Arbeit.“ Für Simon Linke und sein Projekt „Cyberinstruments“ bedeutet dies, dass KI-basierte Instrumente und Systeme nicht nur ästhetisch neue Möglichkeiten eröffnen, sondern auch den internationalen Austausch erleichtern können, wo dieser politisch oder gesellschaftlich eingeschränkt ist. Auf diese Weise entstehen sowohl technologische als auch neue kulturelle Impulse, die langfristig auch die Hamburger und Harburger Musikszene bereichern können.

Performance in Hangzhou: Die Sonomathematischen Impulsarchitekten, Simon Linke und Rolf Bader | Foto: 蔣舒帆
Performance in Hangzhou: Die Sonomathematischen Impulsarchitekten, Simon Linke und Rolf Bader | Foto: 蔣舒帆

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