Ähnliches zeigen die Ergebnisse von Zimmermann & Zimmermann (2013). Hier machten Teilnehmende aus Deutschland und den Niederlanden erst sehr viel später den ersten Klick auf der Startseite einer Webseite. Teilweise 40–60 Sekunden später als Personen aus Russland oder Belgien. Und analog zur Clicktale Studie fokussierten sich die deutschen und niederländischen Teilnehmenden durchschnittlich länger auf Hoteldetails als beispielsweise Teilnehmende aus Russland. In beiden Studien zeigen sich quantitative messbare Unterschiede im Bedürfnis nach Informationen zwischen Kulturen – interessanterweise auch zwischen Ländern, die geografisch direkte Nachbarn sind.
Markenwahrnehmung: Eine Marke – viele Gesichter
Unterschiedliche Verhaltens- und Denkweisen können weiterhin dazu führen, dass Unternehmen oder Marken in Ländern unterschiedlich wahrgenommen oder zu unterschiedlichen Zwecken genutzt werden. Im Vergleich der Lufthansa Webseite (Abb. 9) steht für die Ägypter*innen abgeleitet von der Grafik das Reisen zu Business Zwecken im Vordergrund. Dies zeigt, dass die Lufthansa als Airline oder Marke in Ländern unterschiedlich wahrgenommen wird. In Ägypten ist die Lufthansa vermutlich keine Urlaubsairline und wird eher mit berufsbedingten Reisen verbunden. Das ist nachvollziehbar, denn es fliegen wahrscheinlich mehr Deutsche nach Ägypten in den Urlaub als Ägypter*innen nach Deutschland.
Warum sind Kulturunterschiede für UXler relevant?
Als UXler sind wir es gewohnt, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen. Einer dieser Blickwinkel sollten dabei kulturelle Einflüsse sein. Wie in den beschriebenen Beispielen deutlich wird, können sich kulturelle Unterschiede sehr vielseitig zeigen und mitunter die komplette Struktur einer Webseite verändern. Es ist also für UXler imminent, sich interkulturelle Kompetenz anzueignen. Und damit ist nicht gemeint, sich mit allen Gepflogenheiten jeder Kultur bestens auszukennen. Es geht mehr darum, ein Bewusstsein für mögliche kulturelle Unterschiede und deren Auswirkungen zu entwickeln. Eine gewisse kulturelle Sensibilität ist in allen Schritten des UX-Prozesses hilfreich.
Im UX Test: Kultur in allen Phasen
In der Startphase eines UX-Tests steht zunächst die Rekrutierung passender Teilnehmender und die Erstellung eines Zeitplans an. Bei der Spezifizierung der Zielgruppe kann es bspw. relevant sein, aktiv unterschiedliche Kulturen miteinzubeziehen. Bei der Erstellung eines Zeitplans sollte beachtet werden, dass es unterschiedliche Terminkulturen gibt. Beispielsweise neigen Südeuropäer*innen dazu, eher unpünktlich zu sein und haben eine höhere No-Show-Rate. Sie haben eine entspanntere Haltung zu Pünktlichkeit. In vielen südeuropäischen Kulturen wird Pünktlichkeit nicht immer auf die Minute genau genommen und weniger streng betrachtet.
Durch Pufferzeiten zwischen den Interviews und Einplanen von Überrekrutierung kann dem vorgebeugt werden, um einen problemlosen Ablauf der Interviews zu ermöglichen.
Beim Erstellen des Interview-Leitfadens und Durchführung eines Pretests kann die Länge der Sprache eine Rolle spielen. Wir haben im Beispiel der Topshop-Webseite gesehen, dass Sprachen unterschiedlich lang sein können und so in einem Interview auch unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nehmen können. Um den Sprachlängen entgegenzukommen, kann die Anzahl an Fragen oder die Gesamtlänge der Interviews angepasst werden.
Während des Interviews kann die Auskunftsfreudigkeit der Teilnehmenden eine Rolle spielen. Manche Kulturen sind sehr präzise und eher zurückhaltend in der persönlichen Kommunikation, weshalb die Antworten kürzer sind. Zudem kann es sein, dass z. B. Teilnehmende aus asiatischen Ländern tendenziell weniger Kritik äußern, da öffentliches Kritisieren dort nicht gängig ist. In beiden Fällen kann gezieltes Nachfragen helfen, möglichst viele Informationen zu erhalten.
Im Expert Review: Gleiche Prinzipien, aber anderes Prinzip
Im Expert Review beurteilt ein UXler Produkte anhand von Prinzipien und Heuristiken. Obwohl die UX-Prinzipien nach DIN EN ISO 9241-110 in ihrer Definition kulturübergreifend einsetzbar sind, kann die Umsetzung der Prinzipien sich zwischen Kulturen unterscheiden.
Aufgabenangemessenheit bedeutet zum Beispiel erforderliche Bedienelemente darzustellen. Für eine Webseite in chinesischer Sprache könnte das bedeuten, dass mehr Buttons oder Menüpunkte eingefügt werden sollten, da die Sticheingabe in einer Suchleiste für die Nutzenden aufwendiger wäre. Für eine deutsch- oder englischsprachige Webseite würde man vermutlich nicht auf diese Idee kommen, da hier eher nach dem Credo „weniger ist mehr“ designt wird und eine Suchfunktion einfacher genutzt werden kann. Unter Aufgabenangemessenheit wird auch verstanden, standardmäßige Auswahlmöglichkeiten zu geben. Das könnte die Auswahl der Bezahlmöglichkeiten beeinflussen. In England ist z. B. PayPal eine gängige Anwendung, während in China eher das Pendant Alipay genutzt wird.
Das Prinzip der Erwartungskonformität beschreibt die angemessene Reaktion auf Benutzerhandlungen sowie sprachlich und kulturelle Konventionen. Im Webseitekontext könnte dies die Frage aufwerfen, ob bei einer erfolgreichen Bearbeitung „Erledigt.“ erscheint oder eine animierte Figur applaudiert. Je nach Kultur kann das eine zu unpersönlich oder das andere zu übertrieben wirken.
Über das Prinzip Benutzerbindung soll Vertrauen hinsichtlich der Anwendung geschaffen werden. Bei Produkten spielt hier die Anzahl der angezeigten Informationen eine Rolle. In China bedeuten viele Informationen eine gute Qualität, während man sich in Deutschland wahrscheinlich eher bedrängt fühlen würde und das Produkt abwerten würde.
Bewerten wir also die Usability von Anwendungen, deren Zielgruppe eine andere Kultur ist, müssen wir die unterschiedliche Auslegung der UX-Prinzipien beachten. Das UX Design anderer Länder ist demnach nicht schlechter, sondern einfach anders, als wir es vielleicht gewohnt sind.
Abschließende Worte: Gleiche Brille, aber neuer Blickwinkel!
In diesem Artikel wurde deutlich, dass sich Kultur sich auf viele verschiedene Elemente einer Anwendung auswirkt. Um diese Auswirkungen erkennen und gegebenenfalls bewerten zu können, ist kulturelle Kompetenz gefragt. Und keine Angst, man muss als UXler kein voll ausgebildeter Kulturanthropologe sein. Kulturelle Kompetenz kann man sich Stück für Stück erarbeiten, wenn man immer die besonderen Eigenschaften und Anforderungen der jeweiligen Zielgruppe im Blick behält. Also im Grunde sollte man einfach weiter das tun, was man als gewissenhafter UXler sowieso macht: Sich die Brille der Nutzenden aufsetzen und so die (kulturellen) Anforderungen im Blick haben!