Kategorie-Archiv: Digitalagentur

Wie backe ich mir einen UX Designer?

UX Designer stehen derzeit hoch im Kurs – und sind entsprechend schwer zu finden. Aperto bildet den UX-Nachwuchs mit einem hauseigenen Traineeprogramm selbst aus.

Die Trainees sammeln Praxiserfahrung in echten Projekten, wie hier beim Design-Schulterblick

Wir sprachen mit Stefan Freimark, Lead UX Consultant bei Aperto in Berlin, über das Thema »UX Nachwuchs finden, ausbilden, übernehmen«.

Warum braucht es ein solches Trainee-Programm? Was fehlt Hochschulabsolventen oder ausgebildeten Mediendesignern für den Job?

Das Traineeship ist eine Brücke zwischen Studium oder Weiterbildung einerseits, und dem Job als UX Designer oder Service Designer andererseits. Absolventen von Studiengängen und Weiterbildungen haben zwar viel Fachwissen, aber ihnen fehlen in der Regel Erfahrungen aus echten Projekten. Wie geht man mit Kundenfeedback um, auch widersprüchlichem Feedback von verschiedenen Stakeholdern? Worauf muss man bei der interdisziplinären Zusammenarbeit achten? Wie geht man mit technischen Restriktionen um? Das sind nur einige Beispiele.

Oft fehlen Absolventen auch Kenntnisse in bestimmten Methoden, da sie in ihrem Studium andere Fähigkeiten erworben haben, die für unsere Projekte nicht so relevant sind. Es gibt ja nicht den einen Interaction-Design-Studiengang, sondern viele verschiedene. Und auch Absolventen anderer Studiengänge wie Informationswissenschaften oder Soziologie bringen wichtige Grundlagen für UX-Design mit, aber ihnen fehlt neben der praktischen Erfahrung natürlich Fachwissen für den Job.

Wer ein Studium absolviert hat, das sehr nahe am Beruf ist, und auch einige praktische Erfahrungen gesammelt hat, den schleusen wir natürlich nicht nochmal durch das einjährige Trainee-Programm. Das Traineeship ist eine Ausbildung; wer die nicht braucht, muss sie auch nicht durchlaufen. Mit Mediendesignern haben wir bisher übrigens noch keine Erfahrungen gemacht. Das liegt einfach daran, dass sich in den letzten Jahren niemand mit diesem Hintergrund auf unsere Stellen beworben hat.

Das Traineeship ist eine Ausbildung; wer die nicht braucht, muss sie auch nicht durchlaufen.

Welche Hintergründe hatten die bisherigen Trainees?

Das hat sich über die letzten Jahre etwas gewandelt. Vor 6 bis 8 Jahren gab es mehr Quereinsteiger als heute, zum Beispiel mit einem Soziologie-Studium. Inzwischen gibt es mehr Studiengänge und Weiterbildungen, die fachlich näher am Beruf sind. Zuletzt hatten wir eine Trainee, die den UX-Kurs bei CareerFoundry absolviert hat – ihr Traineeship haben wir verkürzt, da sie sehr schnell ihre bereits solide Basis ausbauen konnte. Ein anderer UX-Trainee hat Wirtschaftsinformatik mit einem selbstgewählten Schwerpunkt auf Human-Computer-Interaction gewählt.

In Austauschwochen lernen Trainees andere Disziplinen kennen: von Visual Design über Projektmanagement bis zur Medienproduktion

Wurden sie anschließend eingestellt?

Wir haben bisher allen unseren UX-Trainees ein Übernahmeangebot für eine Stelle als Junior UX Designer gemacht. Mit dem Traineeship ist die Ausbildung auch noch nicht zu Ende: Ein Junior wird auch weiterhin von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen betreut.

Wie wählt ihr die Mentoren aus, die die Trainees betreuen?

Mentor kann werden, wer schon selbst viel Projekterfahrung gesammelt hat – und sich auch Zeit für die Anleitung und Betreuung eines Trainee nehmen kann. Typischerweise sind das Kolleginnen und Kollegen auf Senior-Level. Neue Mentoren sind dabei auch nicht auf sich alleine gestellt, sondern bekommen Rat und Tipps von erfahrenen Mentoren, wenn gewünscht. Außerdem haben wir mit dem Mentor Circle ein monatliches Austauschformat, so dass wir alle als Mentoren voneinander lernen können.

Wie aufwendig ist die Betreuung der Trainees im Alltag?

Anfangs ist es mehr, nach den ersten drei Monaten und vor allem in der zweiten Hälfte des 12-monatigen Traineeship wird es weniger. Um konkrete Zahlen zu nennen: In den ersten ein oder zwei Wochen sind es ein bis zwei Stunden pro Tag, danach ca. zwei bis drei Stunden pro Woche, und ab der zweiten Hälfte nur noch rund eine Stunde pro Woche.

Auch Präsentieren gehört zum Ausbildungsplan. UX Designer müssen ihre Arbeitsergebnisse vermitteln können

Ihr habt euren Ausbildungsplan kürzlich komplett überarbeitet: Warum und worauf legt ihr besonderen Wert?

Der Ausbildungsplan ist über die Jahre gewachsen: Wenn neue Themen aufkamen, haben wir die einfach mit dran getackert. Es war daher Zeit, einmal gründlich aufzuräumen. Der neue Plan ist jetzt deutlich flexibler und zukunftsfähiger (hier zum Download). Er konzentriert sich auf die wesentlichen Methoden und praktischen Erfahrungen, die in den meisten Projekten eine Rolle spielen, beispielsweise User Research. Dagegen haben wir Methoden gestrichen, die nur selten vorkommen. Es reicht auch, wenn man mit spezielleren Werkzeugen erst später Bekanntschaft macht; das muss nicht schon im Ausbildungsplan drinstehen.

Können die Trainees theoretisch nach dem Abschluss auch zu anderen Agenturen gehen oder gibt es eine Klausel, die sie an Aperto bindet?

Die Freiheit haben sie, weil sie keinen Knebelvertrag unterschreiben. Wir versuchen natürlich, die Trainees in den 12 Monaten davon zu überzeugen bei uns zu bleiben, und in den meisten Fällen ist uns das auch gelungen.

Arbeitet ihr auch mit Hochschulen zusammen, um ihnen eure Anforderungen an UX Designer zu vermitteln?

Stefan Freimark

Das machen wir punktuell und wir planen, das auszubauen. Dabei geht es uns weniger darum, die Lehrpläne zu beeinflussen. Wir möchten natürlich Ausbildungseinrichtungen vermitteln was Absolventen unserer Erfahrung nach in der Praxis können müssen, aber was davon in die Studienordnungen oder Lehrpläne einfließt, ist natürlich deren Sache. Hauptsächlich geht es uns darum, Studierende auf uns aufmerksam zu machen: Viele wissen nicht, wie vielseitig der Beruf des UX Designers ist. Und es ist natürlich auch eine Gelegenheit, um mit Klischees aufzuräumen, die es womöglich noch zu Agenturen und Beratungen gibt. Wir arbeiten hier an sinnvollen Produkten und Services, die oft von Hunderttausenden Menschen genutzt werden – zum Beispiel die elektronische Gesundheitsakte oder zentrale Online-Services für Bürgerinnen und Bürger. Und wir sind auch als Agentur ein familienfreundliches Unternehmen mit flexiblen Arbeitszeiten, guter Work-Life-Balance und offener Atmosphäre.


Mehr zum Thema:

Wer mehr über die Arbeit von UX-Designern bei Aperto wissen will:

– Wir haben das Jobprofil im Rahmen von Connect Creative Competence ausführlich beleuchtet. Hier findet ihr alle Beiträge dazu – und hier in gebündelter Form als Booklet.

– Mehr über Aperto als Arbeitgeber erfahrt ihr im #Findyourcompany-Profil der Agentur!

Creative Coffee bei Aperto

Im Rahmen unserer Initiative Connect Creative Competence empfing Aperto in Berlin eine Gruppe interessierter Designstudierenden der FH Potsdam …

 

Die Digitalagentur Aperto – An IBM Company empfang die Studierenden aus dem Studiengang Interfacedesign an der FH Potsdam in ihren Berliner Agenturräumen.

Dort lernten sie bei einem Rundgang sowie bei einem gemeinsamen Workshop die Agentur, deren Arbeitsweise und das Berufsfeld UX Design näher kennen.

Das Event-Format Creative Coffee ist fester Bestandteil der PAGE-Initiative Connect Creative Competence, die Design-, Kommunikations- und Digital­agen­­­tu­ren sowie Hochschulen, Unternehmen und Young Talents dabei unterstützt, sich (neu) zu orientieren und umfassend zu qualifizieren.


Alle weiteren PAGE-Connect Artikel zum Thema UX Design bei Aperto finden Sie hier.

Zum Download des PAGE Connect eDossiers »Das macht ein UX Designer bei Aperto – An IBM Company« geht’s hier.

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»Das macht ein UX-Designer bei Aperto – an IBM Company«

UX Design ist in aller Munde – aber was genau macht man da eigentlich? In unserem PAGE Connect eDossier klären wir auf, wie UX Designer bei Aperto in Berlin arbeiten und was man mitbringen sollte, um dort zu arbeiten.

Produkte und Services sind heute häufig digital. Das Nutzungserlebnis wird dabei immer wichtiger, denn die Erwartungshaltung der User an digitale Anwendungen steigt permanent. Um Apps und Webservices so intuitiv und nützlich wie möglich zu gestalten, entwickeln sich ständig neue Aufgabenfelder und Berufsprofile. Die PAGE-Initiative Connect Creative Competence bringt Licht ins Dunkel und unterstützt Agenturen, Hochschulen, Unternehmen und Kreative dabei, sich (neu) zu orientieren, zu qualifizieren und zu vernetzen.

Im eDossier »Das macht ein UX Designer bei Aperto – an IBM Company« beleuchten das Aufgabengebiet am Beispiel der Berliner Digitalagentur Aperto. Sie gehört seit 2016 zu IBM iX, der globalen Agenturfamilie des Technologiekonzerns IBM. Mit einem Mix aus Strategie, Technologie und Kreativität entwickelt Aperto Marketing- und Kommunikationslösungen sowie neue Produkte und Services für den digitalen Wandel. Zu den Kunden zählen Airbus Group, Migros, Rossmann und Volkswagen sowie öffentliche Auftraggeber wie Ministerien, Hochschulen und NGOs.

In unserem eDossier lesen Sie, was User Experience Design ausmacht, wie es bei Aperto angewandt und gelebt wird und welche Kompetenzen Bewerber für diese Disziplin mitbringen sollten. Und falls Sie noch weitere Kreativkompetenzen erkunden und erwerben wollen, schauen Sie einfach mal in die anderen Kompendien unserer PAGE-Connect-Reihe auf www.page-online.de/connect. Dort gibt es weiterführende Informationen in Form von Artikeln, Videos und eDossiers. Creative Competence ist gefragt wie nie!


Hier geht’s zum Download des PAGE Connect eDossiers »Das macht ein UX Designer bei Aperto – An IBM Company«:

Button, call to action, onlineshop, PAGE

 PAGE Connect Artikel zum Thema UX Design bei Aperto finden Sie außerdem hier.

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Das macht ein UX Designer bei Scholz & Volkmer

Wir sprachen mit Peter Post, Geschäftsführer bei Scholz & Volkmer in Wiesbaden, über das Berufsbild UX Designer …

UX Design, UX Designer, Scholz & Volkmer

Peter Post, Geschäftsführer und UX Designer bei der Digitalagentur Scholz & Volkmer in Wiesbaden. Foto: Alexander Dreis

Nicht überall, wo UX Design draufsteht, ist auch UX Design drin. Nur wer wirklich an der Wiege digitaler Geschäftsmodelle steht, hat Einfluss auf die User Experience. Wir befragten Peter Post, Geschäftsführer bei Scholz & Volkmer in Wiesbaden, zu den Anforderungen und Chancen in dem noch jungen Beruf.

PAGE: In den Jobbörsen wimmelt es von Stellenausschreibungen für UX Designer. Unternehmen, Agenturen, Medienhäuser – alle wollen Leute, die sich um das Thema User Experience kümmern. Wen genau suchen sie?
Peter Post: Jemanden, der ihnen hilft, po­si­tive, mühelose und freudvolle Erfahrun­gen zu gestalten. Ein UX Designer muss ganzheitlich und über die Gestaltung einer visuellen Oberfläche hinausdenken. Er muss ergründen, was ein Benutzer braucht und wie er ihn an jedem Punkt seiner User Journey weiterbringen kann. Im Extremfall würde ich von einem UX Designer sogar erwarten, dass er sagt: Stopp, hier brauchen wir gar kein Interface.

Ein UX Designer ist also kein Interface Designer. Was sind die wichtigsten Unterschiede dieser beiden Gewerke?
Post: Das ist genau der Knackpunkt: UX und Interface Design werden häufig in einen Topf geschmissen. Das liegt daran, dass der Begriff User Experience und damit das Berufsbild des UX Designers erst aufkamen, als es immer mehr rein digitale Ge­schäftsmodelle gab. Man könnte auch sagen, der UX Designer ist die neue digita­le Form des Produktdesigners. Und das ist der wichtigste Unterschied: Der UX De­si­gner ist von Anfang an an der Ent­wick­lung eines digitalen Services beteiligt, der Inter­face Designer kommt dazu, wenn es da­rum geht, die Schnittstelle zwischen dem Produkt und den Menschen zu ge­stal­ten.

Das eine lässt sich aber doch nicht ganz vom anderen trennen.
Post: Nein! Natürlich sollte jeder UX Desi­g­ner visuell denken, scribbeln und zum Beispiel mit Wireframes umgehen können. Und dass jeder Gestalter – sei es klassisch oder digital – sich immer auch konzeptionelle Gedanken macht, ist auch klar. Oft ist für die User Experience und das Interface bei einem Projekt ja auch ein und dieselbe Person verantwortlich. Trotzdem: Wer sich UX Designer nennt, muss wirklich in den Kern eines Services eindringen und extrem analytisch denken können.

»UX Designer müssen ganzheitlich und über die Gestaltung einer visuellen Oberfläche hinausdenken«

Was bedeutet das für den Arbeits­alltag eines UX Designers? Wie sieht der typischerweise aus?
Post: UX Designer befinden sich noch mehr in Recherchephasen als andere Kreative. Wenn sie beispielsweise an einer digitalen Anwendung aus dem Bereich Retail arbei­ten, kann es schon mal vorkommen, dass sie mehrere Tage in Geschäften neben der Kasse stehen und beobachten, wie sich die Menschen dort verhalten. Darüber hin­aus schreibt man Konzepte, entwirft Personas, zeichnet User Journeys auf und ist in Work­shops und Kundenmeetings dabei.

Stichwort Kundenmeeting: Die frühe Einbindung bei der Entwicklung eines Produkts erfordert sicherlich eine extrem enge Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber.
Post: Absolut. Immer häufiger wünschen sich die Kunden, dass einer unserer UX De­signer für die Dauer eines Projekts kom­plett bei ihnen sitzt. Da muss man ein biss­chen aufpassen, dass das nicht zu weit führt, wir sind schließlich keine Zeitarbeits­firma. Insgesamt achten wir darauf, dass unsere UX Designer in Kundenmeetings nicht nur dabeisitzen, sondern auch ihre Themen selbst diskutieren, damit möglichst keine Informationen auf der Strecke bleiben und wir gemeinsam zum bestmög­lichen Ergebnis kommen.

Für erfahrene Mitarbeiter ist das sicher kein Problem. Wie gut ist der Nachwuchs für solche Aufgaben gewappnet? Oder anders gefragt: Wie nah kommen die Absolventen von heute an deine Vorstellung eines guten UX Designers heran?
Post: Teilweise schon sehr nah. Es kommt gerade ein Schwung junger Kommunikationsdesigner in die Agenturen, die zwischen Informationsarchitektur und Art­di­rektion gar nicht mehr so stark un­ter­schei­den. Ich will jetzt nicht von einem Ge­ne­rationswechsel sprechen, das klingt, als wären die alten Silberrücken nicht in der Lage, umzudenken. Aber die jungen Desig­ner finden es vollkommen nor­mal, beim Kunden zu sitzen – denn hier wird schließlich das Produkt entwickelt. Viele von ihnen haben schon während des Studiums ein eigenes kleines Start-up gegrün­det, es wahrschein­lich gegen die Wand ge­fahren und wissen, was es bedeutet, einen digitalen Service zu verkaufen. Damit könn­te mich übrigens auch ein Bewerber überzeugen: mit dem Mut, unternehmerisch zu denken.

»Wer sich UX Desig­ner nennt, muss wirklich in den Kern eines Services oder digitalen Produkts eindringen und extrem ana­ly­tisch denken können«

Was zählt noch, wenn sich jemand bei euch als UX Designer vorstellt?
Post: Wir sind immer noch Designer, wenn also jemand mit einer tollen Mappe kommt, dann hat er schon mal meine Aufmerksam­keit. Ich schätze es nach wie vor, wenn jemand typografisch gut ist und aus einer Zeile Text etwas herausholen kann. Allerdings: Ein UX Designer muss mir zudem zeigen, dass er strukturell denken kann. In seiner Mappe sollten nicht nur Oberflächen zu sehen sein, sondern auch User Journeys, Konzepte für Businessmodelle, Beispiele dafür, wie jemand mit Abbruchraten umgeht und so weiter.

Muss man als UX Designer programmieren können?
Post: Ein gewisses Verständnis von Code sollte man schon haben. Viele können pro­grammieren, das ist aber kein Muss. Ich bin manchmal selbst erstaunt, welche Tools sich unsere UXler zusammensuchen, um Prototypen für Websites oder Apps zu erstellen, ohne coden zu können. Das muss nicht zwangsläufig so etwas Professionel­les wie Axure sein, manchmal tun es auch kleine Gratistools.

UX Designer müssen also mit Technikern im Team arbeiten.
Post: Ja, genau. Die können vom Kunden kommen, aber auch aus der Agentur. Über­haupt sollte man als UX Designer extrem teamfähig sein. Normalerweise arbeitet man mit mindestens einem visuel­len Designer, einem Projektmanager und eben einem Developer zusammen. Teams können aber auch schnell aus 20 Leuten bestehen. Wie vorhin angesprochen, sorgt der Auftrieb digitaler Geschäftsmodelle dafür, dass nicht nur die Disziplinen, sondern auch die Kunden- und die Agenturseite en­ger zusammenrücken müssen. Man muss sich also auch auf andere Umgangsfor­men einlassen können, zeitweise vielleicht auf eine vollständig andere Unternehmens­kultur.

»Der UX Designer ist die neue digitale Form des Produktdesigners«

Gehört dazu auch, dass man strecken­weise bereit sein muss, überdurchschnittlich viel zu arbeiten?
Post: Ich wüsste nicht, warum das hier mehr als bei anderen Projekten sein sollte. Klar, wer beim Kunden sitzt, hat Reisezei­ten und muss möglicherweise im Hotel über­nachten. Das soll aber nicht überhand­nehmen und wird ausgeglichen.

Wie viel verdient ein UX Designer?
Post: Wir machen da keinen großen Unterschied zwischen den Gewerken: Ein Junior steigt ab 2400 Euro brutto ein, Me­di­oren verdienen ab 3000, Senioren ab 4000. Das Monatsgehalt der Direktoren geht bei etwa 5000 Euro los, nach oben hinaus kommt es auf die Verantwortung an, die man übernimmt.

Sind diese Stufen dann auch der klassische Karriereweg eines UX Designers bei Scholz & Volkmer?
Post: So könnte er aussehen, ja. Wir brauchen natürlich nicht zig Chefs. Ich bin aber zum Beispiel auch als Designer ohne BWL-Ausbildung erst zum Unitleiter und später zum Geschäftsführer geworden. Karriere wird aber immer weniger vertikal oder hie­rarchisch gedacht. Bei uns kann man auch in die eigene Produktentwicklung einsteigen, Teil eines Social Business werden. Das zählt für immer mehr Leute mehr als »höher und weiter«.

Du hast an der Fachhochschule Wies­baden ganz klassisch Kommuni­ka­tionsdesign studiert und warst ab Mitte der 1990er für den Aufbau
der Interaction-Design-Units verschie­de­ner niederländischer Agenturen verant­wortlich. Würdest du dich denn heute als praktizierenden UX Designer bezeichnen?
Post: Ja, schon. Natürlich bin ich weniger ins Tagesgeschäft eingebunden als unsere UXler. Aber ich schreibe nach wie vor Kon­zepte und scribble. 20 bis 30 Prozent meiner Arbeit wirken sich direkt auf die Produkte aus, an denen wir arbeiten.

»Im UX Design zählt nicht, wer am lautes­ten brüllt oder am sicht­­­bars­ten stört. Ein UX Designer ist kein Rockstar«

Welche zum Beispiel?
Post: Wir betreuen diverse Mercedes-Benz-Portale und die Deutsche Bahn – ein Füllhorn für UXler, die Touchpoints, an denen User Experience eine Rolle spielt, sind nahezu endlos: von Apps über klassische Sites, bis hin zu Self-Service-Displays und Wearables. Richtig knifflig wird es, wenn durch Omnichannel der User auch noch zwischen den Touchpoints wechselt, wäh­rend er ein und dieselbe Aufgabe erledigen möchte. Aber auch kleinere Projekte wie eine Stadion-App für Bayer 04 Leverkusen sind spannend. Dieses Projekt zeigt sehr gut, welchen Stellenwert die Research-Phase im UX Design hat: Unsere Designer haben Befragungen im Fanclub gemacht und waren mehrere Male im Stadion, um Umfeld und Publikum wirklich genau kennenzulernen. UX-Designer sollten gern mit Men­schen zu tun haben. Schließlich haben sie den Anspruch, deren Leben zu bereichern.

In welchen Branchen warten die spannendsten Projekte für UX-Designer?
Post: Überall, wo es zunehmend darum geht, anstelle eines Dings einen digitalen Service zu verkaufen – also eigentlich in al­len Branchen, von Automotive über Retail bis zum Tourismus. Dabei geht es übrigens nicht ausschließlich um technologische In­novation, sondern auch um soziale. Air­bnb ist ein per­fektes Beispiel dafür, wie UX Designer es geschafft haben, einen Zeitgeist aufzugreifen und aus einer Geschäfts­idee – zeit­weise leer stehenden Raum einer Commu­nity zur Verfügung zu stellen – eine Trust-Brand gemacht haben. Das Schöne daran ist, dass es nicht nur drei Jungs im Silicon Valley reich macht, sondern dass – mehr als bei Uber – auch eine gesellschaftliche Umverteilung stattfindet. Unser Kiezkauf­haus geht mit dem Genossenschaftsgedanken noch einen Schritt weiter.

Was fasziniert dich am Tun von UX Designern am meisten?
Post: Im UX Design zählt nicht, wer am lau­testen brüllt oder am sichtbarsten stört. Es geht nicht darum, ein Hinweisschild für ein Produkt aufzustellen, sondern um die Ent­wicklung des Produkts selbst. Ein UX Designer ist kein lauter Rockstar, der alle über­tönt, sondern jemand, der weiß: Egal, was du machst, es funktioniert nur, wenn die Menschen es gerne nutzen.

 


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Das macht ein Interaction Designer bei deepblue networks

Interaction Designer Fabian Orthen und Creative Director Burkhard Müller von deepblue networks in Hamburg standen uns Rede und Antwort …

Interaction Design, Interaction Designer, deepblue

Fabian Orthen, Interaction Designer & Burkhard Müller, Creative Director

Fabian Orthen, 27, arbeitet seit drei Jahren als Interaction Designer bei der Kreativagentur deepblue networks in Hamburg. Wir sprachen mit ihm und Creative Director Burkhard Müller über Aufgaben, Herausforderungen und Abläufe im Alltag eines Interaction Designers.

PAGE: Wie kamst du zu deepblue networks, Fabian?
Fabian Orthen: Ich habe an der Akademie für Kommunikationsdesign in Köln studiert – also eine eher klassische Ausbildung gemacht. Während des Studiums habe ich gemerkt, dass mich Digital sehr interessiert. Dieses Thema habe ich dann priorisiert und meine Bachelorarbeit über das In­teraction Design für eine iPad-Anwendung geschrieben. Nach meinem Abschluss habe ich gezielt nach Stellen gesucht, wo ich dieses Thema weiter ausbauen konnte. 2013 bin ich dann als Trainee bei deepblue networks eingestiegen.

Burkhard Müller: Fabian war einer unse­rer ersten Trainees überhaupt im Bereich Interaction Design. Damals hatten wir fest­gestellt, dass wir Leute für komplexe digitale Themen brauchen, die nicht nur Wire­frames bauen können, sondern auch ein Verständnis für Design und Informations­architektur mitbringen. Zu dieser Zeit frag­ten unsere Kunden verstärkt nach Mo­bile-Projekten. Wir hatten bereits ein paar Apps realisiert, allerdings eher kleinere Gadgets, die man gut inhouse umsetzen konnte, wie einen Pflanzenfinder für OBI. Als Fabi­an bei uns anfing, hatte uns kurz zuvor die Schweizer Unternehmensgruppe Migros mit einer um­fangreichen App beauftragt. Mittlerweile besteht unser Team aus insgesamt 26 Interaction Designern, Entwick­lern und Beratern.

Wie sieht der Ablauf aus, wenn ihr in ein neues Projekt startet?
Orthen: In ersten Workshops mit dem Kun­den versuchen wir herauszufinden, was die Vision und Mission hinter dem Pro­jekt ist. Wir überlegen uns erste Features und eine Informationsarchitektur. Wenn der Kunde sein Go gibt, schreiben wir User Storys, überlegen uns einen Flow und steigen ins Prototyping ein. Besonders in dieser Phase ist es wichtig, sich in den Nutzer hineinzuversetzen.

»Ich versuche immer zu wissen, was technisch möglich ist, wie es funktioniert und wie aufwendig es ist« Fabian

Im Alltag probiere ich viel aus, baue Wireframes, pinne Konzepte an die Wand und gehe sie Schritt für Schritt durch. Sobald das Grobkonzept steht, geht es in die Designphase. In ihr definieren wir jede Funktion – vom Startscreen über Fehlermeldungen bis hin zum Ladeverhalten. Wir fragen uns: Was sieht der Nutzer, wenn er die App öffnet? Gibt es eine Animation? Was passiert im Hintergrund? All diese Dinge, die der Nutzer nicht bewusst wahrnimmt beziehungswei­se gar nicht wahrnehmen soll, werden hier durchdacht und definiert. Parallel dazu beginnen die Entwickler mit der Umsetzung, um in iterativen Schleifen das Design anzupassen.

Wie wichtig ist Prototyping bei eurer Arbeit?
Müller: Extrem wichtig. Wir setzen Prototyping so früh wie möglich ein, um unsere Entwürfe zu testen und dem Kunden eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie sich eine App später verhalten wird. Mit Tools wie InVision, Flinto und Marvel lassen sich schnell Klickdummys bauen, die man auf dem Smartphone testen kann. Dabei handelt es sich quasi um eine Verknüpfung von Bildschirmen und Ansichten. So überzeugt man Kunden viel besser von einem Konzept als mit zig PowerPoint-Slides. Die Pro­totyping-Software Framer geht schließlich mehr ins Detail. Hiermit lassen sich sehr gut komplexe und individuelle Animatio­nen simulieren.

Orthen: Schon in der Ideenfindungsphase setzen wir Prototypen ein, um unser Konzept in kleiner Runde zu testen. Oft tauchen bereits Ungereimtheiten auf, wenn man nur zehn Leute befragt, und man kann das Konzept sofort verbessern. Bevor die Entwicklung startet und ein Release veröffentlicht wird, machen wir zusätzlich professionelle Usertests.

»Gute Interaction Desi­gner bringen eine bestimmte Mischung mit: Erfahrung und Geschmack auf der einen Seite – Offenheit, Zuhören und Sich-selbst-infrage-Stellen auf der anderen« Burkhard

Codest du auch selbst?
Orthen: Wenn ich einen sehr komplexen Prototyp baue, habe ich schon mal mit HTML und CSS zu tun. Einige Interaction Designer fangen dann an zu coden, um die Machbarkeit zu testen. Das lerne ich gerade. Ich versuche aber grundsätzlich zu wis­sen, was technisch möglich ist, wie es funk­tioniert und wie aufwendig es ist. So kom­me ich überhaupt nicht erst in die Verlegen­heit, etwas vorzuschlagen, das gar nicht geht. Manchmal ist es andererseits auch gut, wenn man dieses Wissen ignoriert und trotzdem fragt. So können sich ganz neue Ideen oder Möglichkeiten ergeben. Meine alltäglichen Programme neben den Prototyping-Tools sind Photoshop, Illustrator und Sketch.

Wie bereitet ihr die Workshops mit den Kunden auf?
Müller: Wir holen zuerst die Erwartungshaltung vom Kunden ein, um den Work­shop individuell auf seine Bedürfnisse zuzuschneiden. Die Vorbereitung machen wir gemeinsam, die Präsentation überneh­me meistens ich. Uns ist extrem wichtig, dass die Interaction Designer hier mit am Tisch sitzen. So sieht der Kunde, wer dahinter steckt, und die Kreativen können ihre eigenen Ideen vorstellen und mit dem Kunden diskutieren. Wir gehen immer in einen offenen Dialog mit den Kunden. Nur so findet man am Ende zu selbsterklärenden, intuitiven Lösungen, die begeistern und Spaß machen.

Offenheit und Kritikfähigkeit sind also wichtige Eigenschaften für einen Interaction Designer?
Orthen: Ja. Aber das lernt man vergleichsweise schnell. Es gibt nie die eine Idee, son­dern immer verschiedene Möglichkei­ten. Durch Techniken wie A/B-Testing, Umfragen, Scribbles, Flowcharts und Prototyping lässt sich die möglichst beste Lösung für ein Problem finden.

Müller: Gute Interaction Designer bringen eine bestimmte Mischung mit: Erfahrung und Geschmack auf der einen Seite – Offenheit, Zuhören und Sich-selbst-infrage-Stellen auf der anderen. Bei der Entwicklung von digitalen Services geht es darum, den Menschen das Leben leichter zu machen. Es braucht einen bestimmten Charakter, um sich für so etwas zu motivieren. Der Werber, der sich über große Viral-Hits und prämierte Kampagnen definiert, ist hier fehl am Platz.

»Im Alltag probiere ich viel aus, baue Wireframes, pinne Konzepte an die Wand und gehe sie Schritt für Schritt durch« Fabian

Muss ein Interaction Designer vorm Kunden präsentieren und seine Ideen verkaufen können?
Müller: Es schadet nicht, wenn man das mitbringt, aber es ist kein Must-have. Häu­fig kristallisiert sich innerhalb eines Teams erst heraus, wer welche Stärken hat und entsprechende Aufgaben übernimmt. Interaction Designer vereinen Konzeption, Design und einen Teil der Entwicklung in einer Person. Wenn sie dann auch noch gu­te Verkäufer, Teamplayer und Manager sein müssen, sucht man nach der eierlegenden Wollmilchsau.

Wo und wie lasst ihr euch inspirieren?
Orthen: Ich gucke jeden Morgen, was es Neues gibt und was andere so machen – zum Beispiel bei Dribbble oder Behance. Momentan sind Virtual Reality und das The­ma Chatbots, Live Chats und Messenger-Plattformen ganz heiß – also Interfaces, die auf Konversation beruhen.

Müller: Wir haben eine Facebook-Gruppe, in der wir interessante Artikel und Links posten. Das ist eine gute Basis, um zu wissen, was gerade angesagt ist. Es überlegt also nicht jeder still für sich, sondern wir teilen und diskutieren über die Themen.

Was sind so richtig öde Aufgaben, die man als Interaction Designer machen muss?
Orthen: Texte pflegen und Testing. Sobald ein Feature entwickelt ist, muss man es gründlich gegenchecken, alles ausprobieren und quasi versuchen, die App kaputtzumachen – und das Ganze in Tabellen do­kumentieren.

Und was war dein absolutes Highlight bisher?
Orthen: Als die Migros-App live gegangen ist! Der Prozess selbst war gegen Ende sehr stressig. Aber dann zu sehen, wie die Arbeit eines Jahres live geht und wie die Leute damit umgehen, war extrem spannend. Das Feedback und die Bewertungen im Netz zu lesen – und anschließend zu überlegen, wo wir noch mal ranmüssen. Toll ist aber auch die Phase ganz am Anfang ei­nes Projekts, wenn man noch so gut wie gar nichts weiß und in alle Richtungen den­ken kann. Man kann ein Produkt von der Pike auf mit formen und seine eigenen Visionen einbringen.

»Interaction Designer können nicht nur Wireframes bauen, sondern haben auch ein Verständnis für Design und Informationsarchitektur« Burkhard

In welche Richtung wird sich der Beruf Interaction Designer eurer Meinung nach entwickeln?
Müller: Im Grunde verändert sich der Beruf jeden Tag. Ständig kommen neue Tools und Softwareversionen dazu, die man beherrschen muss. Auch das Aufgabenfeld wird immer breiter. Unsere Unit heißt bewusst nicht »Mobile«, weil ich es gar nicht so sehr eingrenzen möchte. Wir versuchen möglichst nah am Nutzer zu sein und für ihn Services bereitzustellen – egal ob das auf dem Smartphone stattfindet oder in der Virtual Reality. Sobald wir glauben, dass ein Trend Potenzial hat und sich etablieren wird, entwickeln wir erste Ideen und versuchen diese bei unseren Kunden zu platzieren. Zum Beispiel waren wir beim Thema Smartwatch sehr proaktiv und haben bereits früh Kundenprojekte dafür ent­wickelt, etwa für Migros und Gerolsteiner.

Fabian, hast du ein Wunschprojekt, das du unbedingt mal umsetzen möchtest?
Orthen: Das wechselt ständig. Im Moment würde ich gerne was mit Virtual Reality ma­chen. Oder etwas im Bereich Self-Driving Cars: Wie sieht eigentlich das Interface in einem selbstfahrenden Auto aus? Was macht der Mensch darin, wenn er nicht mehr auf die Straße gucken und lenken muss? Et cetera. Irgendwann würde ich gern ein eigenes Produkt entwickeln und vielleicht ein Start-up gründen.

 


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Interaction Design in der Praxis

Mit dem Launch einer Transportbegleiter-App für Bosch Connected Devices and Solutions betraten die Interaction Designer von deepblue networks unbekanntes Terrain – und überzeugten mit ihrer Expertise …

Interaction Designer Daniel Kränz scribbelt viel und nutzt Post-its für den schnellen Überblick

Interaction Designer Daniel Kränz

Das ist mal was anderes: In einem Meeting mit hochqualifizierten Ingenieuren sitzen, die für einen großen Industriekonzern arbeiten, um gemeinsam herauszufinden, wo die Probleme ihres neuen Produkts liegen. In dieser Situation fand sich ein Team der Hamburger Agentur deepblue networks Anfang des Jahres 2016 wieder. Das Unternehmen Bosch Connected Devices and Solutions (BCDS), eine Tochter des Bosch-Konzerns, die sich um Innovationen und das Erschließen neuer Geschäftsfelder kümmert, hatte deepblue kontaktiert und um Hilfe bei der Entwicklung und Optimierung eines neuen Produkts gebeten.

Dabei handelte es sich um den Transport Data Logger (TDL), ein Gerät, das verschiedene Sensoren sowie eine entsprechende Firmware zur Auslesung kombiniert und so den blinden Fleck beim Warentransport ausleuchten soll. Konkreter: Das Gerät misst Parameter wie Neigung, Feuchtigkeit und Temperatur, um anzuzeigen, welchen Einflüssen und Belastungen eine Lieferung ausgesetzt war – etwa wenn eine Maschine von Deutschland nach China transportiert wurde – und ob es dabei zu Unregelmäßigkeiten kam. Die gesammelten Daten übermittelt es über Bluetooth Low Energy (BLE) an eine zugehörige Smartphone-App.

Die neuartige Lösung entstand vor dem Hintergrund der Industrie 4.0 – auch vierte industrielle Revolution genannt. Auch Industrieunternehmen müssen sich der Digitalisierung stellen und die neuen Technologien und Vernetzungsmöglichkeiten für die Kommunikation mit ihren Kunden und den Anwendern ihrer Angebote nutzen. Hier spielt das Internet of Things eine große Rolle ebenso wie das Angebot von ganzen Servicesystemen statt einzelner »fertiger« Produkte. Die Anforderungen im Business-to-Business-Bereich unterscheiden sich dabei kaum vom Business-to-Consumer-Markt: Die Kunden erwarten verständliche, intuitiv nutzbare Produkte und Services sowie die Möglichkeit, direkt mit dem Hersteller zu kommunizieren. Nur Unternehmen, die sich dieser Herausforderung stellen, werden in Zukunft am Markt bestehen können.

Interaction Designer Daniel Kränz scribbelt viel und nutzt Post-its für den schnellen Überblick Die Projetkfremden Interaction Designer Fabian Orthen, Benedikt Bochshecker und Christoph Siebelt geben Feedback zum Konzept. Die Interaction Designer Daniel Kränz (links) und Fabian Orthen (rechts) besprechen gemeinsam mit Interaction-Design-Praktikant Lucas Köhler erste Entwürfe zur Informationsarchitektur. Senior-Artdirektorin Lizbeth Sanchez arbeitet am Visual Design in Photshop. Hingucker: Mit der Transport-Data-Logger-App können sich die Nutzer anzeigen lassen, ob es in den Bereichen Temperatur, Feuhctigkeit, Neigung und Erschütterung Grenzwertverletzungen gab. Auf der Hannover Messe demonstrierten deepblue und Bosch die Funktionsweise in einem Versuchsaufbau. Hingucker: Mit der Transport-Data-Logger-App können sich die Nutzer anzeigen lassen, ob es in den Bereichen Temperatur, Feuhctigkeit, Neigung und Erschütterung Grenzwertverletzungen gab. Auf der Hannover Messe demonstrierten deepblue und Bosch die Funktionsweise in einem Versuchsaufbau.

Ein ziemlich komplexes Feld also, und auf den ersten Blick mag es verwundern, dass BCDS bei diesem Thema den Input einer Kommunikationsagentur einholte – auch wenn diese einen digitalen Schwerpunkt hat. Doch deepblue hat in den vergangenen Jahren ein schlagkräftiges Interaction-Design-Team aufgebaut, das etwa mit der Entwicklung der Einkaufsapp für den Schweizer Konzern Migros bewiesen hat, dass es für so eine Aufgabe bestens aufgestellt ist. Während BCDS die Sensortechnologie ihres TDLs zweifellos am besten selbst beurteilt und optimiert, ging es bei diesem Auftrag um den Brückenschlag zum User. »Wir schauen aus der Perspektive des Nutzers auf das Produkt und erkennen so Probleme bei der Anwendung«, erklärt Florian Liebold, Vorstand bei deepblue networks. »Wir denken an den Lagerarbeiter, der in einer dunklen, kalten Halle steht, dicke Handschuhe trägt und wenig Zeit und Lust hat, sich lange mit einer App herumzuschlagen.«

Herantasten an Kunde 
und Produkt

 

In einem ersten Chemistry Meeting ging es vor allem darum, sich gegenseitig kennenzulernen und den Kunden und das Produkt zu verstehen. Letzteres erwies sich als gar nicht so einfach, denn die erste Demo-App, die Bosch mit einem anderen Dienstleister entwickelt hatte, war sehr technisch und wenig auf Usability ausgerichtet. »Es gab ein User Manual für die Anwendung, und selbst dieses war schwer zu verstehen«, erinnert sich Daniel Kränz, Interaction Designer bei deepblue networks. »Das ist ein absolutes No-Go: Schließlich sollte eine App so intuitiv gestaltet sein, dass man sie ohne Bedienungsanleitung einfach nutzen kann.«

»Wir schauen aus der Perspektive des Nutzers auf das Produkt und erkennen so Probleme bei der Anwendung« Florian Liebold, Vorstand bei deepblue networks

Das Kennenlernen verlief positiv, sodass sich deepblue im nächsten Schritt zurückzog, um tiefer ins Thema einzusteigen und einen gemeinsamen Workshop mit dem Kunden vorzubereiten. »Wir haben uns zwei Wochen intensiv damit beschäftigt, was das Produkt kann und wie alles zusammenhängt«, so Kränz. Dabei konnte das Team auf Material von BCDS zurückgreifen, darunter Spezifikationen zum Device und Interviews mit potenziellen Kunden. Außerdem recherchierte Kränz gemeinsam mit Senior-Artdirektorin Lizbeth Sanchez und dem Interaction-Design-Praktikanten Lucas Köhler zum Thema Logistik und Transport, um ein Gespür für die Rollen und Bedürfnisse zu bekommen, die in diesem Kontext wichtig sind. Auf dieser Basis trug er Fragen und mögliche Probleme bei der Nutzung zusammen, die vor Ort gemeinsam mit dem Kunden geklärt werden sollten.

Da deepblue auch die Schnittstelle zwischen dem Transport Data Logger und der App programmieren sollte, war es wichtig, von Anfang an die Technikkompetenz im Team zu haben. »Wir sind kein Softwaredienstleister und mussten erst mal Vertrauen schaffen und zeigen, dass wir mehr können als Werbung«, erklärt Burkhard Müller, Executive Creative Director bei deepblue. »Nämlich dass wir in der Lage sind, konkreten Nutzwert zu schaffen und das Produkt rund zu machen.« Deshalb war bei dem Workshop neben Vertretern aus Beratung und Kreation auch ein auf Applikationslogik spezialisierter Entwickler dabei, der normalerweise erst im weiteren Projektverlauf hinzustößt.

Grundsatzfragen klären

 

»Wenn man sich als Interaction Designer in der Konzeptphase verrennt, kann das viel Zeit und Geld kosten« Daniel Kränz, Interaction Designer bei deepblue networks

Bei dem Workshop im Dezember 2016 präsentierte deepblue unter anderem eine Customer Journey anhand eines fiktiven Szenarios, um den Nutzungskontext greifbar zu machen. Daraus ergaben sich bereits erste wichtige Fragen: Für wen ist die App gedacht? Wer hat Interesse an den Informationen? Wer bedient die App? Was muss der Transport Data Logger leisten und was die App? So ist zum Beispiel der Versender derjenige mit dem Wissen über die Ware, der Logistiker jedoch derjenige, der den Transport durchführt (meist sind hier auch noch mehrere Unternehmen und Verkehrsmittel im Spiel). Der Empfänger wiederum ist derjenige, der die Daten auslesen und die Informationen eventuell an den Versender weiterleiten muss. Die vom TDL gemessenen Daten müssen also zwischen verschiedenen Personen und Rollen ausgetauscht werden.

Diese Fragen diskutierte das deepblue-Team gemeinsam mit BCDS, um die Marschrichtung für das Interaction Design festzulegen. Außerdem definierten die Workshop-Teilnehmer gemeinsam eine Vision, die den Kern des Produkts kurz und verständlich wiedergibt. »Das ist wie bei Kickstarter: Das Produktversprechen muss in eine Überschrift passen«, erklärt Burkhard Müller. Die Vision gemeinsam mit dem Kunden zu formulieren sei wichtig, damit alle das gleiche Verständnis haben, sich demselben Ziel verpflichten und sich involviert fühlen.

Das Ergebnis: Der Transport Data Logger ist ein loyaler Begleiter, der Güter vom Versand bis zur Auslieferung kontrolliert, alle Einflüsse misst, Verstöße registriert und sämtliche Informationen transparent aufzeigt. »Markenpositionierungen sind die Kernkompetenz von Werbeagenturen«, so Burkhard Müller. »Was für uns Brot und Butter ist, ist für Kunden jenseits des Marketings etwas komplett Neues.« BCDS war überzeugt von den ersten Ergebnissen des Workshops, fasste Vertrauen in die Kompetenz von deepblue und gab dem Team das Go für die Entwicklung.

Schritt für Schritt zum 
finalen Konzept

 

Basierend auf den Erkenntnissen der Rollenmodelle und möglichen Nutzungsszenarien begann Daniel Kränz damit, an einer Informationsarchitektur zu arbeiten, die er in einem Flowchart festhielt. Gemeinsam mit seinem Team entwickelte 
er diesen Entwurf immer weiter. Ziel war es, eine möglichst simple App mit so wenigen Interaktionen wie möglich zu entwerfen, die jedes denkbare Szenario abdeckt. Das bedeutete viel Ausprobieren. »Man muss sich Zeit nehmen, um wirklich intensiv über Use Cases nachzudenken«, erklärt Kränz.

»Wir machen Probleme ausfindig und legen den Finger in die Wunde« Burkhard Müller, Executive Creative Director bei deepblue networks

In diesem Stadium visualisierte Daniel Kränz seine Konzepte in einfachen Wireframes, das komplette Flowchart hing stets gut sichtbar an einer Wand im Projektraum. Bei der initialen Konzeption arbeitete deepblue bewusst unabhängig, um sich nicht durch die Sicht des Kunden beeinflussen zu lassen und um eigene Lösungen zu finden. So stieß das Team zum Beispiel auf das Problem, dass die einzelnen User unterschiedliche Zugangsrechte brauchen – andernfalls wäre es theoretisch möglich, dass der Logistiker Grenzwerte im nachhinein verändert, um Feh-
ler beim Transport zu kaschieren. Aus diesem Grunde integrierte deepblue eine PIN-Sperre in das Konzept. »Wir machen Probleme ausfindig und legen den Finger in die Wunde. Wichtig ist aber, dass man den Kunden nicht nur mit den Fehlern konfrontiert, sondern auch gleich einen Lösungsvorschlag parat hat«, erklärt Burkhard Müller.

Als das Konzept konkreter wurde, entwickelte das Team erste Klickdummys und testete diese intern mit Kollegen. Dafür setzte es zum einen die Webanwendung Flinto ein, mit der sich mehrere Wireframes verbinden und Interaktionen durchspielen lassen. »Die Prototyping-Phase ist der Lackmustest für ein Interaction-Design-Team«, sagt Florian Liebold. »Hierfür braucht es ganz neue Kompetenzen im Ökosystem Agentur, die es noch vor wenigen Jahren so nicht gab.«

Konzept, Design und Technik greifen ineinander

 

Neben der Arbeit an der Informationsarchitektur begann das Team mit den ersten Überlegungen zum Visual Design. Hier war vor allem Senior-Artdirektorin Lizbeth Sanchez verantwortlich, und Praktikant Lucas Köhler experimentierte viel mit den Datenvisualisierungen. Die Zusammenarbeit von Konzeption, Design und technischer Umsetzung verlief dabei fließend, die Disziplinen befruchteten einander.

Um das Look-and-feel und den Duktus der App zu definieren, arbeiteten die Designer mit Style Tiles, einer Art Designtemplates für das Visual Design, mit denen man Ideen schnell und konkret sichtbar machen kann. Schritt für Schritt näherten sie sich mit gestalteten Prototypen dem finalen Screendesign. Beim Erscheinungsbild bestand Bosch auf der Übernahme der eigenen Corporate Identity – allerdings relaunchte der Konzern diese während des Projektzeitraums. Daher ist die erste Version der TDL-App noch in den alten Unternehmensfarben Blau, Grau und Rot gehalten, für das finale Release passten die deepblue-Designer sie an die neue, buntere Farbwelt an.

Variationen: Die Designer bei deepblue tasteten sich in mehreren Variationen an das finale Design heran. Variationen: Die Designer bei deepblue tasteten sich in mehreren Variationen an das finale Design heran. Variationen: Die Designer bei deepblue tasteten sich in mehreren Variationen an das finale Design heran. Variationen: Die Designer bei deepblue tasteten sich in mehreren Variationen an das finale Design heran. Das (vorerst) finale Design der TDL App: Zuerst sucht die App nach einem Datenlogger in der Nähe. Sobald dieser gefunden ist und eine BLE-Verbindung besteht, kann der Nutzer entscheiden, was er tun möchte: TDL konfigurieren, Daten ansehen, Set-up oder PIN ändern et cetera. Das (vorerst) finale Design der TDL App: Zuerst sucht die App nach einem Datenlogger in der Nähe. Sobald dieser gefunden ist und eine BLE-Verbindung besteht, kann der Nutzer entscheiden, was er tun möchte: TDL konfigurieren, Daten ansehen, Set-up oder PIN ändern et cetera. Das (vorerst) finale Design der TDL App: Zuerst sucht die App nach einem Datenlogger in der Nähe. Sobald dieser gefunden ist und eine BLE-Verbindung besteht, kann der Nutzer entscheiden, was er tun möchte: TDL konfigurieren, Daten ansehen, Set-up oder PIN ändern et cetera. Das (vorerst) finale Design der TDL App: Zuerst sucht die App nach einem Datenlogger in der Nähe. Sobald dieser gefunden ist und eine BLE-Verbindung besteht, kann der Nutzer entscheiden, was er tun möchte: TDL konfigurieren, Daten ansehen, Set-up oder PIN ändern et cetera. Überblick: Im nächsten Schritt wird dem User übersichtlich angezeigt, ob und in welchem Bereich es Probleme beim Transport gab. Die Daten kann er sich dann genauer anzeigen lassen. Leicht verständliche Infografiken helfen bei der schnellen Orientierung. Je nach Dauer des Transports können die Daten im Monats-, Tages- und Stundenverlauf abgerufen werden. Überblick: Im nächsten Schritt wird dem User übersichtlich angezeigt, ob und in welchem Bereich es Probleme beim Transport gab. Die Daten kann er sich dann genauer anzeigen lassen. Leicht verständliche Infografiken helfen bei der schnellen Orientierung. Je nach Dauer des Transports können die Daten im Monats-, Tages- und Stundenverlauf abgerufen werden. Überblick: Im nächsten Schritt wird dem User übersichtlich angezeigt, ob und in welchem Bereich es Probleme beim Transport gab. Die Daten kann er sich dann genauer anzeigen lassen. Leicht verständliche Infografiken helfen bei der schnellen Orientierung. Je nach Dauer des Transports können die Daten im Monats-, Tages- und Stundenverlauf abgerufen werden. Überblick: Im nächsten Schritt wird dem User übersichtlich angezeigt, ob und in welchem Bereich es Probleme beim Transport gab. Die Daten kann er sich dann genauer anzeigen lassen. Leicht verständliche Infografiken helfen bei der schnellen Orientierung. Je nach Dauer des Transports können die Daten im Monats-, Tages- und Stundenverlauf abgerufen werden.

Die Entwickler waren von Anfang an mit im Boot. Denn um das strenge Timing zu halten – eine funktionale Vorabversion sollte auf der Hannover Messe im April vorgestellt werden –, mussten sie die technischen Schnittstellen parallel zur Konzeptphase programmieren. Die Kreation bei deepblue arbeitet grundsätzlich eng mit den Entwicklern zusammen, um die Realisierbarkeit ihrer Ideen garantieren zu können. »Wenn man sich als Interaction Designer in der Konzeptphase verrennt, kann das viel Zeit und Geld kosten«, warnt Daniel Kränz. Für spezielle Kompetenzen wie iOS- und Android-Entwicklung arbeitet deepblue mit externen Spezialisten zusammen.

Zusätzlich zum internen Austausch wurde auch der Kunde regelmäßig für Feedback hinzugezogen. Am Anfang, als noch viele technische Details geklärt werden mussten, tauschte sich das Team mehrmals die Woche mit den Ansprechpartnern bei BCDS aus, darunter das Projektmanagement sowie der verantwortliche Entwickler der Firmware, die auf dem TDL installiert ist und mit der die App kommunizieren muss. Später gab es einmal pro Woche ein Update- und Feedback-Meeting – entweder vor Ort in Reutlingen oder virtuell via Google Hangout. Den aktuellen Stand präsentierte deepblue stets anhand von Prototypen in Flinto, im späteren Verlauf via HockeyApp, einem Tool zum Installieren von iOS- und Android-Apps vor deren Release in den App-Stores. »Bloß keine PowerPoint-Präsentationen!«, findet Burkhard Müller. »Am meisten lernt man, wenn man seinem Gegenüber unkommentiert einen Prototyp in die Hand drückt und guckt, wie er damit zurecht kommt.«

Erster Meilenstein: 
Hannover Messe

 

Im April 2016 war Showdown: Auf der Hannover Messe präsentierten BCDS und deepblue erstmals den Transport Data Logger. Dabei handelte es sich um ein Minimum Viable Product (MVP), also einen funktionsfähigen Prototyp, der noch weiterentwickelt wird. Dieses Vorgehen orientiert sich an der Denke von Start-ups: So schnell wie möglich eine Betaversion fertigstellen und diese von den künftigen Nutzern testen lassen. Danach kann das Produkt zielgerichtet optimiert werden. Das führt zu besseren Ergebnissen, als wenn Designer und Entwickler im stillen Kämmerlein für sich arbeiten.

»Am meisten lernt man, wenn man seinem Gegenüber unkommentiert einen Prototyp in die Hand drückt und guckt, wie er damit zurecht kommt« Burkhard Müller, Executive Creative Director bei deepblue networks

Für Aufmerksamkeit sorgte BCDS mit einem Versuchsaufbau, in dem ein Mini-Truck mit Sensorbox von A nach B fährt und dabei verschiedenen Einflüssen ausgesetzt wird. Das machte das Userszenario für die Messebesucher anschaulich und leicht verständlich. Das Interface der TDL-
App war auf einem großen Display zu sehen, damit mehrere Menschen gleichzeitig teilhaben konnten. Das Produkt weckte reges Interesse bei den Besuchern der Messe. »Das schwarze Loch in der Transportkette ist ein reales Problem für viele Industrieunternehmen«, so Daniel Kränz.

Nach dem erfolgreichen Auftakt integrierte deepblue weitere Features und passte den Look der TDL-App der neuen Bosch-CI an. Mit dem Projekt wagte sich deepblue in die Welt der Industrie 4.0, stieg in neue Themenfelder ein und bewies, dass gutes Interaction Design keine Frage der Branchenexpertise ist, sondern vor allem auf Empathie für den Nutzer sowie auf einer prozessualen Herangehensweise beruht. »Wir haben festgestellt, wie spannend B2B-Projekte sein können«, sagt Burkhard Müller. »Die Herausforderung bestand darin, die komplexen Prozesse so zu verpacken, dass sich die App genauso leicht bedienen lässt wie alle unsere Lieblingsapps auf dem Smartphone.« Da ist bei anderen Industriebranchen bestimmt auch noch viel zu tun!


Interaction Design: Die Problemlösung im Fokus

 

Beim Interaction Design geht es nicht um schicke Oberflächen – es geht darum, dass ein Produkt oder Service gut funktioniert, dass es leicht zugänglich ist und sich intuitiv bedienen lässt. »Interaction-Designer spüren Probleme bei der Nutzung auf und lösen diese so elegant wie möglich«, erklärt Burkhard Müller, Executive Creative Director bei deepblue networks. Dafür brauchen sie einen ganzheitlichen Blick und ein interdisziplinäres Berufsverständnis.

Interaktionsdesigner bewegen sich im Spannungsfeld von Konzept, Design und Entwicklung. Sie müssen all diese Perspektiven verstehen und in der Lage sein, diese harmonisch miteinander zu verbinden. Von der breit angelegten Informationssuche über die Verdichtung in ersten Hypothesen und Ideen bis zum Entwurf – in wiederkehrenden Schleifen nähert sich das Interaction-Design-Team bei deepblue networks Schritt für Schritt den richtigen Lösungen für die Probleme ihrer Auftraggeber und deren Kunden.

Auf dieses Verständnis achtet deepblue auch bei Bewerbern: Interessiert sich derjenige wirklich für Problemlösungen oder eher für schöne Designs? »Nur weil jemand gut mit Photoshop umgehen kann und ein tolles Behance-Portfolio hat, ist er noch lange kein guter Interaction Designer«, weiß Interaction Designer Daniel Kränz. »Viele Studierende fangen mit der Kür statt dem Problem an. So entstehen Konzepte, die gut aussehen und für die man gute Case-Filme drehen kann – aber nativ sind sie kaum zu bedienen, und in den Kundenbewertungen im App-Store werden sie abgestraft«, warnt Burkhard Müller. Die Kunst sei es, die konzeptionelle und die visuelle Ausrichtung nutzbringend zu kombinieren und bei der Gestaltung von Apps und Services immer den Nutzer und dessen Bedürfnisse mit Blick zu haben.


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Das machen Service Designer bei SinnerSchrader

Wir interviewten Amy Chan und Silke Junker-Mirshahi, die im Service Design bei der Digitalagentur SinnerSchrader in Hamburg arbeiten …

Service Design, Service Designer, Sinner Schrader

Silke Junker-Mirshahi & Amy Chan

Amy Chan und Silke Junker-Mirshahi, beide 36, arbeiten im Service Design der Digitalagentur SinnerSchrader in Hamburg, jedoch mit unterschiedlichen Profilen und Aufgaben. Wir fragten sie, was es braucht, um ein guter Service Designer zu sein, und was der Job mit sich bringt.

PAGE: Welche Ausbildung habt ihr gemacht?
Amy Chan: Ich habe an der University of Technology in Sydney Visuelle Kommunikation studiert und als Designerin gearbei­tet. Dann bin ich ins Marketing bei Sony gewechselt und habe danach in verschie­de­nen Agenturen gearbeitet. Meistens ging es bei meiner Arbeit um die Planung und Strategie von klassischer und digitaler Wer­bung. Bei der Londoner Digitalagentur Me­dia­Com saß ich in der Innovationsabteilung. Dort habe ich das sich verändern­de Konsumentenverhalten im Umgang mit neuen Technologien erkundet und analysiert, welche Möglichkeiten sich hier für neue Services und Kommunikationsfor­men ergeben.

»Ich wollte digitale Services und Plattformen gestalten, die Menschen echten Mehrwert bringen« Amy

Wie kamst du dann zum Service Design – und nach Hamburg?
Chan: Ich war die Konzeption von Kom­mu­nikationsstrategien leid. Stattdessen woll­te ich digitale Services und Plattfor­men ge­stalten, die Menschen echten Mehrwert brin­gen. Werbung bewegt sich auf einem sehr emotionalen Level, während Service Design wirklichen Nutzwert bietet und eine andere Verbindung mit dem Kunden schafft. Nach Hamburg hat mich die Liebe geführt. Ein Freund in London machte mich auf SinnerSchrader und ihre NEXT Conference aufmerksam, und mir wurde schnell klar, dass die Agentur perfekt zu mir und der Richtung, die ich einschlagen wollte, passt. Die Agentur suchte zu diesem Zeitpunkt gerade ei­nen Strategen, und nach ei­nem ersten Vor­stellungsgespräch via Skype konnte ich direkt anfangen, als ich nach Hamburg kam.

Silke, du hast ursprünglich Archi­tek­tur studiert. Wie bist du im Service Design gelandet?
Silke Junker-Mirshahi: Ich habe schnell nach mei­nem Studium gemerkt, dass mir die Arbeit als Architektin nicht reicht. Mir haben die Schnelligkeit und der eigene Ge­staltungsfokus gefehlt, die es im Studium noch viel stärker gab. Daraufhin habe ich zunächst die Öffentlichkeitsarbeit des Architekturbüros übernommen, bei dem ich arbeitete, und nebenher Kommunikations­designkurse an der Hochschule Darmstadt be­legt. Ich wechselte dann zu einer Agentur für integrierte Kommunikation, wo ich im Design, im Konzept und im Projektma­nagement tätig war. SinnerSchrader lernte ich durch die Zusammenarbeit der beiden Agenturen kennen und war gleich begeis­tert. Schließlich brach ich meine Zelte in Hessen vollständig ab, kam nach Hamburg und fing in der Konzeption bei SinnerSchrader an.

»Werbung bewegt sich auf einem sehr emotionalen Level, während Service Design  wirklichen Nutzwert bietet« Amy

Warum gerade in der Konzeption?
Junker-Mirshahi: Architekten konzipieren Häuser in ihrer ganzen Komplexität. Sie müssen nicht nur daran denken, welche Raumerlebnisse ein Gebäude seinen Nutzern bieten soll, sondern auch daran, welche funktionalen, rechtlichen und techni­schen Anforderungen eingehalten werden müssen, beispielsweise bei Fluchtwegen oder der Anzahl von Sanitäranlagen. Von daher war ich schon gut ausgebildet darin, ganzheitlich zu planen. Auch Konzepter im digitalen Umfeld müssen sehr strategisch mit Komplexität und Abstraktion um­gehen können, vor allem im Bereich User Experience.

Empfindet ihr euch selbst als Service Designer?
Chan: Service Design ist Teil meines Jobs, aber ich bin eher Stratege. Die Disziplin an sich hat sich erst in den vergangenen fünf Jahren richtig herausgebildet, und es gibt bisher kaum ausgewiesene Aus­bil­dungs­we­ge. Aus diesem Grunde kommen im Ser­vice Design Leute mit den unterschied­lichs­ten Hin­tergründen zusammen – darunter Designer, UX Designer, Strategen, Texter oder auch Psychologen.

Das ist das Tolle an Service Design: Es ist nicht auf eine Sichtweise festgelegt. Natür­lich muss man sich auch hier an einen methodischen Prozess halten, aber prin­zi­piell kann jeder mit einem offenen, krea­tiven Mindset daran mitwirken. Gegenwär­tig bil­den sich neue Ausbil­dungs­an­ge­bote heraus – zum Beispiel an der Royal Academy of Arts in London oder am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Ich denke, das wird in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen.

»Man muss ein Teamplayer sein, der Diversität als Bereicherung begreift und grund­sätzlich positiv denkt« Silke

Junker-Mirshahi: Ich sehe mich ganz klar als Service Designerin. Letztlich ist jedes di­gitale Interface eine Art Service-Front­end. Das Spannende im Service Design ist, dass man größer denkt und designt. Die Grund­prinzipien und Methoden sind die gleichen wie im Bereich User Experience.

Welche Kompetenzen muss ein Service Designer mitbringen?
Chan: Empathie ist ein ganz wichtiger Fak­tor. Als Stratege sollte man natürlich auch das Businessmodell und das Marktumfeld des Auftraggebers verstehen, damit man Serviceökosysteme entwickeln kann, die zum Geschäft passen. Recherche ist ein äußerst wichtiger Teil unserer Arbeit. Wir sam­meln Informationen aus allen mögli­chen Quellen, wie Studien, Marktforschun­gen und Unternehmenshistorien, und filtern daraus die Schlüsselinformationen für das jeweilige Projekt heraus.

Menschen, die Recherche vernachlässi­gen, finde ich ignorant. Niemand kann genau wissen, was Kunden wollen. Das fängt schon beim Altersunterschied an. Auch ich kenne mich nicht mehr in der Lebenswelt einer 20-Jährigen aus. Das Konsumentenverhalten hat sich in den letzten Jahren dermaßen rasant verändert, dass man potenzielle Nutzer immer wieder aufs Neue befragen und untersuchen muss. Wenn man auf diesen sehr wichtigen Co-Creation-Prozess verzichtet, basiert die ge­samte strategische Arbeit nur auf den eigenen Annahmen und Werten.

»Wir kreieren keine Kampagnen, die am nächsten Tag wieder vergessen sind, sondern nützliche und durchdachte Services« Amy

Junker-Mirshahi: Man braucht zudem ein großes Maß an Experimentierfreude sowie schöpferisches Denken und Kreativität, um die versteckten Bedürfnisse zu identifizieren und immer wieder in komplett neue Richtungen zu denken. Zugleich muss man als UX-Konzepter strukturiert denken, alle Aspekte in Betracht ziehen und auf die wichtigsten Funktionen herunterbrechen – also abstrahieren und ver­einfachen. Da man als Service Designer sowohl mit dem Endkunden als auch mit dem Auftraggeber direkt zu tun hat, ist es wichtig, dass man seine Gedanken und Ideen verständlich präsentieren kann. Und man muss ein Teamplayer sein, der Diversität als Bereicherung sieht und grundsätzlich positiv denkt.

Welche Tools sind wichtig?
Chan: Als Stratege muss man die Recherche am Bildschirm beherrschen. Wir lesen eine Menge Studien und Businessanalysen und erstellen sogar eigene Untersuchungen, etwa zur digitalen Affinität der »NEXT Generation«.

Junker-Mirshahi: In Sachen Konzeption sind sämtliche Visualisierungstechniken und -ma­terialien ein Muss. Außerdem soll­te man mit Axure oder einem anderen gän­gigen Prototyping-Tool wie Proto.io, Avocado oder Flinto umgehen können, um ein sogenanntes Minimum Viable Product erstellen zu können. Diese Dummys haben gerade genug Features, um mit Usern zu testen, ob das Produkt am Markt Bestand haben könnte. Diese Erkenntnisse verhindern Kosten und Risiken.

Wie arbeitet ihr zusammen? Wo überschneiden sich eure Bereiche?
Chan: Die anfängliche Recherche liegt vor allem bei mir. Wenn die abgeschlossen ist, initiiere ich den Kick-off des Projekts. Ab diesem Zeitpunkt arbeiten wir zusammen, erstellen Personas und Customer Journeys und veranstalten Workshops. Dabei nehmen wir unsere unterschiedlichen Perspek­tiven ein: Mir geht es hauptsächlich um Businessaspekte, und Silke hat die Nut­zer­sicht im Blick.

Junker-Mirshahi: Sobald es um die kon­kre­te Service­idee geht, die entworfen und gescribbelt werden soll, sind die Konzepter gefragt. Der Stratege checkt das Ergebnis mit Blick auf die Frage, ob es zum Markt, zum Auftraggeber und in seinen Un­ter­neh­menskontext passt. Bildlich gesprochen rich­te ich das Mikroskop auf den Nutzer, während Amy einige Meter höher fliegt und sich ein Bild von der umgebenden Situation im Umfeld des Auftraggebers verschafft.

Wie kommen bei euch Aufträge für Service Design rein?
Chan: Von einigen Kunden haben wir lang­fris­tige Beratungsaufträge. Wir informieren sie, wenn uns Trends auffallen oder sich Umwälzungen am Markt ankündigen. Wir beobachten für sie, wie sich das Kon­sumen­tenverhalten verändert und wie die Vielzahl an unterschiedlichen Geräten oder Mak­rotrends wie die Share Economy, autonomes Fahren oder Artificial Data Intelligence ihren Markt beeinflussen. Aus die­ser Betrachtung heraus können sich dann Projekte und Aufträge ergeben.

»Sind wir bei der Umsetzung dann noch in die Change-Prozesse im Unternehmen ein­gebun­den, wird es richtig spannend« Silke

Junker-Mirshahi: Die meisten Kunden tre­ten mit konkreten Projektanfragen an uns heran, die wir individuell, aber immer nach unserem Service-Design-Modell bearbeiten: Recherche, Ideenentwicklung, Prototyping und Evaluation (siehe »Der Service-Design-Prozess«).

Was fasziniert euch an eurem Job?
Chan: Ich finde es immer wieder großartig, unsere Rechercheergebnisse zu nutzen, um einen realen Mehrwert für die Nutzer zu ge­nerieren. Wir kreieren keine Kam­pa­gn­en, die am nächsten Tag wieder vergessen sind, sondern nützliche und durch­dach­te Services, die idealerweise auch noch Spaß machen.

Junker-Mirshahi: Mich fasziniert vor al­lem, was aus der direkten Interaktion mit Nutzern, Experten und Kunden entsteht. Das interdisziplinäre Potenzial dieser Co-Creation ist unglaublich!

Was waren bisher eure spannendsten Projekte?
Junker-Mirshahi: Das sind eher Projek­te, über die wir nicht sprechen dürfen. Da geht es beispielsweise um interne Softwa­re­sys­teme, die teilweise vollkommen krude Interfaces und verrückte Shortcuts aufweisen. In die­se Welt muss man tief eintauchen, um wirk­lich zu verstehen, was die Nutzer wollen und brauchen. Das ist wie Gehirnjogging! Wenn wir bei der Umsetzung dann noch in die Change-Prozesse im Unterneh­men ein­gebunden sind, wird es besonders spannend.

Welches Projekt würdet ihr als Ser­vice Designer gerne mal umsetzen?
Junker-Mirshahi: Ich finde es spannend, in großen Konzernen etablierte Silos zu überwinden und dort gemeinsam nachhal­tige Services zu schaffen, um das alltägli­che Arbeiten zu verbessern.

Chan: Ich würde gerne mal an einer konkreten Anwendung für wohltätige Zwecke arbeiten und habe da auch schon eine Idee für einen Service im Kopf.

 


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UX Design in der Praxis

Ein E-Commerce-Angebot schaffen, das den lokalen Handel stärkt und dem User gleichzeitig alle Bequemlichkeiten des Online-Shoppings bietet – diese Aufgabe stellte sich Scholz & Volkmer selbst.

UX Design, UX Designer, Scholz & Volkmer

Analoge Anmutung: Projektmanagerin Edina Sejmen mit Fotos der teilnehmenden Läden

Wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit war im November 2013 das Sekretariat von Scholz & Volkmer in Wiesbaden vollge­stellt mit Paketen von Amazon, Zalando, Toys”R”Us und Co, die die Mitarbeiter online bestellt hatten. Einige der Gaben landeten unter dem Christbaum, viele davon wur­den zurückgeschickt. Das weckte die Auf­merk­samkeit von Geschäftsführer Michael Volk­mer und User-Experience-Desi­g­ne­rin Nan­na Beyer. Sie fand heraus, dass in Deutschland täglich rund 800 000 On­line­be­stel­lungen retourniert werden. »Dass dabei enorm viel CO2 freigesetzt wird und dass das der Umwelt nicht guttut, liegt auf der Hand«, sagt sie.

»Problematische Punkte zu erkennen und zugunsten einer stolperfreien User Journey zu optimieren, ist eine klassische UX-Aufgabe« Nanna Beyer, User-Experience-Designerin bei Scholz & Volkmer in Wiesbaden

Aber das war nicht der einzige Grund, das Thema E-Commerce aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: »In Wiesba­den haben wir eigentlich alles vor der Tür. Wir müssten nur ein paar Hundert Meter laufen und könnten vieles, was wir online bestellen, bei einem Händler vor Ort kaufen«, so die UX-Designerin. »Wenn wir wollen, dass diese Vielfalt erhalten bleibt und unsere Innenstadt nicht ausstirbt, müssen wir an unserem Konsumverhalten etwas ändern.«

Da Beyer mit Scholz & Volkmer einen Arbeitgeber hat, der sich intensiv um das Thema Nachhaltigkeit kümmert, blieb es nicht bloß bei einem Gedan­ken. Nach und nach verfestigte sich die Idee, einen Onlineshop zu entwickeln, der genauso bequem ist wie E-Commerce-Angebote, dabei aber den lokalen Handel stärkt.

Angesiedelt wurde das Projekt in dem von Nanna Beyer geleiteten Shared-Value-Team. Die zehnköpfige Unit ist dafür zuständig, Ideen zu bündeln, mit denen man die Welt ein bisschen besser machen kann – und zwar mithilfe der Kernkompetenz der Agentur: der Entwicklung digitaler Services. Hier sind auch Plattformen wie Zeit statt Zeug, Bilder der Zukunft und die Initiative Radwende Wiesbaden entstanden. Ab und zu arbeitet das Shared-Value-Team im Auf­trag von Kunden, meist geht es jedoch um eigene Projekte. So startete im Frühjahr 2014 das Projekt Kiezkaufhaus. Auf den Namen kamen die Macher im informellen Austausch mit den Kollegen von Scholz  & Volkmer in Berlin.

Kick-off: Intensive Recherche am Ort des Geschehens

Die Verantwortung für das Projekt lag zu Beginn bei einem Dreierteam aus Nanna Beyer und den Design­studenten Gloria Ki­son und Tobias Heinemann, die sich des Themas für ihre Bachelorarbeit im Stu­dien­fach Kommunikationsdesign an der Hochschule RheinMain annahmen. Später kamen dann noch drei Pro­grammierer, ein Fotograf und eine Redakteurin für die Con­tentpflege dazu. Um die Kreativdirektion kümmerte sich Michael Volkmer höchstpersönlich.

Kison und Heinemann entwickelten im Rahmen ihrer Bachelorarbeit zunächst das Gerüst für einen Webshop, der recht klassisch daherkam: mit Produktkacheln und Videos, die die möglichen Händler vorstellten. Mit Nanna Beyer schrieben sie auch einen Businessplan, denn ursprünglich wollten sie einen externen Geldgeber für das Kiezkaufhaus finden. Doch als die drei ihre Konzepte Michael Volkmer und Peter Post, den Geschäftsführern der Agen­tur, immer wieder präsentierten, kam im Sommer die Ansage: »Wir machen das selbst. Wir nehmen das nötige Geld in die Hand und programmieren einen Prototyp. Wir wollen wissen, ob das funktioniert.« Schon hier war klar, dass sich das Kiezkaufhaus vom Standard-E-Shop unter­schei­den sollte.

UX Design, UX Designer, Scholz & Volkmer

Geteilter Wert: Mithilfe ihres Shared-Value-Teams setzt sich Scholz & Volkmer für Nachhaltigkeit, Umwelt und ein soziales Miteinander ein. Das Kiezkaufhaus ist Teil dieser Haltung

 

Das nächste Ziel war also ein funktions­fähiger Prototyp und damit enormes Wissen in Sachen User Experience gefragt. Dafür startete das UX-Team in die User Research: Es sammelte die eigenen Kassenbons und Einkaufszettel, um zu sehen, welche Händ­­ler für das Projekt überhaupt interessant sein könnten. Um sich ein Bild von den möglichen Usern zu machen, erstellte es Personas: viel arbeitende Wiesba­dener, Lohas, junge Mütter, ältere Menschen. Für sie entwickelten die UX-Designer Use Cases, zum Beispiel die Suche nach einem Geschenk, mit deren Hilfe wie­derum das Sortiment des Kiezkaufhauses zusammengestellt wurde.

Ein wichtiger Teil des UX-Prozesses war zudem die Recherche in den Geschäften. Dort hörten sich Beyer und ihre Kollegen an, welche Fragen bei der Kundschaft auftauchten. Sie beobachteten und führten kleine Workshops durch, in denen sie sich gemeinsam mit den Händlern deren Produktpaletten vorknöpften und sie anhand der Personas und Use Cases überprüften.

Überraschende Anforderungen: Fax und analoge Öffnungszeiten

UX Design, UX Designer, Scholz & Volkmer

Gesicht zum Kunden: Wer im Kiezkaufhaus bestellt, bekommt seinen Einkauf in einer umweltfreundlichen Pfandtasche und CO2-frei per Fahrradkurier geliefert. Seine Erfahrungen fließen in die Optimierung der Liefer­kette ein.

Je konkreter der Onlineshop wurde, desto stärker ging es darum, eine Bestell- und Lie­fersystematik zu entwickeln, bei der kei­ne Informationen auf der Strecke bleiben. Dazu arbeitete das Team mit einer Methode aus dem Methodcards-Set zum Design Thinking von IDEO. Beim sogenannten »Informancen« (eine Kombination von »In­formative« und »Performance«) verteilten sich die Teilnehmer, stellvertretend für die einzelnen Stationen, in unterschiedli­chen Räu­men und spielten die Weitergabe der Informationen anhand von Zetteln durch, um die zeitversetzte Kommunikation zu simulieren: Der Kunde bestellt. Die Bestel­lung geht an ein digitales System bei Scholz & Volkmer. Dieses verschickt eine Bestellliste an die einzelnen Händler, die wiederum ihre Waren an den Kiezkaufhaus-Fahrer weitergeben und so weiter. »Schwierigkeiten tauchten dort auf, wo man sie zuerst gar nicht vermutet«, erinnert sich Nanna Beyer. Zum Beispiel bei der Übermittlung an die Händler: »Viele der kleinen Geschäfte arbeiten im Alltagsgeschäft gar nicht mit E-Mails. Bei den meis­ten ist Fax das Medium der Wahl«, wie die UX-Designerin bei der Recherche in Geschäften herausfand.

Auch die üblichen Gepflogenheiten im E-Commerce brachten die UX-Designer ins Grübeln – etwa die Öffnungszeiten. »Einen Onlineshop schließt man normalerweise nicht um eine bestimmte Uhrzeit oder gar für ganze Tage«, so Beyer. »Beim Kiezkaufhaus aber müssen wir das tun und sogar sehr individuell, da jeder Händler an unterschiedlichen Tagen geschlossen hat.« Die Herausforderung bestand darin, den digitalen Service so aufzubauen, dass der Kunde den Sachverhalt versteht und trotzdem wiederkommt.

User Tests zwischen Webservice und analoger Welt

Lösen konnten Beyer, Kison und Heinemann das Problem über einen konsequen­ten Stil in Naviga­tion und Gestaltung: Wer die Seite  www.kiezkaufhaus.de  besucht, der sieht sofort, dass er hier nicht auf Ama­zon oder einem anderen herkömmlichen Shopping-Portal gelandet ist. Die Navigation ist ausschließlich über die einzelnen Händler möglich. Sortiert in die Kategorien »Food« und »Non Food«, kann man sie über Kacheln auswählen und sich auf der entsprechenden Unterseite durch ihre Regale klicken. Einzelne Produktseiten mit Details gibt es nicht. Visuell erinnert die Präsentation an die analoge Auslage im Laden. Hängt vor dem digitalen Ladenregal ein »Wir machen Ferien«-Schild, kann man die Ware zwar anschauen, aber nicht in den Einkaufskorb legen.

Schon während der Recherche vor Ort zeichnete sich ab, dass ein Großteil der Kunden das Sortiment ihres Händlers ken­nen und ihm nicht wegen einzelner Produkte oder Preise die Treue halten, sondern wegen des Ge­samtpakets. Es reichte also, im Shop nur einen Teil der Ware abzubilden, was aufgrund der fehlenden Wa­renwirtschaftssys­teme der kleinen Läden ohnehin nicht anders machbar wäre.

Nicht gezeigte Produk­te können die Nutzer über das Feld Produktwunsch bestellen. Die fehlende De­tailansicht ebenso wie die noch nicht vorhandene Suchfunktion sind allerdings auch dem kleinen Budget des Projekts geschuldet, wie Beyer einräumt. User-Tests mit Kollegen und Familien über einen Klickdummy in PowerPoint zeigten jedoch, dass die schlanke Navigation gut funktioniert. Um die Prozesse weiter zu optimieren, arbeitete das Team mit Wireframes in Axure. Der Klickdummy, der so entstand, kam später in der Projektübergabe an die Programmierer zum Einsatz. Nach wie vor handelt es sich beim Kiezkaufhaus um einen Prototyp beziehungsweise ein Minimum Viable Product, das weiterentwickelt wird.

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Der Look: So analog und real wie möglich

Der visuelle Stil des Kiezkaufhauses spiel­te während der Entwicklung immer in die Überlegungen der UX-Designer mit hinein. Die Informationsarchitektur und die haptisch anmutende Darstellung der Ware gehen Hand in Hand. Wie für viele Projekte in ihrer Disziplin üblich, waren die UX-Spezialisten gleichzeitig für das Interface Design zuständig.

»Bei uns stellt der Händler selbst das Sortiment zusammen, das von ihm im Kiezkaufhaus angeboten wird« Nanna Beyer, User-Experience-Designerin bei Scholz & Volkmer

Michael Volkmer habe schon zu Beginn des Kiezkaufhaus-Projekts darauf gepocht, dass der Shop »irgendwie anders aussehen und der User das Gefühl bekommen solle, er stünde wirklich beim Bäcker, im Bio­laden oder in der Bergkäsestation«. Da­mit meinte er nicht etwa einen 3-D-animier­ten Onlineshop, sondern ein Look-and-feel, das statt einzelner Produkte das gesamte Sortiment eines Händlers in den Fo­kus stellt. Der User soll sich auf der Web­site bewegen, als gehe er wie beim Einkaufsbummel in der Stadt in einen Laden nach dem anderen. Daraus ergab sich die Idee der Regalansicht.

Nanna Beyer erklärt: »Viele unserer lokalen Händ­ler haben kein digitales Warenwirtschaftssystem, und es wäre schier unmöglich, alle ihre Produkte online abzubilden. Trotzdem müssen wir dem User natürlich den gleichen Service bieten wie der Händler vor Ort – zum Beispiel eine Antwort auf die Frage nach einem Produkt, das gerade nicht in der Auslage liegt.« Für den Fall, dass ein abgebildetes Produkt ausverkauft sein sollte, stellen die UX Designer dem User im Bestellvorgang die Frage, ob er eine Alternative wünsche oder lieber ganz verzichte. Ähnlich werden die Preisschwankungen bei abzuwiegen­den Waren wie Käse oder Wurst gehandhabt (siehe »Die User Journey durchs Kiez­kaufhaus«).

E-Commerce light: Die Software entschlacken 

So viel steht fest: Das Kiezkaufhaus unterscheidet sich stark von anderen E-Commerce-Angeboten. Auch in der Kom­mu­ni­­kation mit den Entwicklern sei das eine große Herausforderung gewesen, berichtet Nanna Beyer. Das Team arbeitete iterativ mit den Technikern, erklärte ihnen die Prozesse im direkten Gespräch und setzte dafür den Axure-Klickdummy ein. Die De­veloper programmier­ten den Prototyp des Kiezkaufhauses basierend auf dem Open-Source-Shopsys­tem PrestaShop.

UX Design, UX Designer, Scholz & Volkmer

Online trifft Offline: Die E-Bikes, mit denen die Kurierfahrer die Bestellungen ausliefern, sind ein wichtiges Markenzeichen des Kiezkaufhauses – weil sie die Umwelt schonen, aber auch, weil sie das Kiezkaufhaus ins Stadtbild integrieren.

»Wir haben die Software vor allem stark eingedampft, weil wir Funktionen wie die Verknüpfung mit PayPal oder die Option ›Kauf auf Rechnung‹ gar nicht brauchten«, berichtet Senior Web Developer Fabian Kretschmer, der von Anfang an die technische Leitung innehatte. Zudem musste er im Backend eine Fax-API integrieren und das Content-Management-System so umbauen, dass das Team veränderte Öffnungs­zeiten und andere aktuelle Laden­in­fos ohne Aufwand eintragen kann. Im Frontend arbeitete Kretschmer mit HTML, CSS und nativem JavaScript sowie mit der freien JavaScript-Bibliothek jQuery und der freien Frontend-Library Bootstrap.

Bei sämtlichen kniffligen Aufgaben und Schwierigkeiten, mit denen die UX Designer bei der Erweiterung des lokalen Han­dels in einen Onlineshop zu kämpfen hatten, gab es aber auch Punkte, an denen der Vorsprung dem herkömmlichen E-Commerce gegenüber ganz deutlich zutage trat. »Die große Frage des E-Commerce lautet doch: Wie bekomme ich die Beratungs­kom­p­etenz des Fachhändlers in meinen Shop?«, erklärt Nanna Beyer. »Genau das bieten wir mit dem Kiezkaufhaus: Bei uns stellen nicht irgendwelche Produktmanager das Sortiment zusammen, sondern der Bäcker oder der Buchhändler selbst. Die UX-Lösung dafür ist vergleichsweise banal: die prominent platzierte Telefonnum­mer des Händ­lers. Sie vermittelt: ›Das ist derjenige, der gleich deine Tasche packen wird. Du kannst ihn einfach an­rufen und dann alles fragen, was du wissen willst.‹«

»Der Shop sollte irgendwie anders aussehen und dem User das Gefühl geben, als stünde er wirklich beim Bäcker, im Bioladen oder in der Berg­käse­station« Michael Volkmer, Geschäftsführer bei Scholz & Volkmer in Wiesbaden

Das Ziel: Kiezkaufhäuser in ganz Deutschland

Derzeit kommen pro Tag circa zehn Bestel­lungen im System an. Dreißig müssten es sein, damit sich das ambitionierte Modell trägt – und zwar künf­­tig als Genossenschaft. Die Macher glauben fest an den Erfolg. Rund 150 000 Euro haben sie bisher investiert und mit Inga Ellingen eine Produktmanagerin für das Kiezkaufhaus eingestellt. Sie entwickelt das Sortiment weiter und kümmert sich ums Marketing. Momentan ist sie auf der Suche nach öffentlichen Geldern oder einem Social Investor, mit dessen Hilfe aus dem Prototyp eine eigene Software entwickelt werden soll, die auch andere Städte nutzen können. Für den laufenden Betrieb ist Edina Sejmen verantwortlich, die Kunden- und Händler­anfragen sowie einen kleinen Kiezkaufhaus-Shop in der Agentur managt und die Fahrer organisiert.

Besonders am Herzen liegen den Machern die Verknüpfung mit der Offline-Welt – der Kon­takt mit den Fahrern, deren Erfahrun­gen extrem wichtig für die Op­timierung der User Experience sind, aber auch mit den Kunden, etwa auf Kiez­kauf­haus-Fes­ten im Hof von Scholz & Volkmer. Um diese Events und um Social Media kümmert sich Daniel Sieben. Nanna Beyer nimmt sich indes weiterhin aller anfallen­den UX-Fragen an und betreut zudem den Roll-out des Projekts: Demnächst soll es auch Kiezkaufhäuser in Freiburg, Mainz und Berlin geben.

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User Research: UX-Designe­rin Nanna Beyer (links) und Projektmanagerin Sandra Freudenreich sortieren Kassenbons.

 


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