Kategorie-Archiv: Service Design

Wieso man sich bei der Arbeit manchmal quälen sollte…

… haben wir bei unseren PAGE Job Talks auf der TYPO erfahren. Hier gibt’s alle drei Interviews im Video zu sehen!

Jasmin Fayad, UX-Designerin bei Aperto. Foto: © Gordon Schirmer

Was macht eigentlich eine UX-Designerin genau? Wie wird man Informationsdesigner? Und was genau ist Product Design? Diese und viele weitere Fragen stellen wir in dem neuen Gesprächsformat Job Talks im Rahmen unserer Initiative Connect Creative Competence.

Auf der TYPO Berlin 2018 sprachen wir mit drei Kreativen aus den Bereichen UX Design, Informationsdesign und Service Design. Wer nicht live dabei war, kann sich nun die Videos der Gespräche ansehen – viel Spaß!


»UX Design bezieht den Nutzer mit ein«

Jasmin Fayad, UX Designerin bei Aperto in Berlin, erklärt, wann und warum sie gern ganz analog mit Post-its arbeitet und was sie an der Arbeit für eine IBM-Agentur reizt – Stichwort: Watson. Sie erläutert, welche Rolle die Künstliche Intelligenz in ihren Projekten spielt und was an ihrem Job manchmal so richtig nervt. Das Intro für unsere Job Talks übernahm freundlicherweise Johannes Erler!


Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Connect-Kompendium »Das macht ein UX Designer bei Aperto – An IBM Company«.
Hier downloaden!


»Als Informationsdesigner muss man neugierig sein«

Jan Schwochow, Gründer und Geschäftsführer der Infographics Group in Berlin, erzählt, inwiefern man als Informationsdesigner journalistisch arbeitet, wie das Berufsfeld in den Zeiten vor Google Maps aussah – und wieso man sich manchmal quälen sollte. Außerdem gibt er einen Ausblick auf das Informationsdesign der Zukunft und welche Rollen AR und VR dabei spielen könnten.


Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Connect-Kompendium »Das macht ein Informationsdesigner bei der Infographics Group«.
Hier downloaden!


»Für uns geht es immer darum, Lösungen für Probleme zu gestalten«

Silke Junker-Mirshahi, Executive Director Facilitation und Enablement bei SinnerSchrader, Hamburg, berichtet vom Berufsfeld Product Design – und davon, wie sie als Quereinsteigerin aus dem Architekturberuf in der Agenturwelt gelandet ist. Sie erzählt von den vielseitigen Aufgaben und Tools ihres Berufsalltags und warum Abstraktionsvermögen dabei so wichtig ist.


Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Connect-Kompendium »Das macht ein Service Designer bei der Infographics Group«.
Hier downloaden!


Auch beim ADC Festival fanden unsere Job Talks statt – zu den Themen Virtual Reality Design, Interaction Design und Infomationsdesign. Hier geht’s zu den Videos.


UXDesignCCCA17
InformationsdesignCCCIGG17
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Arbeiten im Home Office – Katrin Mathis bietet Tipps und Anregungen für UX Professionals

Ich freue mich sehr das Thema „Arbeiten im Home Office“ mit einem Interview fortführen zu können. Mein Interviewpartner ist Katrin Mathis.

Katrin Mathis - UX Konzepter & Service-Designer im Home-Office

Katrin Mathis – UX Konzepter & Service-Designer

Katrin Mathis arbeitet als UX Konzepter & Service Designer in Freiburg und unterstützt in diesen Rollen Unternehmen in digitalen Transformationen. Im Interview sprechen wir über die Situation und Vorzüge einer Arbeit im Home Office, gehen auf situative Herausforderungen ein und bieten Tipps & Anregungen zum Meistern dieser Herausforderungen.

Eine wunderbare Fortführung und vor allem Ergänzung zum in das Thema einführenden  Beitrag “ Als UX Professional zu Hause arbeiten: Das macht glücklich und produktiv!“ hier auf Nutzerbrille.

Frau Mathis, wie oft arbeiten Sie zu Hause?
Katrin Mathis:Das hängt ganz davon ab, an welchen Projekten ich gerade arbeite. Als ich mich vor 5 Jahren als Service Designerin selbstständig gemacht habe, habe ich zunächst in einem Gemeinschaftsbüro gearbeitet, das ich mir mit einem ehemaligen Entwickler-Kollegen und einem Design-Büro geteilt habe. Im Laufe der Zeit habe ich immer häufiger ein oder zwei Tage pro Woche von zu Hause gearbeitet.
Schließlich habe ich die Entscheidung getroffen, das Home Office als zentralen Arbeitsplatz zu nutzen. Im Schnitt bin ich ungefähr einen Tag pro Woche unterwegs bei Kunden oder bei Veranstaltungen. Einen Tag pro Woche arbeite ich weiterhin in dem Gemeinschaftsbüro. Die restliche Zeit bin ich im Home Office. Wichtig ist mir dafür ein eigener Raum in der Wohnung, so dass ich nach Feierabend die Tür schließen und von der Arbeit abschalten kann.“

Welche Arbeiten können Sie problemlos von zu Hause erledigen?
Katrin Mathis: „Die Frage ist eher, welche Arbeiten ich nicht von zu Hause erledigen kann. Wann immer es geht, bevorzuge ich ein persönliches Kennenlernen. Gerade für einen Kickoff, Abschlusspräsentationen und wichtige Workshops mit enger Abstimmung, ist eine persönliche Zusammenarbeit effektiver. Bei neuen Kunden verbringe ich am Anfang eines Projekts gerne einige Tage vor Ort, um die Abläufe und die Ansprechpartner persönlich kennenzulernen. Und da ich stark nutzerzentriert arbeite, kann ich die Bedürfnisse der Nutzer natürlich am besten verstehen, wenn ich diese vor Ort in ihrem Umfeld beobachten und befragen kann.
In jedem Projekt gibt es aber auch viele Aufgaben, die ich problemlos von zu Hause erledigen kann. Ein Teil der Recherche und Situationsanalyse zu Beginn eines Projekts ist ortsunabhängig. Bei Workshops kann ich viel von zu Hause vorbereiten, anschließend die Ergebnisse dokumentieren und weiter ausarbeiten. Und wenn ich Konzepte, Prototypen und Auswertungen erstelle, gibt es immer wieder Phasen, in denen ich weitestgehend alleine arbeite und mich nur gelegentlich mit Kollegen oder Auftraggebern abstimme.“

Produktiv und vertraulich
Für viele Aufgaben habe ich zuhause mehr Ruhe. Für meine Kunden hat die Arbeit von zu Hause auch den Vorteil, dass bei Telefonaten niemand im Hintergrund mithört. Gerade bei vertraulichen Projekten ist das ein wichtiger Aspekt. (Katrin Mathis)

Was schätzen Sie am Arbeiten von zu Hause?
Katrin Mathis: „Für viele Aufgaben habe ich zuhause mehr Ruhe. Für meine Kunden hat die Arbeit von zu Hause auch den Vorteil, dass bei Telefonaten niemand im Hintergrund mithört. Gerade bei vertraulichen Projekten ist das ein wichtiger Aspekt. Es spart mir viel Zeit, dass ich nun nicht mehr jeden Tag pendeln muss. Pausen kann ich für kleine Aufgaben im Haushalt nutzen. Dann muss ich diese nicht mehr nach der Arbeit erledigen und gleichzeitig entspannt mich die aktive Ablenkung viel mehr als eine Kaffeepause im Büro, bei der die Gedanken doch bei den Projekten bleiben. So kann ich Arbeit und Freizeit viel besser vereinbaren und mehr am sozialen Leben in meinem Wohnort teilhaben.“

Vorurteile zum Arbeiten von zu Hause gibt es viele: Vereinsamung, mangelnde Kreativität und Produktivität. Machen Sie diese Erfahrungen auch und wie gehen Sie damit um?
Katrin Mathis: „Von zu Hause zu arbeiten liegt nicht jedem. Ich arbeite sehr konzentriert und habe mich schon immer wenig von meinem Umfeld ablenken lassen. So fühle ich mich im Home Office sogar kreativer und produktiver. Bei bestimmten Aufgaben ist ein belebtes Umfeld auch für mich förderlich. Diese erledige ich an den Tagen im Gemeinschaftsbüro oder setzte mich in ein Café. Ein gelegentlicher Tapetenwechsel und der Austausch mit Kollegen ist mir wichtig. Deshalb tut es mir gut, regelmäßig Termine wahrzunehmen, mich zum Mittagessen zu verabreden oder an Veranstaltungen teilzunehmen.“

Kontakte suchen und pflegen
Ein gelegentlicher Tapetenwechsel und der Austausch mit Kollegen ist mir wichtig. Deshalb tut es mir gut, regelmäßig Termine wahrzunehmen, mich zum Mittagessen zu verabreden oder an Veranstaltungen teilzunehmen. (Katrin Mathis)

Gibt es Situationen, in denen Sie das Arbeiten von zu Hause einschränkt?
Katrin Mathis: „Lange Telefonkonferenzen finde ich ermüdend. Wenn eine intensive Zusammenarbeit mit Kollegen nötig ist, treffe ich mich dazu lieber persönlich. Die größte Einschränkung ist aus meiner Sicht, dass der informelle Austausch fehlt. Im Büro bekommt man viele Informationen nebenbei mit, die man zu Hause nur erfährt, wenn sie kommuniziert werden. Interessanterweise erlebe ich es immer wieder, dass Kollegen sich nicht trauen, anzurufen oder E-Mails zu schreiben, wenn man von zu Hause arbeitet. Man ist weniger sichtbar, wenn man nicht persönlich vor Ort ist und muss mehr kommunizieren.“

Hat man es als Freiberufler leichter im Home Office zu arbeiten – wie schätzen Sie das ein?
Katrin Mathis: „Grundsätzlich ja, denn es ist erst einmal die eigene Entscheidung, wo man als Freiberufler arbeitet. Allerdings fordern viele Auftraggeber eine Anwesenheit in Vollzeit vor Ort. Gerade in den typischen Freiberufler-Projekten, in denen man einige Monate für ein Unternehmen arbeitet, ist das meist ein Ausschlusskriterium. Freiburg ist leider nicht der zentralste Standort zum Pendeln. Ich habe diese Projekte daher bisher immer abgelehnt, da es für mich einen zu großen Einschnitt bedeutet, kurzfristig mehrere Monate in einer anderen Stadt zu leben. Bei Kunden, die ich bereits kenne, ist es dagegen in der Regel kein Problem. Dieses Vertrauensverhältnis muss ich bei neuen Kunden erst einmal aufbauen.“

Kommunikation
Man ist weniger sichtbar, wenn man nicht persönlich vor Ort ist und muss mehr kommunizieren. (Katrin Mathis)

Welche Tools setzen Sie ein, um von zu Hause aus den Austausch mit Teams zu pflegen, zu kommunizieren und zusammen zu arbeiten?
Katrin Mathis: „Spezielle Tools für die Arbeit von zu Hause benutze ich kaum. Die Tools sind die gleichen, die ich auch schon vorher im Einsatz hatte. Einigen Kollegen und Kunden habe ich meinen Kalendar freigegeben, so dass sie jederzeit sehen können, wann ich in Terminen bin und wann sie mich gut erreichen können. Die Kommunikation läuft weitestgehend über E-Mail und Telefon. Oft hilft es, dabei über Teamviewer, WebEx oder Skype den Bildschirm zu teilen, so dass alle Gesprächspartner das gleiche Bild vor Augen haben. Die Kommentarfunktion in Word oder PDF hilft bei der gemeinsamen Arbeit an Dokumenten. Wenn Kunden interne Kommunikationsdienste, wie Slack oder Ticket-Systeme, wie Jira, im Einsatz haben, nutze ich diese selbstverständlich auch.“

Was empfehlen Sie anderen, die von zu Hause arbeiten wollen?
Katrin Mathis: „Ich kann andere nur ermutigen, die Möglichkeit von zu Hause zu arbeiten einzufordern. Startet mit einem oder zwei Tagen pro Woche, um zu zeigen, dass ihr zu den üblichen Zeiten erreichbar seid und eure Arbeit trotzdem in gewohnter Qualität erledigt. Dass ihr als zufriedene Mitarbeiter bessere Arbeit leistet, werden gute Chefs und Auftraggeber anerkennen.
Nehmt euch die Zeit, klare Prozesse zu vereinbaren, damit ihr eure Aufgaben mit geringem Abstimmungsaufwand erledigen könnt. Hinterfragt euch auch, ob ihr überhaupt der Typ für die Arbeit von zu Hause seid, was euch stören könnte und wie ihr damit umgehen könnt. Kommuniziert klar, nutzt die Zeit vor Ort und die Möglichkeiten digitaler Kommunikation und greift lieber einmal häufiger zum Telefonhörer.“

 

Vielen Dank Frau Mathis für dieses spannende Interview, Ihre Zeit und Ihre Ermutigung für mehr Home Office Arbeit in unserer Branche. Sie haben mit Ihren Antworten ganz sicher dazu beigetragen, dass in Zukunft noch mehr UX Professionals von zu Hause arbeiten wollen und auch können.

Der Beitrag Arbeiten im Home Office – Katrin Mathis bietet Tipps und Anregungen für UX Professionals erschien zuerst auf Nutzerbrille.

Therapeutisches Videospiel „Memore“ in der Produktreiferei

Wir waren selbst neugierig und haben Memore ausprobiert :-)

Wir waren selbst neugierig und haben Memore ausprobiert.

In der Produktreiferei testen wir innovative Startup-Produkte. Diesmal haben wir die therapeutische Videospielkonsole MemoreBox mit drei 70+ Probanden über drei Stunden getestet und spannende User Insights gesammelt!

Gaming mal anders!

Am 11. Mai haben wir die therapeutische Videospielkonsole MemoreBox getestet. Memore wird vom Social Startup RetroBrain entwickelt und wurde speziell für Senioren konzipiert. Über die gestenbasierte Steuerung mit einer Microsoft Kinect werden am TV mit verschiedenen Spielen Gleichgewichtssinn und Beweglichkeit trainiert – das mussten wir unbedingt testen! Also haben wir drei Nutzer im Alter von 70+ eingeladen, vor einen großen Fernseher gestellt und dann einfach mal geschaut, was passiert. Fazit: Unsere Probanden haben sich generell gut in den einzelnen Spielen zurechtgefunden. Bei der Navigation durch das Menü haperte es an einigen Stellen, aber der Spaßfaktor stimmte auf jeden Fall! Können wir auch so bestätigen. Wir waren selbst neugierig und haben Memore ausprobiert :-)

Testbeobachtung

Trotz des guten Wetters am Testtag kamen zahlreiche Produktreifer zur Testbeobachtung. Während wir den Probanden beim Spielen von Memore zuschauten, hielten wir die beobachteten Reaktionen und Probleme direkt auf Post-Its fest.

Nach jedem Test wurden die zahlreichen Notizen auf unserer über 20m² großen Whiteboardwand gesammelt. So füllte sich der Raum schnell mit vielen bunten Post-Ist. Testauswertung

Nach den Nutzertests haben wir die Post-Ist gemeinsam sortiert und zu Clustern zusammengefasst. So zeigte sich schnell, an welchen Stellen es Nutzungsprobleme gab. Zusammen mit RetroBrain haben wir mögliche Optimierungsansätze für das Interface und die Gestensteuerung erarbeitet und diskutiert und den Abend dann gemütlich bei einem Bierchen ausklingen lassen. Unser Learning: Gesten, bei denen der Nutzer die Arme oder Beine heben muss, sind vollkommen neu und ungewohnt. In diesem Feld Interaktionen zu gestalten ist echt nicht so einfach. ;-)

PostIts

Was tun wir in der Produktreiferei?

Startup-Produkte aller Art werden in der Produktreiferei mit der Nutzerzielgruppe auf ihre User Experience und Usability getestet. Zu jedem Termin gibt es von uns ein kostenfreies Mini-UX-Testing für ein Startup. Über unser Meetup laden wir euch zum Mitmachen ein. Ihr könnt die Nutzertests gemeinsam mit uns beobachten, lernen, wie UX-Tests funktionieren und dabei helfen, die Produktideen zu verbessern. Genaueres könnt ihr hier nachlesen.

Du hast eine Produkt-Idee, die getestet werden soll? Schreib uns: https://www.eparo.de/produktreiferei

Was ist eigentlich Service Design?

Service Design ist nutzerzentriert, analytisch, 
interdisziplinär 
und sorgt für 
nützliche Produkte, Prozesse und Dienstleistungen. Was das genau bedeutet …

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Airbnb, Uber, Netflix, Spotify: Die Überflieger der Sharing- und Streaming-Economy machen deutlich, wie allgegenwärtig verlässliche und intuitiv bedienbare Services heute sind. Dabei geht es nicht nur um Websites und mobile Apps, sondern um das gesamte System dahinter, das die Abläufe im Unternehmen genauso umfasst wie sämtliche persönlichen und automatisierten Berührungspunkte mit den Kunden. Hier kommen Service Designer ins Spiel. Sie betrachten den kompletten Prozess einer Dienstleistung und gestalten diesen so reibungslos und konsistent wie möglich.

Services machen in der heutigen Wirtschaft den Unterschied. Die Märkte sind weitgehend gesättigt – wohl jeder kennt Produkte, die sich zum Verwechseln ähnlich sind. Nie war es so leicht, Angebote zu vergleichen und Dienstleister zu wechseln, denn emotionale oder rationale Bindung an bestimmte Unternehmen und Marken bestehen kaum noch. Wirklich differenzieren können sich Unternehmen nur durch Service-Ökosysteme, die das Nutzen von Produkten oder Dienstleistungen zu einem rundum zufrieden stellenden Ergebnis machen.


Eine umfassende Sicht auf den Beruf des Service Designers erhalten Sie im PAGE Connect eDossier »Das macht ein Service Designer bei SinnerSchrader«.

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Dabei geht es nicht nur um Services, die ganze Wirtschaftszweige auf den Kopf stellen. Auch kleinere Anwendungen, zum Beispiel Fahrplan- und Ticketsysteme des öffentlichen Nahverkehrs, wollen gut geplant und ausgeführt sein.

Eine interdisziplinäre Rundum-Methode und ihre Geschichte

Die Entwicklung der Disziplin vollzog sich Anfang der 1990er Jahre zunächst in Großbritannien, wo der British Design Council sie früh auf der politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsebene einbrachte. Dort tauchten auch die ersten Service-Design-Agenturen auf. Eine von ihnen ist Prospect, 2006 gegründet von Anja Klüver, mit der die deutsche Digitalagentur SinnerSchrader gelegentlich kooperiert. Die studierte Grafikdesignerin Klüver sieht den wesentlichen Unterschied zwischen Service Design und traditionellen Designdisziplinen darin, »dass Service Designer einen unerbittlichen Fokus auf die Bedürfnisse echter Menschen legen, um Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, die wirklich wertvoll und nützlich sind«.

Service Designer betrachten den kompletten Prozess einer Dienstleistung und gestalten 
diesen so reibungslos und konsistent wie möglich.

Heute bahnt sich Service Design zunehmend den Weg in die Digitalagenturen. Denn immer mehr Touchpoints, also Berührungspunkte zwischen Unternehmen und Kunde, sind digital. Ein Großteil der Interaktionen erfolgt über technische Geräte wie Smartphones  und Touchscreens im öffentlichen Raum. »Die Basis erfolgreicher Customer Experiences ist Technologie«, sagt Anja Klüver. »Sie erlaubt uns nicht nur das Monitoring von Kundenerlebnissen, um adaptive und personalisierte Anwendungen zu gestalten, sondern ermöglicht uns auch, Services über Ländergrenzen und Kontinente hinweg auszuspielen.«

Für welche Themen brennen Service Designer?

Allerdings darf man Transformation nicht nur auf die Technologie beziehen. Service Design betrifft nicht nur das Gestalten von Interfaces und User Experiences, sondern umfasst auch die Prozesse und Organisationsmodelle innerhalb von Unternehmen. Es bildet eine Schnittstelle zwischen Business, Marketing, Design und Technologie.

Dementsprechend verbindet Service Design viele Disziplinen wie Produktdesign, User Experience Design, Interaction Design, Grafikdesign, Interior Design, Architektur, Datenanalyse, Ethnografie et cetera. Insofern gibt es nicht den typischen Service Designer, sondern Menschen, die jeweils verschiedene Fähigkeiten in sich vereinen – und die nicht zwingend in der klassischen Designausbildung vermittelt werden. Während die Köln International School of Design den Fachbereich Service Design seit 1995 fest im Lehrplan verankert hat, ist die Disziplin in den wenigsten Universitäten unter ihrem Eigennamen zu finden. Als Querschnitt verschiedener Designausprägungen und Kompetenzen handelt es sich vielmehr um ein Feld, in das man während seines Berufslebens hineinwächst.

»Allen Servicedesignern gemein ist, dass sie ein großes Einfühlungsvermögen haben müssen für die Bedürfnisse, Treiber, Motivationen und Probleme der Nutzer«, erklärt Anja Klüver. »Darüber hinaus müssen sie es lieben, mit anderen Designdisziplinen zusammenzuarbeiten, aber auch mit Angestellten, Geschäftsführern, Analysten, Developern und sogar Unternehmensberatern.«

(Klicken Sie auf die Grafik, um sie größer darzustellen.)

Grafik Servicedesign

Service Designer begleiten den gesamten Ent-
wicklungsprozess eines Produkts oder Services und tauchen tief ein in alle Phasen der Produkt-
entstehung. Bei der Hamburger Digitalagentur SinnerSchrader geht das so: Nach dem Kunden-
briefing und dem Kick-off-Meeting startet eine ergebnisoffene Recherche und Marktforschung zu Problemen und Bedürfnissen der User. Daraus leitet das Team Personas und User-Journeys ab und entwirft erste Konzeptideen. Diese setzt es mittels Prototyping-Tools in Dummys um, die den Frontend-Entwicklern zur Orientierung dienen und in Nutzertests zum Einsatz kommen. Die Service Designer werten die Ergebnisse aus und optimieren gemeinsam mit Developern und User-Interface-Designern. Das Ganze läuft 
in iterativen Schleifen bis zur Auslieferung des fertig getesteten, lauffähigen Services.

 

Ganz konkret: Wie arbeiten Service Designer?

Service Design geht mit einer bestimmten Denkweise und einem dazugehörigen Methodenkoffer einher. Mit der Verlagerung von Dienstleistungen in die Beziehung zwischen Mensch und Maschine kommen zunehmend Prozesse und Methoden aus dem Interaction Design zum Tragen, beispielsweise Prototyping, Storyboards oder Screenflows. Service Design ist hier dem traditionellen Entwicklungsprozess in Digitalagenturen vorgelagert. Statt direkt mit der Konzeption eines digitalen Services zu beginnen, hinterfragen Designer die Problemstellung und führen im Vorfeld nutzerzentrierte Recherchen durch. »Die meistgenutzten Tools generieren quantitative und qualitative Insights, um tief in Nutzerbedürfnisse, Geschäftsziele und Leistungen bestehender Services einzutauchen und Zukunftsszenarien anhand von Geschichten und greifbaren Prototypen darzustellen«, sagt Anja Klüver.

Dazu gehören unter anderem Nutzerinterviews, User-Testing, Selbstbeobachtung mittels sogenannter Cultural Probes, Persona-Erstellung, Customer Journey Mapping, Stakeholder Mapping, Service Blueprinting, Marktforschung, Trendanalyse, Business Modelling, Service-Szenarios, Organigramme, Prototyping und Training Tools. Jede Agentur und Designberatung passt sie für ihre Arbeitsweise und das jeweilige Projekt an.

Statt direkt mit der Konzeption eines digitalen Services zu beginnen, hinterfragen Designer die Problemstellung und führen im Vorfeld nutzer­zentrierte Recherchen durch.

Der Service-Design-Prozess ist iterativ angelegt. Das heißt, dass Konzept, Design und Entwicklung der Dienstleistung keinem linearen Verlauf folgen, an dessen Ende der fertige Service steht, sondern dass in verschiedenen Stadien immer wieder getestet und weiterentwickelt wird – ähnlich den Betaversionen von Online-Anwendungen. Viele Agenturen setzen bei solchen Prozessen daher auf Scrum oder Kanban, Methoden aus der agilen Softwareentwicklung, mit denen Projekte in zwei- bis dreiwöchigen Zyklen, sogenannten Sprints, bearbeitet werden. Dazwischen überprüft die Agentur gemeinsam mit dem Kunden die bisherigen Ergebnisse und bestimmt das weitere Vorgehen.

Allzweckwaffe für die digitale Transformation

Die Auftraggeber sollten so früh und eng wie möglich in die Entwicklung einer Dienstleistung einbezogen werden. Denn schließlich sind es die den Service anbietenden Unternehmen oder Institutionen, die diesen kontinuierlich bereitstellen müssen. Bei umfassenden Service-Systemen sind dafür nicht selten firmeninterne Change-Prozesse notwendig. Die Bereitschaft für solche Veränderungen auf Unternehmensseite steigt – immerhin ist die digitale Transformation in aller Munde. In Großbritannien übernehmen große Konzerne und Unternehmensberatungen bereits Service-Design-Agenturen und bauen Inhouse-Teams auf, um Design in den Organisationsprozess zu integrieren.


Eine umfassende Sicht auf den Beruf des Service Designers erhalten Sie im PAGE Connect eDossier »Das macht ein Service Designer bei SinnerSchrader«.

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Laut Klüver bietet Service Design das optimale Rüstzeug für die akutellen Herausforderungen: »Service Design entwickelt sich rasant zu einer essenziellen und integralen Methode für Business-Transformation, denn sie hilft Unternehmen und Organisationen dabei, den immer här
teren Herausforderungen zu begegnen, vor denen traditionelle Geschäftsmodelle stehen. Um zu überleben, müssen Unternehmen Schritt halten mit den sich konstant verändernden Nutzerbedürfnissen.«

»Service Design entwickelt sich rasant zu einer essenziellen und integralen Methode für Business-Transformation« Anja Klüver, Founder von Prospect

Die Auswirkungen erfolgreichen Service Designs reichen von größerer Kundenloyalität und steigenden Verkaufszahlen über höhere Profitmargen, die Erschließung neuer Märkte sowie das Finden und Halten neuer Kunden bis hin zu größeren Marktanteilen, einem besseren Markenimage und einem optimierten operativen Management dank befähigter Mitarbeiter und neuer Entwicklungsprozesse.

Naturgemäß spielt Service Design besonders für klassische Dienstleistungsbranchen wie Gesundheits- und Transport-
wesen, Telekommunikation, Versicherungen oder Banken eine wichtige Rolle. Doch im Grunde sind Dienstleistungen heute für alle ein Thema. »Services machen rund 70 bis 80 Prozent reifer Marktwirtschaften aus«, sagt Anja Klüver. »Bei Prospect glauben wir, dass beinahe jedes Unternehmen ein Service ist und jeder Service wiederum eine Customer Experience bietet, die designt werden muss.«

Das Spielfeld wird größer – und es differenziert sich aus

Besonders für die Konsumgüterindustrie, die sich bislang auf die Herstellung ihrer Produkte beschränkte, kann der Wandel zum Service-Anbieter allerdings schwierig sein. Verlieren Firmen die Bedürfnisse der eigenen Kunden zu sehr aus den Augen, droht ihnen der Bankrott. Ein in der Branche prominentes Beispiel für den Schwund ganzer Marktsegmente ist der einstige Weltmarktführer Kodak, der die Entwicklung hin zu Digitalfotografie und Foto-Apps verschlafen hat.

Verlieren Firmen die Bedürfnisse der eigenen Kunden zu sehr aus den Augen, droht ihnen der Bankrott.

Mit dem Voranschreiten von Virtual Reality und dem Internet of Things mit seinen smarten Objekten weitet sich das Feld für Service Designer enorm aus. Anwendungen sind nicht mehr auf Interfaces beschränkt – und müssen darum umso besser konzipiert, getestet und umgesetzt werden. Der Fokus auf die Nutzer darf dabei nie verloren gehen.

Für Agenturen ergeben sich daraus neue Herausforderungen – und die Chance, sich früher und tiefer in die Entwicklung von neuen Produkten und Dienstleistungen ihrer Kunden einzubringen und – mithilfe von umfassen ausgebildeten Service Designern  – ein Stück weit die Welt zu verändern.


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