Kategorie-Archiv: Kreative Berufe

Das macht ein Content Stratege bei C3 Creative Code and Content

Jochen Förster, Content Stratege bei C3 in Berlin, erklärte uns, was seinen Beruf ausmacht …

Jochen Förster

Jochen Förster, Foto von Goerg Roske

Platte Produktpräsentation war gestern, die Zukunft gehört den Inhalten. Unternehmen setzen in ihrer Kommunikation zunehmend auf Content Marketing, und dafür brauchen sie Spezialisten. Wir sprachen mit Jochen Förster, Content-Stratege bei C3 Creative Code and Content in Berlin, über die Anforderungen eines Berufs an der Schnittstelle zwischen Marketing und Journalismus.

PAGE: Alle reden derzeit von Content Marketing – was sie damit meinen, ist nicht immer ganz klar. Deshalb 
vorab die Frage: Was ist Content Marketing für dich?
Jochen Förster: Content Marketing ist kein Baustein innerhalb der Kommunikation, sondern markiert vor allem eine neue Erzähltechnik, einen Perspektivwechsel. Verbraucher informieren und verhalten sich heute ganz anders als vor zehn Jahren, darauf müssen die Unternehmen reagieren. Reine Verkaufswerbung funktioniert immer weniger, stattdessen erreicht man die Menschen mit packenden Geschichten.

Diesen Anspruch verfolgen die führenden Kreativagenturen seit Langem: Gute Geschichten zu erzählen, die die Menschen berühren. Was macht ihr anders?
Förster: Ich würde Content Marketing gar nicht gegen Werbung ausspielen – und übrigens auch nicht gegen Corporate Publishing. Wie gesagt: Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel in der Kommunikation, der eben auch neue Erzählweisen erfordert.

»Content Marketing ist kein Baustein innerhalb der Kommunikation, sondern markiert vor allem einen Perspektivwechsel«

Und da kommst du als Content-
Stratege ins Spiel.
Förster: Stimmt. Die redaktionelle Betreuung so konkreter Content-Marketing-Plattformen wie des »Volkswagen Magazins« (sie he Seite 10 ff.) nimmt weniger als die Hälfte meiner Arbeitszeit in Anspruch. Größeren Anteil haben contentstrategische Projekte zu Fragen wie: Wie können wir Marketingstrukturen in großen Unternehmen so weiterentwickeln, dass sie State of the Art sind? Wie und wo erreichen wir nachwachsende Generationen wie die Millennials? Welche Themen müssen Marken besetzen, welche Kanäle bedienen, welche Storys erzählen, um ihr Markenprofil in der Kernzielgruppe nachhaltig aufzuwerten?

Kannst du diese Arbeit genauer beschreiben?
Förster: Im laufenden Geschäft bin ich eine Art Kreativkanone der Agentur und schaue, wie die Inhalte unserer Auftraggeber sich auf den verschiedenen Ebenen optimieren, modernisieren und erweitern lassen. Im Bereich Changemanagement etwa arbeiten wir vor allem daran, unseren Kunden beim Perspektivwechsel zu helfen und Fragen wie »Was interessiert die Verbraucher? Mit welchen Geschichten trete ich vor ihnen als sympathisches und glaubwürdiges Unternehmen auf, ohne nur über das zu reden, was ich verkaufen will?« auch in der Unternehmensstruktur abzubilden – zum Beispiel indem wir Content-Abteilungen nach Themen sortieren, statt nach Produktionssparten. Oder indem wir eine Always-on-Produktionskultur etablieren, die kleine, zielgruppenscharfe Storys in steter Folge bietet, statt ganze Jahresetats zum Produktlaunch zu verschleudern. Immer mehr Unternehmen erkennen, dass eine Launch-Kampagne alle paar Jahre sie nicht mehr weiterbringt.

»Ich verstehe mich als eine Art Kreativkanone der Agentur und schaue, wie man die Inhalte unserer Auftraggeber auf den verschiedenen Ebenen optimieren, modernisieren und erweitern kann«

Stattdessen wollen sie eine 
langfristige Content-Strategie, 
und die bekommen sie von dir.
Förster: Natürlich nicht von mir allein. Als Content-Stratege arbeite ich eng mit unserer Strategieabteilung sowie mit unseren Businessdirektoren, Kreativen und Redakteuren zusammen. Auch der permanente Austausch mit der Geschäftsführung gehört zu meinem Arbeitsalltag, nicht zuletzt, weil wir bei C3 die Definition von gutem Content stetig weiterentwickeln. Aber ja, wir zeigen den Unternehmen, wie sie sich in die Interessen ihrer Kunden hineindenken und sie über die verschiedenen Kanäle ansprechen können. Das ist ein extrem spannendes Feld, denn die Zielgruppen diversifizieren sich immer weiter und die Inhalte müssen entsprechend spitzer werden, um sie zu erreichen.

Wie beeinflusst diese Entwicklung deine Arbeit ganz konkret?
Förster: Wir betreiben viel mehr Targeting als vor einigen Jahren. Tools wie Google Analytics helfen uns herauszufinden, welche Inhalte Traffic erzeugen und welche Zielgruppen bestimmte Inhalte goutieren. Auch die Social-Media-Recherche ist span nend. Allein für die verschiedenen Zielgruppen, die große Automarken potenziell ansprechen wollen, gibt es unzählige Fanclubs, Facebook-Gruppen et cetera.

Stichwort Recherche: Du bist klassisch ausgebildeter Journalist, hast an der Henri-Nannen-Schule gelernt, bei der »WELT«, dem »stern« und in anderen Redaktionen gearbeitet. 2002 hast du mit »Dummy« ein eigenes Magazin gegründet. Warum jetzt der Schritt auf die Agenturseite?
Förster: Marken gewinnen als Publisher immer mehr an Relevanz, das finde ich reizvoll. Viele vorgeblich unabhängige Medien stecken dagegen in einer ausweglosen Krise – beispielsweise im Lifestyle-Sektor. Sie werden immer abhängiger von Werbekunden, was wiederum ihre Glaubwürdigkeit untergräbt. Und wirklich unabhängige Me dien wie etwa die »Süddeutsche Zeitung« leiden darunter, dass sie kein effektives Digitalbezahlmodell finden, dadurch bei der Belegschaft kürzen müssen und immer weniger in Recherche investieren können, was doch eigentlich ihr größter USP gegenüber den Gratis-Online-Newsplattformen ist.

Harte Worte für deine alte Zunft.
Förster: Unabhängige Berichterstattung ist wichtig, vielleicht wichtiger denn je, und Content Marketing sollte diese niemals ersetzen. Aber mir gefällt es, im immer wichtiger werdenden Segment der Marken-Publisher Erzählformen zu etablieren, die nah dran sind an Interessen und Lebenswelten der Kunden. Als Content-Stratege fällt mir mitunter die reizvolle Aufgabe zu, Markenchefs zu überzeugen, dass es fürs Image besser sein kann, eine differenzierte Selbstdarstellung hinzulegen, als mit blü tenreiner Wes te völlig steril zu wirken.
ist dein beruflicher Werdegang denn üblich für einen Content-Strategen?
Förster: Bei C3 sind wir zurzeit fünf Content-Strategen, alle mit journalistischem Hintergrund. Auch von den Mitarbeitern im Content-Bereich kamen bisher die meis ten aus klassischen Redaktionen. Das ändert sich aber gerade. Wie gesagt: Zielgruppen diversifizieren sich, Targeting wird wichtiger und somit brauchen wir verstärkt Mitarbeiter, die verstehen, wie die Mechanismen im Netz funktionieren. Digital Natives, die wissen, welche Welle eine News verursachen kann und an welcher Stelle man mit seiner Geschichte am besten auf diese Welle aufspringt.

»Fürs Image kann es besser sein, eine differenzierte Selbstdarstellung hinzulegen, als mit blütenreiner Weste völlig steril zu wirken«

Wo findet ihr solche Leute?
Förster: Noch befinden wir uns, wenn man so will, an der Schnittstelle zwischen Werbung und Corporate Publishing. Content-Redakteu re können also sowohl von Marketingakademien als auch aus Journalistenschulen kommen. Wir suchen aber auch vermehrt nach Mitarbeitern, die vorher als Texter in Agenturen gearbeitet haben.

Wie sehen die Karrierechancen eines Content-Redakteurs denn aus? 
Oder anders gefragt: Wie wird man Content-Stratege?
Förster: Bei uns herrschen keine festen Karriere- und Aufstiegsmuster. Wer gut darin ist, die Content-Profile von Unternehmen nachhaltig zu analysieren und weiterzuentwickeln, sich für neue Kommunikationswege begeistern und noch dazu ein Team führen kann, hat immer die Option, Content-Stratege zu werden.

Wie sehen auf dem Weg dorthin die ganz konkreten Aufgaben aus?
Förster: Das ist von Projekt zu Projekt sehr unterschiedlich. Die meisten Projekte betreffen die strategische Weiterentwicklung, weniger das redaktionelle Tagesgeschäft. Aber auch das gehört dazu, das ähnelt dann News-Redaktionen, man erstellt Themen pläne und Timelines, recherchiert und schreibt Artikel für verschiedene Kanäle. Dann gibt’s Etats, auf denen es stärker um Sales geht. Dann kann die Aufgabe zum Beispiel sein, einen Shop so zu organisieren, dass der User sich besser zurechtfindet und lieber dort kauft.

Das ist normalerweise die Aufgabe eines UX Designers.
Förster: Stimmt, die Kompetenzen überschneiden sich. Denn jede Website mit mehreren Themensäulen braucht eine narrative Grundidee und jemanden, der dafür sorgt, dass die verschiedenen Bereiche oder Kapitel plausibel aufgebaut und benannt sind – und trotzdem sexy klingen. Content Marketing ist ja kein neuer Kanal, sondern eine Herangehensweise. Entsprechend ganzheitlich müssen Content-Redakteure und Content-Strategen denken. Es reicht nicht, gut schreiben zu können, man muss auch ein Verständnis für kommerziellen Zusammenhänge mitbringen.

»Guter Content ist nützlich, originell, eingängig und transparent. Wir lieben griffige Titel, kurze Sätze, vertraute Keywords und eine klare Gliederung. Und wir tun nicht so, als sei die Welt ein Sahnetörtchen«

Content Marketing wird in der Kommunikation der Zukunft eine wichtige Rolle spielen, so viel 
steht fest. In welchen Branchen lassen sich die spannendsten 
Projekte umsetzen?
Förster: Ich persönlich arbeite sehr gerne für die Automobilbranche. Hier fallen im Moment die Würfel, die wahrscheinlich über viele Zukunftsfragen und unter anderem über den Wohlstand in unserem Land entscheiden. Die Schwelle zur E-Mobility sorgt für Dynamik, weil alle merken, dass sie sich bewegen müssen, wenn die Karten durch neue Antriebstechnologien neu gemischt werden. Im Content Marketing entsteht dadurch viel Spielraum und es werden Dinge möglich, die vor ein oder zwei Jahren undenkbar gewesen wären. Aber auch die Content-Profile kleinerer inhabergeführter Firmen können spannend sein, hier haben die Geschäftsführer mitunter mehr Spielraum für innovative Ideen.

Abgesehen vom inhaltlichen Reiz: Welche Verdienstaussichten hat man als Content-Stratege?
Förster: Das lässt sich so pauschal nicht sagen, auch für die Karrierestufen davor nicht. Fest steht aber: Im Vergleich zum klassischen Journalismus handelt es sich bei Content Marketing um eine wachsende Branche. Und besser als in einer Zeitungsredaktion verdient man allemal.

Auch wenn ihr die Definition von Content stetig weiterentwickelt: Wie sieht guter Content im Sinne einer Marke heute aus?
Förster: Er ist nützlich, originell, eingängig und transparent. Wir lieben griffige Titel, kurze Sätze, vertraute Keywords und eine klare Gliederung. Und wir tun nicht so, als sei die Welt ein Sahnetörtchen. Die Protagonisten sind echt und nahbar – also möglichst immer auf Augenhöhe mit dem Publikum.


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Das macht ein Interaction Designer bei deepblue networks

Interaction Designer Fabian Orthen und Creative Director Burkhard Müller von deepblue networks in Hamburg standen uns Rede und Antwort …

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Fabian Orthen, Interaction Designer & Burkhard Müller, Creative Director

Fabian Orthen, 27, arbeitet seit drei Jahren als Interaction Designer bei der Kreativagentur deepblue networks in Hamburg. Wir sprachen mit ihm und Creative Director Burkhard Müller über Aufgaben, Herausforderungen und Abläufe im Alltag eines Interaction Designers.

PAGE: Wie kamst du zu deepblue networks, Fabian?
Fabian Orthen: Ich habe an der Akademie für Kommunikationsdesign in Köln studiert – also eine eher klassische Ausbildung gemacht. Während des Studiums habe ich gemerkt, dass mich Digital sehr interessiert. Dieses Thema habe ich dann priorisiert und meine Bachelorarbeit über das In­teraction Design für eine iPad-Anwendung geschrieben. Nach meinem Abschluss habe ich gezielt nach Stellen gesucht, wo ich dieses Thema weiter ausbauen konnte. 2013 bin ich dann als Trainee bei deepblue networks eingestiegen.

Burkhard Müller: Fabian war einer unse­rer ersten Trainees überhaupt im Bereich Interaction Design. Damals hatten wir fest­gestellt, dass wir Leute für komplexe digitale Themen brauchen, die nicht nur Wire­frames bauen können, sondern auch ein Verständnis für Design und Informations­architektur mitbringen. Zu dieser Zeit frag­ten unsere Kunden verstärkt nach Mo­bile-Projekten. Wir hatten bereits ein paar Apps realisiert, allerdings eher kleinere Gadgets, die man gut inhouse umsetzen konnte, wie einen Pflanzenfinder für OBI. Als Fabi­an bei uns anfing, hatte uns kurz zuvor die Schweizer Unternehmensgruppe Migros mit einer um­fangreichen App beauftragt. Mittlerweile besteht unser Team aus insgesamt 26 Interaction Designern, Entwick­lern und Beratern.

Wie sieht der Ablauf aus, wenn ihr in ein neues Projekt startet?
Orthen: In ersten Workshops mit dem Kun­den versuchen wir herauszufinden, was die Vision und Mission hinter dem Pro­jekt ist. Wir überlegen uns erste Features und eine Informationsarchitektur. Wenn der Kunde sein Go gibt, schreiben wir User Storys, überlegen uns einen Flow und steigen ins Prototyping ein. Besonders in dieser Phase ist es wichtig, sich in den Nutzer hineinzuversetzen.

»Ich versuche immer zu wissen, was technisch möglich ist, wie es funktioniert und wie aufwendig es ist« Fabian

Im Alltag probiere ich viel aus, baue Wireframes, pinne Konzepte an die Wand und gehe sie Schritt für Schritt durch. Sobald das Grobkonzept steht, geht es in die Designphase. In ihr definieren wir jede Funktion – vom Startscreen über Fehlermeldungen bis hin zum Ladeverhalten. Wir fragen uns: Was sieht der Nutzer, wenn er die App öffnet? Gibt es eine Animation? Was passiert im Hintergrund? All diese Dinge, die der Nutzer nicht bewusst wahrnimmt beziehungswei­se gar nicht wahrnehmen soll, werden hier durchdacht und definiert. Parallel dazu beginnen die Entwickler mit der Umsetzung, um in iterativen Schleifen das Design anzupassen.

Wie wichtig ist Prototyping bei eurer Arbeit?
Müller: Extrem wichtig. Wir setzen Prototyping so früh wie möglich ein, um unsere Entwürfe zu testen und dem Kunden eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie sich eine App später verhalten wird. Mit Tools wie InVision, Flinto und Marvel lassen sich schnell Klickdummys bauen, die man auf dem Smartphone testen kann. Dabei handelt es sich quasi um eine Verknüpfung von Bildschirmen und Ansichten. So überzeugt man Kunden viel besser von einem Konzept als mit zig PowerPoint-Slides. Die Pro­totyping-Software Framer geht schließlich mehr ins Detail. Hiermit lassen sich sehr gut komplexe und individuelle Animatio­nen simulieren.

Orthen: Schon in der Ideenfindungsphase setzen wir Prototypen ein, um unser Konzept in kleiner Runde zu testen. Oft tauchen bereits Ungereimtheiten auf, wenn man nur zehn Leute befragt, und man kann das Konzept sofort verbessern. Bevor die Entwicklung startet und ein Release veröffentlicht wird, machen wir zusätzlich professionelle Usertests.

»Gute Interaction Desi­gner bringen eine bestimmte Mischung mit: Erfahrung und Geschmack auf der einen Seite – Offenheit, Zuhören und Sich-selbst-infrage-Stellen auf der anderen« Burkhard

Codest du auch selbst?
Orthen: Wenn ich einen sehr komplexen Prototyp baue, habe ich schon mal mit HTML und CSS zu tun. Einige Interaction Designer fangen dann an zu coden, um die Machbarkeit zu testen. Das lerne ich gerade. Ich versuche aber grundsätzlich zu wis­sen, was technisch möglich ist, wie es funk­tioniert und wie aufwendig es ist. So kom­me ich überhaupt nicht erst in die Verlegen­heit, etwas vorzuschlagen, das gar nicht geht. Manchmal ist es andererseits auch gut, wenn man dieses Wissen ignoriert und trotzdem fragt. So können sich ganz neue Ideen oder Möglichkeiten ergeben. Meine alltäglichen Programme neben den Prototyping-Tools sind Photoshop, Illustrator und Sketch.

Wie bereitet ihr die Workshops mit den Kunden auf?
Müller: Wir holen zuerst die Erwartungshaltung vom Kunden ein, um den Work­shop individuell auf seine Bedürfnisse zuzuschneiden. Die Vorbereitung machen wir gemeinsam, die Präsentation überneh­me meistens ich. Uns ist extrem wichtig, dass die Interaction Designer hier mit am Tisch sitzen. So sieht der Kunde, wer dahinter steckt, und die Kreativen können ihre eigenen Ideen vorstellen und mit dem Kunden diskutieren. Wir gehen immer in einen offenen Dialog mit den Kunden. Nur so findet man am Ende zu selbsterklärenden, intuitiven Lösungen, die begeistern und Spaß machen.

Offenheit und Kritikfähigkeit sind also wichtige Eigenschaften für einen Interaction Designer?
Orthen: Ja. Aber das lernt man vergleichsweise schnell. Es gibt nie die eine Idee, son­dern immer verschiedene Möglichkei­ten. Durch Techniken wie A/B-Testing, Umfragen, Scribbles, Flowcharts und Prototyping lässt sich die möglichst beste Lösung für ein Problem finden.

Müller: Gute Interaction Designer bringen eine bestimmte Mischung mit: Erfahrung und Geschmack auf der einen Seite – Offenheit, Zuhören und Sich-selbst-infrage-Stellen auf der anderen. Bei der Entwicklung von digitalen Services geht es darum, den Menschen das Leben leichter zu machen. Es braucht einen bestimmten Charakter, um sich für so etwas zu motivieren. Der Werber, der sich über große Viral-Hits und prämierte Kampagnen definiert, ist hier fehl am Platz.

»Im Alltag probiere ich viel aus, baue Wireframes, pinne Konzepte an die Wand und gehe sie Schritt für Schritt durch« Fabian

Muss ein Interaction Designer vorm Kunden präsentieren und seine Ideen verkaufen können?
Müller: Es schadet nicht, wenn man das mitbringt, aber es ist kein Must-have. Häu­fig kristallisiert sich innerhalb eines Teams erst heraus, wer welche Stärken hat und entsprechende Aufgaben übernimmt. Interaction Designer vereinen Konzeption, Design und einen Teil der Entwicklung in einer Person. Wenn sie dann auch noch gu­te Verkäufer, Teamplayer und Manager sein müssen, sucht man nach der eierlegenden Wollmilchsau.

Wo und wie lasst ihr euch inspirieren?
Orthen: Ich gucke jeden Morgen, was es Neues gibt und was andere so machen – zum Beispiel bei Dribbble oder Behance. Momentan sind Virtual Reality und das The­ma Chatbots, Live Chats und Messenger-Plattformen ganz heiß – also Interfaces, die auf Konversation beruhen.

Müller: Wir haben eine Facebook-Gruppe, in der wir interessante Artikel und Links posten. Das ist eine gute Basis, um zu wissen, was gerade angesagt ist. Es überlegt also nicht jeder still für sich, sondern wir teilen und diskutieren über die Themen.

Was sind so richtig öde Aufgaben, die man als Interaction Designer machen muss?
Orthen: Texte pflegen und Testing. Sobald ein Feature entwickelt ist, muss man es gründlich gegenchecken, alles ausprobieren und quasi versuchen, die App kaputtzumachen – und das Ganze in Tabellen do­kumentieren.

Und was war dein absolutes Highlight bisher?
Orthen: Als die Migros-App live gegangen ist! Der Prozess selbst war gegen Ende sehr stressig. Aber dann zu sehen, wie die Arbeit eines Jahres live geht und wie die Leute damit umgehen, war extrem spannend. Das Feedback und die Bewertungen im Netz zu lesen – und anschließend zu überlegen, wo wir noch mal ranmüssen. Toll ist aber auch die Phase ganz am Anfang ei­nes Projekts, wenn man noch so gut wie gar nichts weiß und in alle Richtungen den­ken kann. Man kann ein Produkt von der Pike auf mit formen und seine eigenen Visionen einbringen.

»Interaction Designer können nicht nur Wireframes bauen, sondern haben auch ein Verständnis für Design und Informationsarchitektur« Burkhard

In welche Richtung wird sich der Beruf Interaction Designer eurer Meinung nach entwickeln?
Müller: Im Grunde verändert sich der Beruf jeden Tag. Ständig kommen neue Tools und Softwareversionen dazu, die man beherrschen muss. Auch das Aufgabenfeld wird immer breiter. Unsere Unit heißt bewusst nicht »Mobile«, weil ich es gar nicht so sehr eingrenzen möchte. Wir versuchen möglichst nah am Nutzer zu sein und für ihn Services bereitzustellen – egal ob das auf dem Smartphone stattfindet oder in der Virtual Reality. Sobald wir glauben, dass ein Trend Potenzial hat und sich etablieren wird, entwickeln wir erste Ideen und versuchen diese bei unseren Kunden zu platzieren. Zum Beispiel waren wir beim Thema Smartwatch sehr proaktiv und haben bereits früh Kundenprojekte dafür ent­wickelt, etwa für Migros und Gerolsteiner.

Fabian, hast du ein Wunschprojekt, das du unbedingt mal umsetzen möchtest?
Orthen: Das wechselt ständig. Im Moment würde ich gerne was mit Virtual Reality ma­chen. Oder etwas im Bereich Self-Driving Cars: Wie sieht eigentlich das Interface in einem selbstfahrenden Auto aus? Was macht der Mensch darin, wenn er nicht mehr auf die Straße gucken und lenken muss? Et cetera. Irgendwann würde ich gern ein eigenes Produkt entwickeln und vielleicht ein Start-up gründen.

 


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Das macht ein Corporate Designer bei Strichpunkt

Nils Jaedicke, Senior Art Director bei Strichpunkt in Berlin, stand uns Rede und Antwort …

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Nils Jaedicke, Senior Art Director bei Strichpunkt in Berlin

Nils Jaedicke arbeitet seit 2012 bei Strich­punkt in Berlin. Seit knapp zwei Jahren ist der 38-Jährige dort Senior Art Director. Wir sprachen mit ihm über Manuals, medienübergreifendes Denken und Frustrationsschwellen.

PAGE: Was hält der Tag heute für dich bereit?
Nils Jaedicke: Nachdem ich bereits meine E-Mails gecheckt, die To-do-Liste für den Tag erstellt und am montäglichen Jourfix teilgenommen habe, steht noch ein Illus­tra­torenbriefing auf dem Programm und ei­ne interne Abstimmung zu einem Kunden­projekt. Ein paar Reinzeichnungen muss ich noch freigeben, und heute Nachmittag werde ich hauptsächlich konzentriert gestalten.

Ein ganz normaler Arbeitstag?
Jaedicke: Ja, schon. Manche Tage sind auch mehr von Meetings, Besprechungen und Abstimmungen bestimmt. Oder man hat einen Termin beim Kunden, reist vielleicht in eine andere Stadt und hält dort eine Prä­sentation. Aber das kommt nur alle paar Wochen vor.

Corporate Designer entwickeln also nicht nur Gestaltungs-Manuals . . .
Jaedicke: Das gehört natürlich zum Job da­zu und kann gelegentlich schon auch mal etwas öde sein. Aber es gibt noch so viel mehr!

»Die Zeiten von starren Manuals in PDF-Form sind ohnehin vorbei. Heute geht es mehr darum, eine Marke zu interpretie­ren, ihre Haltung zu kommunizieren und für ihr Erscheinungsbild flexible Elemen­te bereitzustellen.«

War es für dich immer klar, dass du in eine Designagentur wolltest?
Jaedicke: Mit Werbung konnte ich mich nie identifizieren, von daher war mein Weg in eine Designagentur quasi vorgezeichnet. 2006 habe ich bei hw.design in München begonnen, 2010 wechselte ich zu Metadesign und von dort dann 2012 zu Strichpunkt in Berlin.

Und wo hast du was studiert?
Jaedicke: Kommunikationsdesign an der Universität Duisburg-Essen, die heute Folk­wangschule für Gestaltung heißt. Nach ei­nem Auslandssemester an Danmarks Designskole in Kopenhagen und einigen Prak­tika in Designbüros habe ich 2005 meinen Abschluss als Diplom Kommunikationsdesigner gemacht.

Was gehört heute zu deinem Aufgabengebiet?
Jaedicke: Ich entwickle Ideen und Konzepte, gestalte aber auch noch ziemlich viel selbst. Dann stehe ich jungen Kollegen und Teammitgliedern mit Rat und Tat zur Seite. Und ich habe recht häufig Kundenkontakt, halte also Präsentationen. In der Agen­tur bin ich für meine Projekte die letzte Instanz, die noch einmal auf Dinge schaut, bevor sie zum Kunden geschickt werden. Als Senior Art Director habe ich viel Eigen­verantwortung und eigene Kunden, auch mehrere parallel. Ansonsten un­terschei­det sich mein Aufgabengebiet nicht wesentlich von dem eines Art Directors.

Entwickelst du Ideen für Print und Digital gleichermaßen?
Jaedicke: Für Corporate Designer ist es un­erlässlich, medienübergreifend denken zu können und sich nicht an einer Anwendung festzuklammern. Wir wollen ja eine Gestal­tungsidee, einen Look entwickeln, der für viele Medien funktioniert. Also auch für An­wendungen, an die man zu Beginn des Projekts vielleicht gar nicht denkt. Wichtigster Teil der Aufgabe ist, eine Idee oder Werte, die man kommunizieren möch­te, auf wenige zentrale Elemen­te, die diese Idee tragen, zu reduzieren.

»Mit Werbung konnte ich mich nie identifizieren, von daher war mein Weg in eine Designagentur quasi
vorgezeichnet«

Hast du das im Studium gelernt?
Jaedicke: Eher nicht. Dort lernt man das ge­stalterische, formale Handwerk; das Kon­zeptionelle eher im Berufsalltag, im Kontakt mit dem Kunden. Allerdings hatte ich im Studium einen Professor, der viel Wert auf Logoentwicklung gelegt hat. Dafür bin ich dankbar, denn dadurch fällt es mir heute leicht, Dinge zu vereinfachen.


Und was magst du lieber – Print oder Digital?

Jaedicke: Ich komme aus dem Printbereich, da kenne ich mich richtig gut aus, das ist sozusagen meine alte Liebe. Aber in den letzten Jahren ist die Onlinegestaltung viel offener geworden, die gestalteri­schen Möglichkeiten und die Qualität sind enorm gestiegen. Dazu kommen die sich ständig weiterentwickelnden techni­schen Möglichkeiten, die dieses Medium unglaublich spannend machen. Von daher würde ich sagen: Zukünftig wird Online mein bevorzugtes Medium sein.

Welche Eigenschaften sollte man als Corporate Designer noch mitbringen?
Jaedicke: Das Wichtigste ist, dass man Spaß an seiner Arbeit hat. Und außerdem braucht man eine gewisse Frustrations­toleranz. Wenn etwas nicht so klappt, wie ich denke, oder etwas, wofür ich gearbeitet habe, stirbt, darf ich das nicht persönlich nehmen. Sich nicht entmutigen zu lassen, ist zugleich die größte Herausforderung. Weiterzumachen, auch wenn etwas mal nicht geklappt hat oder nicht realisiert wird. Dafür ist man dann umso glücklicher, wenn trotzdem tolle Arbeiten entstehen.

Als Berufsanfänger unterschätzt man oft die notwendigen Kommunikations-, teilweise beinahe diplomatischen Fähigkeiten. Wir erarbeiten zahlreiche Dinge mit dem Kunden zusammen, versuchen immer, ihn mitzunehmen und ihm zu vermitteln, warum diese Idee, diese Gestaltung zu ihm passt. Da muss man ganz viel kommunizieren. Teamfähigkeit ist natürlich auch eine wichtige Eigenschaft. Als Corporate Designer hat man nicht ausschließlich mit Kun­den zu tun, sondern auch mit anderen Designern, mit Beratern und Strategen, mit Motion-Designern, Entwicklern, Fotografen und Textern.

Wie viel Technik Know-How brauchst du?
Jaedicke: Ich muss Technik verstehen, allerdings nicht perfekt beherrschen. Auch als Corporate Designer muss ich wissen, ob es Sinn macht, irgendwo eine Animation ein­zubinden oder welches die momenta­nen Anforderungen für Interfaces sind. Wenn ein Programmierer zu meiner Idee sagt: »Das geht nicht«, ist es hilfreich, wenn ich erwidern kann: »Das habe ich aber da und da schon gesehen.« Ein gewisses Hintergrundwissen und ein Feeling für neue Tech­nik sollten also vorhanden sein. Im Stu­dium ist das einfacher, weil man da sehr dicht an neuen technischen Entwicklun­gen dran ist. Aber auch später im Job kann man dazulernen. Indem man offen ist, sich interessiert und zudem mal rechts und links schaut, was eigentlich die Kollegen machen. Denn man kann auch ganz viel von Projekten lernen, an denen man gar nicht beteiligt ist.

»Für Corporate Designer ist es unerlässlich, medien­übergreifend zu denken und sich nicht an einer Anwendung festzuklammern«

Was fasziniert dich an deinem Job?
Jaedicke: Dass ich so unglaublich viele ver­schiedene Welten kennenlerne, denn bei jedem neuen Job muss ich mich ja in die Materie des Kunden einarbeiten. Toll sind auch Fotoshootings vor Ort, da kommt man in Locations, zum Beispiel ein Stahlwerk oder ein riesiges Containerschiff, wo man sonst nie hingekommen wäre. Designer können unglaublich viel kennenlernen, wovon sie vorher keine Ahnung hatten – vorausgesetzt, sie interessieren sich für andere Dinge als Gestaltung um der Gestaltung willen.

Und was macht dir am meisten Spaß?
Jaedicke: Großartig ist der Moment, wenn sich die einzelnen, ungewissen Teile eines Projekts plötzlich zu einem Gesamtbild zu­sammensetzen. Erst ist ja viel unklar, man sammelt viele Informationen und versucht, Ideen zu finden. Dann fügt es sich plötzlich zu einem Ganzen und man sieht: Ja, das kann richtig gut werden. Und dann ist es einfach schön, sich mit Kollegen und Kunden auszutauschen und zu merken: Das hätte ich alleine in meinem Kämmerchen nicht erreicht.

Könntest du dir vorstellen, in einem anderen Bereich zu arbeiten, zum Beispiel im Interface Design oder ist Corporate Design einfach dein Ding?
Jaedicke: Corporate Designer sind Interface Designer: Das Interface wird zur Marke. Digitale Schnittstellen sind ja heute be­reits das prägende Markenerlebnis. Die Über­gänge waren vorher aber auch schon fließend. Corporate Design wandelt sich ständig. Es reicht in viele andere Bereiche hinein: von Corporate Publishing über Kom­munikation im Raum bis zur Produkt­kommunikation. Daher ist es eine für vie­le Formate und Kanäle offene, langfristig ausgerichtete Designdisziplin. Ich kann heute nicht mehr sagen: Ich gestalte ledig­lich die Basiselemente eines Corporate De­signs und habe ansonsten Scheuklappen auf. Zum Glück.

Dieser kreative Aspekt des Corporate Designs war früher nicht so stark ausgeprägt, oder?
Jaedicke: Vor zehn Jahren hatte Corporate Design tatsächlich stärker eine verwalten­de Funktion, da ging es mehr um das Erstellen von Manuals. Natürlich muss es auch heute bestimmte Basiselemente und ein paar Regeln geben, aber bis ins kleins­te Detail alles festzulegen, macht überhaupt keinen Sinn mehr. Auf den Social-Media-Kanälen kann ich kaum noch kontrollieren, wie meine Marke aussieht. Wel­che Medien und Schnittstellen es in ein paar Jahren geben wird, können wir ja jetzt noch nicht absehen.

Wir gestalten aber jetzt schon für diese Medien, wenn wir heute ein neues Corporate Design entwickeln. Daher werden PDF-Manuals ersetzt durch möglichst wenige, einfache Designprinzipien und -elemen­te, die medienübergreifend funktionieren. Die­se Elemente können beispielsweise in GUI-Kits, sprich Graphical-User-Interface-Kits, bereitgestellt werden, die sich flexibel für unterschiedliche Devices einsetzen lassen und so jedes Interface der Marke unverwechselbar machen.

Immer wichtiger werden auch die Werte einer Brand, die Frage, welche Haltung sie einnimmt. Wenn zukünftig Chatbots mit dem Kunden sprechen, sind Dinge wie Mar­kenverhalten wichtiger als strenge De­signvorgaben. Allerdings bin ich zuversichtlich, dass es auch weiterhin genug visuelle Schnittstellen geben wird, die Designer gestalten können.

Welches war bislang dein spannends­tes Projekt?
Jaedicke: Vielleicht das Rebranding der gro­ßen Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gewobag. Es hat wirklich Spaß gemacht, diesem Unternehmen ein neues, modernes, modulares und farbenfrohes Gesicht zu geben. Auch weil man es in ganz Berlin sieht. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin und gebrandete Niederlassungen oder Pla­kate sehe, bin ich schon stolz.

Und an was für einem Projekt würdest du gerne mal arbeiten?
Jaedicke: Schon im Studium habe ich davon geträumt, eine Fluggesellschaft komplett durchzubranden. Ein von mir entwickeltes Logo auf der Tragfläche – das hätte was.

 


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Das machen Service Designer bei SinnerSchrader

Wir interviewten Amy Chan und Silke Junker-Mirshahi, die im Service Design bei der Digitalagentur SinnerSchrader in Hamburg arbeiten …

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Silke Junker-Mirshahi & Amy Chan

Amy Chan und Silke Junker-Mirshahi, beide 36, arbeiten im Service Design der Digitalagentur SinnerSchrader in Hamburg, jedoch mit unterschiedlichen Profilen und Aufgaben. Wir fragten sie, was es braucht, um ein guter Service Designer zu sein, und was der Job mit sich bringt.

PAGE: Welche Ausbildung habt ihr gemacht?
Amy Chan: Ich habe an der University of Technology in Sydney Visuelle Kommunikation studiert und als Designerin gearbei­tet. Dann bin ich ins Marketing bei Sony gewechselt und habe danach in verschie­de­nen Agenturen gearbeitet. Meistens ging es bei meiner Arbeit um die Planung und Strategie von klassischer und digitaler Wer­bung. Bei der Londoner Digitalagentur Me­dia­Com saß ich in der Innovationsabteilung. Dort habe ich das sich verändern­de Konsumentenverhalten im Umgang mit neuen Technologien erkundet und analysiert, welche Möglichkeiten sich hier für neue Services und Kommunikationsfor­men ergeben.

»Ich wollte digitale Services und Plattformen gestalten, die Menschen echten Mehrwert bringen« Amy

Wie kamst du dann zum Service Design – und nach Hamburg?
Chan: Ich war die Konzeption von Kom­mu­nikationsstrategien leid. Stattdessen woll­te ich digitale Services und Plattfor­men ge­stalten, die Menschen echten Mehrwert brin­gen. Werbung bewegt sich auf einem sehr emotionalen Level, während Service Design wirklichen Nutzwert bietet und eine andere Verbindung mit dem Kunden schafft. Nach Hamburg hat mich die Liebe geführt. Ein Freund in London machte mich auf SinnerSchrader und ihre NEXT Conference aufmerksam, und mir wurde schnell klar, dass die Agentur perfekt zu mir und der Richtung, die ich einschlagen wollte, passt. Die Agentur suchte zu diesem Zeitpunkt gerade ei­nen Strategen, und nach ei­nem ersten Vor­stellungsgespräch via Skype konnte ich direkt anfangen, als ich nach Hamburg kam.

Silke, du hast ursprünglich Archi­tek­tur studiert. Wie bist du im Service Design gelandet?
Silke Junker-Mirshahi: Ich habe schnell nach mei­nem Studium gemerkt, dass mir die Arbeit als Architektin nicht reicht. Mir haben die Schnelligkeit und der eigene Ge­staltungsfokus gefehlt, die es im Studium noch viel stärker gab. Daraufhin habe ich zunächst die Öffentlichkeitsarbeit des Architekturbüros übernommen, bei dem ich arbeitete, und nebenher Kommunikations­designkurse an der Hochschule Darmstadt be­legt. Ich wechselte dann zu einer Agentur für integrierte Kommunikation, wo ich im Design, im Konzept und im Projektma­nagement tätig war. SinnerSchrader lernte ich durch die Zusammenarbeit der beiden Agenturen kennen und war gleich begeis­tert. Schließlich brach ich meine Zelte in Hessen vollständig ab, kam nach Hamburg und fing in der Konzeption bei SinnerSchrader an.

»Werbung bewegt sich auf einem sehr emotionalen Level, während Service Design  wirklichen Nutzwert bietet« Amy

Warum gerade in der Konzeption?
Junker-Mirshahi: Architekten konzipieren Häuser in ihrer ganzen Komplexität. Sie müssen nicht nur daran denken, welche Raumerlebnisse ein Gebäude seinen Nutzern bieten soll, sondern auch daran, welche funktionalen, rechtlichen und techni­schen Anforderungen eingehalten werden müssen, beispielsweise bei Fluchtwegen oder der Anzahl von Sanitäranlagen. Von daher war ich schon gut ausgebildet darin, ganzheitlich zu planen. Auch Konzepter im digitalen Umfeld müssen sehr strategisch mit Komplexität und Abstraktion um­gehen können, vor allem im Bereich User Experience.

Empfindet ihr euch selbst als Service Designer?
Chan: Service Design ist Teil meines Jobs, aber ich bin eher Stratege. Die Disziplin an sich hat sich erst in den vergangenen fünf Jahren richtig herausgebildet, und es gibt bisher kaum ausgewiesene Aus­bil­dungs­we­ge. Aus diesem Grunde kommen im Ser­vice Design Leute mit den unterschied­lichs­ten Hin­tergründen zusammen – darunter Designer, UX Designer, Strategen, Texter oder auch Psychologen.

Das ist das Tolle an Service Design: Es ist nicht auf eine Sichtweise festgelegt. Natür­lich muss man sich auch hier an einen methodischen Prozess halten, aber prin­zi­piell kann jeder mit einem offenen, krea­tiven Mindset daran mitwirken. Gegenwär­tig bil­den sich neue Ausbil­dungs­an­ge­bote heraus – zum Beispiel an der Royal Academy of Arts in London oder am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Ich denke, das wird in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen.

»Man muss ein Teamplayer sein, der Diversität als Bereicherung begreift und grund­sätzlich positiv denkt« Silke

Junker-Mirshahi: Ich sehe mich ganz klar als Service Designerin. Letztlich ist jedes di­gitale Interface eine Art Service-Front­end. Das Spannende im Service Design ist, dass man größer denkt und designt. Die Grund­prinzipien und Methoden sind die gleichen wie im Bereich User Experience.

Welche Kompetenzen muss ein Service Designer mitbringen?
Chan: Empathie ist ein ganz wichtiger Fak­tor. Als Stratege sollte man natürlich auch das Businessmodell und das Marktumfeld des Auftraggebers verstehen, damit man Serviceökosysteme entwickeln kann, die zum Geschäft passen. Recherche ist ein äußerst wichtiger Teil unserer Arbeit. Wir sam­meln Informationen aus allen mögli­chen Quellen, wie Studien, Marktforschun­gen und Unternehmenshistorien, und filtern daraus die Schlüsselinformationen für das jeweilige Projekt heraus.

Menschen, die Recherche vernachlässi­gen, finde ich ignorant. Niemand kann genau wissen, was Kunden wollen. Das fängt schon beim Altersunterschied an. Auch ich kenne mich nicht mehr in der Lebenswelt einer 20-Jährigen aus. Das Konsumentenverhalten hat sich in den letzten Jahren dermaßen rasant verändert, dass man potenzielle Nutzer immer wieder aufs Neue befragen und untersuchen muss. Wenn man auf diesen sehr wichtigen Co-Creation-Prozess verzichtet, basiert die ge­samte strategische Arbeit nur auf den eigenen Annahmen und Werten.

»Wir kreieren keine Kampagnen, die am nächsten Tag wieder vergessen sind, sondern nützliche und durchdachte Services« Amy

Junker-Mirshahi: Man braucht zudem ein großes Maß an Experimentierfreude sowie schöpferisches Denken und Kreativität, um die versteckten Bedürfnisse zu identifizieren und immer wieder in komplett neue Richtungen zu denken. Zugleich muss man als UX-Konzepter strukturiert denken, alle Aspekte in Betracht ziehen und auf die wichtigsten Funktionen herunterbrechen – also abstrahieren und ver­einfachen. Da man als Service Designer sowohl mit dem Endkunden als auch mit dem Auftraggeber direkt zu tun hat, ist es wichtig, dass man seine Gedanken und Ideen verständlich präsentieren kann. Und man muss ein Teamplayer sein, der Diversität als Bereicherung sieht und grundsätzlich positiv denkt.

Welche Tools sind wichtig?
Chan: Als Stratege muss man die Recherche am Bildschirm beherrschen. Wir lesen eine Menge Studien und Businessanalysen und erstellen sogar eigene Untersuchungen, etwa zur digitalen Affinität der »NEXT Generation«.

Junker-Mirshahi: In Sachen Konzeption sind sämtliche Visualisierungstechniken und -ma­terialien ein Muss. Außerdem soll­te man mit Axure oder einem anderen gän­gigen Prototyping-Tool wie Proto.io, Avocado oder Flinto umgehen können, um ein sogenanntes Minimum Viable Product erstellen zu können. Diese Dummys haben gerade genug Features, um mit Usern zu testen, ob das Produkt am Markt Bestand haben könnte. Diese Erkenntnisse verhindern Kosten und Risiken.

Wie arbeitet ihr zusammen? Wo überschneiden sich eure Bereiche?
Chan: Die anfängliche Recherche liegt vor allem bei mir. Wenn die abgeschlossen ist, initiiere ich den Kick-off des Projekts. Ab diesem Zeitpunkt arbeiten wir zusammen, erstellen Personas und Customer Journeys und veranstalten Workshops. Dabei nehmen wir unsere unterschiedlichen Perspek­tiven ein: Mir geht es hauptsächlich um Businessaspekte, und Silke hat die Nut­zer­sicht im Blick.

Junker-Mirshahi: Sobald es um die kon­kre­te Service­idee geht, die entworfen und gescribbelt werden soll, sind die Konzepter gefragt. Der Stratege checkt das Ergebnis mit Blick auf die Frage, ob es zum Markt, zum Auftraggeber und in seinen Un­ter­neh­menskontext passt. Bildlich gesprochen rich­te ich das Mikroskop auf den Nutzer, während Amy einige Meter höher fliegt und sich ein Bild von der umgebenden Situation im Umfeld des Auftraggebers verschafft.

Wie kommen bei euch Aufträge für Service Design rein?
Chan: Von einigen Kunden haben wir lang­fris­tige Beratungsaufträge. Wir informieren sie, wenn uns Trends auffallen oder sich Umwälzungen am Markt ankündigen. Wir beobachten für sie, wie sich das Kon­sumen­tenverhalten verändert und wie die Vielzahl an unterschiedlichen Geräten oder Mak­rotrends wie die Share Economy, autonomes Fahren oder Artificial Data Intelligence ihren Markt beeinflussen. Aus die­ser Betrachtung heraus können sich dann Projekte und Aufträge ergeben.

»Sind wir bei der Umsetzung dann noch in die Change-Prozesse im Unternehmen ein­gebun­den, wird es richtig spannend« Silke

Junker-Mirshahi: Die meisten Kunden tre­ten mit konkreten Projektanfragen an uns heran, die wir individuell, aber immer nach unserem Service-Design-Modell bearbeiten: Recherche, Ideenentwicklung, Prototyping und Evaluation (siehe »Der Service-Design-Prozess«).

Was fasziniert euch an eurem Job?
Chan: Ich finde es immer wieder großartig, unsere Rechercheergebnisse zu nutzen, um einen realen Mehrwert für die Nutzer zu ge­nerieren. Wir kreieren keine Kam­pa­gn­en, die am nächsten Tag wieder vergessen sind, sondern nützliche und durch­dach­te Services, die idealerweise auch noch Spaß machen.

Junker-Mirshahi: Mich fasziniert vor al­lem, was aus der direkten Interaktion mit Nutzern, Experten und Kunden entsteht. Das interdisziplinäre Potenzial dieser Co-Creation ist unglaublich!

Was waren bisher eure spannendsten Projekte?
Junker-Mirshahi: Das sind eher Projek­te, über die wir nicht sprechen dürfen. Da geht es beispielsweise um interne Softwa­re­sys­teme, die teilweise vollkommen krude Interfaces und verrückte Shortcuts aufweisen. In die­se Welt muss man tief eintauchen, um wirk­lich zu verstehen, was die Nutzer wollen und brauchen. Das ist wie Gehirnjogging! Wenn wir bei der Umsetzung dann noch in die Change-Prozesse im Unterneh­men ein­gebunden sind, wird es besonders spannend.

Welches Projekt würdet ihr als Ser­vice Designer gerne mal umsetzen?
Junker-Mirshahi: Ich finde es spannend, in großen Konzernen etablierte Silos zu überwinden und dort gemeinsam nachhal­tige Services zu schaffen, um das alltägli­che Arbeiten zu verbessern.

Chan: Ich würde gerne mal an einer konkreten Anwendung für wohltätige Zwecke arbeiten und habe da auch schon eine Idee für einen Service im Kopf.

 


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Das macht ein Motion Designer bei Deli Creative Collective

Wir interviewten Pascal Reitz, der seit vier Jahren bei Deli Creative Collective in Hamburg als Motion Designer arbeitet …

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Pascal Reitz, Motion Designer beim Bewegtbildstudio DELI Creative Collective in Hamburg

Eine entspannte Grundhaltung, Sinn für Humor, Zeichentalent und Freude daran, kleine animierte Figuren herumspringen zu lassen – ungefähr so lassen sich die Eigenschaften zusammenfassen, die Pascal Reitz, 31, für seinen Job als Motion Desig­ner bei DELI Creative Collective mitbrach­te. Als wir mit ihm sprachen, nahte gerade sein vierjähriges Jubiläum bei dem Hamburger Studio. So viel sei vorausgeschickt: Gelangweilt hat er sich seither nicht.

PAGE: Wolltest du von Anfang an Motion Designer werden? Und bringst du von der Hochschule eine entsprechende Ausbildung mit?
Pascal Reitz: Nicht wirklich. Studiert habe ich an der Hochschule für Bildende Küns­te Braun­schweig, da wurden eher Themen wie Buchgestaltung groß geschrieben. Wo­zu ich keinen rechten Hang hatte . . .

»Mein Stil ist Comic-artig, quietschbunt und lustig«

Nach den Einführungskursen in die verschiedenen Pro­gramme habe ich selbst meine Kenn­tnis­se dort vertieft, wo es mich interessierte: bei der 2D-Animation mit After Effects und ersten Grundlagen von Cinema 4D. Im Hauptstudium habe ich mich in drei großen Projekten auf Animation kon­zentriert. Zum Glück gab es die nötige Hard- und Software – von anderen Hochschulen hörte man, dass die Studen­ten sich die Rechner teilen mussten. Oft hat Professor Ulrich Plank vom Institut für Me­dienforschung die Arbeiten mitbetreut. Er wusste immer, welche Program­me wo nötig waren.

Wie kamst du von Braunschweig nach Hamburg?
Reitz: Anfangs habe ich mich relativ breit bei Kreativagenturen beworben, dann habe ich mich auf Hamburg und Motion Design beschränkt. Ein Bekannter hatte eine Liste passender Studios. Bei DELI klappte es mit einem Job. Schon beim ersten Telefonat fand ich den Laden sympathisch. Es hieß, ein gewisser Michael »will mit dir re­­den«. Ich habe dann erst vor Ort erfahren, dass er der Geschäftsführer ist.

Was für ein Portfolio hattest du beim Vorstellungsgespräch bei DELI vorzuweisen?
Reitz: Sehr viele kleine Animationen. Ich hatte vorher nebenbei für eine Firma ein wenig in Richtung Imagefilm gearbeitet. Außerdem gab es ein animiertes Musikvideo für einen Berliner Underground-Rapper. Während eines Auslandssemesters in Belfast waren weitere freie Projekte ent­stan­den. Da kam schon einiges zusammen. Fast alles sehr experimentell, aber es reich­te, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

»Ich musste lernen, schneller zu werden, und das schwel­ge­ri­sche studentische Ar­bei­ten loswerden. Von den alten Hasen habe ich gelernt, wie man die Program­me effek­tiver nutzt«

Wie fühlte sich dann das »echte« Arbeitsleben bei DELI an?
Reitz: Dass ich zeichnen kann, kam schon mal sehr gut an. Ich wurde sofort fürs Storyboarding eingesetzt und konnte dabei viel lernen. Im Studium lässt man Storyboards gern mal weg, weil man schnell anfangen will. After Effects und Cinema 4D kannte ich ja schon, meine Character-Ani­mationen waren gern gesehen. Aber ich musste schneller werden, das schwelgeri­sche studentische Arbeiten loswerden.

Wie hast du das geschafft?
Reitz: Wenn der Producer nach einem Tag an den Tisch kommt und sich wundert, was man die ganze Zeit gemacht hat, merkt man, dass man vielleicht zu detailliert, zu umständlich arbeitet. Ich hatte mir das meis­te ja selbst beigebracht. Von den alten Hasen habe ich gelernt, die Program­me effektiver zu nutzen.

Ist das Arbeitsleben in der Medienbranche so stressig, wie oft behaup­tet wird?
Reitz: An der Hochschule gab es viele, die keine Lust auf eine Agentur hatten, sondern ihr eigenes Ding machen wollten. DELI jedenfalls ist ein entspannter Laden, man geht fair mit der Arbeitszeit um. Natürlich sind Überstunden je nach Auftrags­lage manchmal selbstverständlich. Aber das wird weniger, je professioneller man selbst seine Zeit einteilt.

Welche Eigenschaften sollte man für den Job als Motion Designer mitbringen?
Reitz: Gelassenheit und die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen. Man arbeitet ja nicht nur am Computer und das war’s. Mit dem Kunden, der manchmal neben einem sitzt, muss man ebenso kommunizieren wie im Team. Wenn einem bestimmte Arbeitsschritte weniger liegen, sollte man nicht einen Tag lang herumprobieren, son­dern diese Aufgabe lieber abgeben – und entweder selbst wissen, an wen, oder es mit dem Producer besprechen. Und man muss sein Ego immer wieder zur Seite packen können. Es geht nicht darum, Bilder zu produzieren, die man selbst schön findet, sondern darum, effektiv zu arbeiten.

Wie oft hast du direkt Kontakt mit Kunden, und wie gestaltet sich das?
Reitz: Wenn die Kunden nicht in Hamburg sind, gibt es relativ oft Telefonkonferen­zen. Meistens schicken wir ihnen Entwürfe oder Arbeitsergebnisse, und besprechen die­se telefonisch. Da können von jeder Sei­te zwei oder drei Leute beteiligt sein, manch­mal auch mehr, wenn etwa noch die Kreativdirektorin und 3D-Spezialisten dabei sein müssen.

Empfindest du deine Arbeit eher als technisch oder eher als kreativ?
Reitz: Das hält sich ganz gut die Waage. Manchmal haben die Agenturen als Auftraggeber schon sehr genaue Vorstellun­gen, in anderen Fällen kann man den Look mitbestimmen. Wenn man weiß, dass bald wieder eine nette Aufgabe in den Startlöchern steht, hilft einem das durch Dürrephasen und man beißt sich bei nicht ganz so spannenden Aufgaben durch.

»Motion Designer werden auch bei der Kalkulation zurate gezogen, um beim Kunden ein ver­nünf­tiges Angebot abzu­geben«­­

Was sind deine Vorlieben?
Reitz: Mein Stil ist eher Comic-artig, lus­tig und quietschbunt – solche Jobs landen mit großer Wahrscheinlichkeit auf mei­nem Tisch. Gleich zu Anfang hatte ich ein nettes Projekt für das Schauspielhaus Ham­burg mit viel Character-Animation. Die Fi­guren waren von einem holländischen Illustrator vorgegeben, aber ich durfte al­les drumherum gestalten. Das war im ers­ten halben Jahr ein sehr guter Start.

Welche Projekte waren seither Highlights?
Reitz: Zum Beispiel der Spot für die Stadtwerkzeug-App der Stadtwerke Düsseldorf. Lustigerweise musste ich sogar für die ers­ten Testshots als Model herhalten – wir be­nötigten jemanden, der mit einem Smart­phone die Hände bewegt, die später mit den Animationen interagieren soll­ten. Wir hatten zu Anfang zwei Designrouten entwickelt. Eine Cartoon-Version ohne Realfilm, die wir dem Kunden als Variante B anbieten wollten, habe ich gemacht. Für den Ab­­schnitt über die Veranstaltungs­tipps der App habe ich recherchiert, was in Düsseldorf alles los ist, und in Photoshop und Cinema 4D den Styleframe für eine kleine Theaterbühne mit einer Aufführung von Shakespeares »Romeo und Julia« gebaut.

Zwischenfrage: Kannst du kurz den Begriff Styleframe erklären?
Reitz: So bezeichnet man bei Animations­projekten Bilder, mit denen man dem Kun­den grob die Stilrichtung zeigt.

Welche Aufgaben fielen noch beim Spot für die Stadtwerkzeug-App an?
Reitz: Ich habe zum Beispiel auch an einer Parkhauslandkarte mitgearbeitet, die sich entfaltet. Bei einem Film mit 2D- und 3D-Elementen ist es interessant zu entscheiden, wann man welche Software verwendet, ob man alles im 3D-Programm macht oder wann man After Effects einsetzt. An anderer Stelle musste man überlegen, wie sich eine Discokugel gestalten lässt, die nicht nur leuchtet, sondern auch ein wenig Partystimmung verbreitet. Gar nicht so einfach in der Kürze der Zeit.

Mit welchen deiner Kollegen hast du beim Produktionsprozess besonders häufig zu tun?
Reitz: Permanent mit dem jeweiligen Producer, denn er fungiert als Schaltzentrale, die dem Kunden neue Arbeitsergebnisse hinüberflankt. Der Producer hat auch das Timing im Auge. Am Anfang hat es für mich das magische Handwerk des Motion Designs fast entzaubert, dass er so genau weiß, wie lange ich für etwas brau­che. Wir Motion Designer werden aber auch bei der Kalkulation zurate gezogen, um beim Kun­den ein vernünftiges Angebot abzugeben. Je nach Projekt gibt es mehr oder weniger Kontakt mit dem Regisseur und dem Kreativdirektor. Und natürlich tauschen wir Motion-Grafiker uns aus. Vielleicht hat der Kollege ja vor einem halben Jahr ein ähnliches Problem wie das gelöst, das einen selbst gerade beschäftigt.

Mit welchen Tools arbeitest du?
Reitz: Überwiegend mit After Effects als der gängigen Software für 2D-Motion-De­sign und Komposition sowie mit Cinema 4D für 3D-Animationen. Photoshop und Illustrator nutzen wir, wenn Bilder geschaf­fen werden müssen, etwa noch unbeweg­te Styleframes. Figuren skizziere ich meist zuerst mit der Hand auf Papier und scanne sie ein. Von Hand arbeite ich auch, wenn ein entsprechender Look gewünscht ist. Beispielsweise bei einem Erklärfilm für ültje, wo die Strichstärke nicht ganz konstant sein sollte, oder einem Film für den Schreibwarenhersteller Leuchtturm1917, der in einem Notizbuch spielt. Für den Spiel­film »Unfriend« war ein Aquarell-Look mit hier und da schmutzigen Ecken gefragt, den wir ebenfalls zuerst auf Papier fertigten.

Was ist das für ein Film?
Reitz: Ein Horrorthriller von Simon Verhoeven. Wir hatten schon bei Werbespots mit ihm als Regisseur gearbeitet. »Unfriend« war eine Produktion mit Warner Brothers und wurde in Südafrika gedreht. Wir steuerten Bilder für eine Sequenz bei, in der es um das gruselige Facebook-Profil eines toten Mädchens geht. Es war ein interessantes Hin und Her zwischen dem Regisseur und uns. Die Filmleu­te, die normalerweise nicht mit Anima­tion arbeiten, haben uns an ihre Vision herangeführt und wir sie umgekehrt an die Animation.

Und dann habt ihr »Unfriend« natürlich im Kino angeschaut.
Reitz: Es war toll, das auf der großen Lein­wand zu sehen und im Abspann zu stehen! Wir haben nett mit den Kollegen und ein bisschen Sekt im Kino gesessen.

Welche Karrierechancen hat man als Motion Designer?
Reitz: Ein Ziel wäre wohl Kreativdirektion oder Regie, also mehr in Richtung Krea­tion und weniger in der Umsetzung zu arbeiten. Nur Konzepte zu machen und gar nicht mehr am Computer herumzuschrau­ben, ist allerdings nicht jedermanns Sache. Für mich gibt es erst mal genügend Herausforderungen, sei es durch immer wieder neue große Kunden oder durch DELIs Partnerschaft mit den Animations- und Ef­fektspezialisten von Gravity in Tel Aviv. Es war spannend zu sehen, wie dort aus meinen Bleistiftzeichnungen hochauflösende 3D-Figuren entstanden.

Und was machst du heute noch?
Reitz: Ich gehe zu den Pixelists – einem Treffen von Motion Designern, das regelmäßig in der FilmFabrique am Hamburger Hafen stattfindet. Etwa vergleichbar mit dem Berliner Animations- und Motion-Graphics-Meeting Faux Images.

Hast du selbst dort auch schon Projekte vorgestellt?
Reitz: Ja, ich habe ein wenig von Neben­bei­projekten erzählt. Zum Beispiel habe ich zu Ostern mal eine kleine Animation na­mens »The Eggxorcist« entwickelt, die wir an Kunden und andere Freunde des Hau­ses geschickt haben. Manche von uns drehen in der Freizeit Musikvideos, und wir hel­fen uns gegenseitig. Kürzlich hat ein Producer einen Clip mit der Hip-Hop-Band Neonschwarz hier im Schanzenviertel an der Roten Flora gedreht. Ich habe den Film mit animierten, Cartoon-artigen Ele­men­ten wie Speedlines versehen, die die Be­wegungen der Bandmitglieder begleiten.

Du hast also noch keine Sehnsucht nach einer dieser »Lücken im Lebenslauf«, für die sich Neonschwarz in ihrem Song stark machen?
Reitz: Nein, dazu kann man es hier zu gut aushalten!

 


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