Kategorie-Archiv: Informationsdesign

Wieso man sich bei der Arbeit manchmal quälen sollte…

… haben wir bei unseren PAGE Job Talks auf der TYPO erfahren. Hier gibt’s alle drei Interviews im Video zu sehen!

Jasmin Fayad, UX-Designerin bei Aperto. Foto: © Gordon Schirmer

Was macht eigentlich eine UX-Designerin genau? Wie wird man Informationsdesigner? Und was genau ist Product Design? Diese und viele weitere Fragen stellen wir in dem neuen Gesprächsformat Job Talks im Rahmen unserer Initiative Connect Creative Competence.

Auf der TYPO Berlin 2018 sprachen wir mit drei Kreativen aus den Bereichen UX Design, Informationsdesign und Service Design. Wer nicht live dabei war, kann sich nun die Videos der Gespräche ansehen – viel Spaß!


»UX Design bezieht den Nutzer mit ein«

Jasmin Fayad, UX Designerin bei Aperto in Berlin, erklärt, wann und warum sie gern ganz analog mit Post-its arbeitet und was sie an der Arbeit für eine IBM-Agentur reizt – Stichwort: Watson. Sie erläutert, welche Rolle die Künstliche Intelligenz in ihren Projekten spielt und was an ihrem Job manchmal so richtig nervt. Das Intro für unsere Job Talks übernahm freundlicherweise Johannes Erler!


Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Connect-Kompendium »Das macht ein UX Designer bei Aperto – An IBM Company«.
Hier downloaden!


»Als Informationsdesigner muss man neugierig sein«

Jan Schwochow, Gründer und Geschäftsführer der Infographics Group in Berlin, erzählt, inwiefern man als Informationsdesigner journalistisch arbeitet, wie das Berufsfeld in den Zeiten vor Google Maps aussah – und wieso man sich manchmal quälen sollte. Außerdem gibt er einen Ausblick auf das Informationsdesign der Zukunft und welche Rollen AR und VR dabei spielen könnten.


Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Connect-Kompendium »Das macht ein Informationsdesigner bei der Infographics Group«.
Hier downloaden!


»Für uns geht es immer darum, Lösungen für Probleme zu gestalten«

Silke Junker-Mirshahi, Executive Director Facilitation und Enablement bei SinnerSchrader, Hamburg, berichtet vom Berufsfeld Product Design – und davon, wie sie als Quereinsteigerin aus dem Architekturberuf in der Agenturwelt gelandet ist. Sie erzählt von den vielseitigen Aufgaben und Tools ihres Berufsalltags und warum Abstraktionsvermögen dabei so wichtig ist.


Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Connect-Kompendium »Das macht ein Service Designer bei der Infographics Group«.
Hier downloaden!


Auch beim ADC Festival fanden unsere Job Talks statt – zu den Themen Virtual Reality Design, Interaction Design und Infomationsdesign. Hier geht’s zu den Videos.


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Sind Frauen die besseren Programmierer?

Sehen Sie im Video, was Senior Creative Engineer Christopher Baumbach dazu sagt!

© Christian Augustin/Getty Images for ADC

Was ist der Unterschied zwischen UX und Interaction Design? Mit welchen Tools arbeitet ein Informationsdesigner? Wie wird man Virtual Reality Designer? Diese und viele weitere Fragen stellen wir in dem neuen Gesprächsformat Job Talks im Rahmen unserer Initiative Connect Creative Competence.

Auf dem ADC Festival 2018 in Hamburg sprachen wir mit drei Kreativen aus den Bereichen Interaction Design, Informationsdesign und Virtual Reality Design. Wer nicht live dabei war, kann sich die Gespräche nun als Videos anschauen. Viel Spaß!

 

»Interaction Design ist eine breit
gefächerte Disziplin«

Daniel Kränz, Head of Interaction Design bei deepblue networks in Hamburg, erklärt sein mentales Modell der »Kränz’schen Pyramide« und berichtet, wie er das Interaction-Design-Team in der Agentur mitaufgebaut hat und warum Interdisziplinarität bei dieser breit gefächerten Disziplin so wichtig ist. Bei deepblue begleiten Interaction Designer den Produktentwicklungszyklus von A bis Z – von Strategie über Konzeption, Design und Entwicklung bis hin zum Launch. Programmieren können muss man übrigens nicht – aber man sollte wissen, was prinzipiell möglich ist.

Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Connect-Kompendium »Das macht ein Interaction Designer bei deepblue networks«. Hier downloaden!

 

»Informationsdesigner haben keinen
typischen Arbeitsalltag«

Jan Schwochow, Gründer und Geschäftsführer der Infographics Group in Berlin, erläutert, warum man sich als Informationsdesigner auch mal quälen muss, um gute Ergebnisse zu erzielen und wie wichtig Leidenschaft für den Beruf ist. Als Informationsdesigner muss man sich die Dinge, die man visualisieren soll, aneignen und sie durchdringen. Das erfordert viel Recherche und Abstraktionsvermögen. Jeder Auftrag ist anders, jeder Tag ist anders – ein spannendes Berufsbild!

Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Connect-Kompendium »Das macht ein Informationsdesigner bei der Infographics Group«. Hier downloaden!

 

»Virtual Reality sehe ich vor allem
in der Unterhaltungsbranche«

Christopher Baumbach, Senior Creative Engineer bei Demodern in Hamburg, gibt Einblicke in seinen Werdegang als Autodidakt und seinen Arbeitsalltag, in dem er Kreativität und Technik verbindet. Für die coolen VR-Projekte von Demodern arbeitet er im Team mit 3D-Artists, UX und Screen Designern, Projektmanagern und Creatve Directors zusammen. Sein Appell an weibliche Entwicklerinnen: »Ihr könnt das genauso gut wie Männer – vielleicht sogar besser!«

Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Connect-Kompendium »Das macht ein Virtual Reality Designer bei der Interactive Media Foundation und Demodern«. Hier downloaden!

 


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InformationsdesignCCCIGG17
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Informationsdesign – Studium und Ausbildung

Professor Tom Duscher von der Muthesius Kunsthochschule in Kiel erklärt, warum Informationsdesign ein wichtiges Zukunftsfeld für Designer ist …

 

In diesem Video erklärt Professor Tom Duscher von von der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, warum es sich lohnt Informationsdesigner zu werden, welche falschen Annahmen über das Tätigkeitsfeld kursieren und was man mitbringen muss, um in der Disziplin erfolgreich zu sein.

Gute Gründe, sich auf Informationsdesign zu spezialisieren

 

»Daten alleine sind noch keine Information. In unserer modernen Kommunikationsgesellschaft sind wir heute von Daten aller Art umgeben. Um hier durchzublicken, ist Visualisierung unbedingt notwendig. Dafür braucht es gut ausgebildete Designer. Ich meine sogar, dass aus Daten erst durch Visualisierung Informationen werden.

Wir haben in Kiel in der Wissenschaft ein interessantes und sinnstiftendes Thema für innovatives Informationsdesign gefunden – zum Beispiel die Ergebnisse der Meeresforschung an die Gesellschaft zu vermitteln. Hierfür haben wir ein interaktives wissenschaftliches Poster entwickelt, das die Wissenschaftler dabei unterstützt, ihre Forschungsthemen lebendiger und nachvollziehbarer zu präsentieren. Die Herausforderung besteht darin, Informationen und komplexe Zusammenhänge in eine anschauliche und bildhaft wahrnehmbare Form zu übersetzen.

Interaktion ermöglicht aktives Verstehen. Wenn man Informationen nicht nur statisch betrachtet, ergeben sich viele neue Möglichkeiten in der Gestaltung. Hierfür erstellen wir Animationen, Karten und Grafiken, aber auch räumliche experimentelle Installationen. Interaktivität ermöglicht es, Informationen zu filtern, Perspektiven zu wechseln und eine individuelle Auswahl zu treffen.

Hinzu kommt, dass dynamische Informations- oder Datenvisualisierungen sich auf aktuelle Werte sogar in Echtzeit beziehen können und so die Dynamik unserer wandelnden Gesellschaft am besten ausdrücken können.

Designer, die es verstehen, Wissen zu gestalten, sind schon heute – und erst recht in Zukunft – gefragte Spezialisten und Visualisierungspartner. Und das nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch zunehmend in der Wissenschaft.

Hier kommt dem Design eine besondere Bedeutung zu. Und es ist – wie ich finde – auch eine sehr sinnstiftende Aufgabe, nämlich nicht nur an der ästhetischen Oberfläche zu gestalten, sondern neue Einblicke in Wissensthemen zu ermöglichen und zu einem besseren Verstehen unserer Welt beizutragen.

Oft wird Informationsdesign ja sehr dekorativ und modisch betrachtet und Grafiken und Datenvisualisierungen, die sehr cool und komplex aussehen, machen zwar Eindruck, helfen aber nicht, die Dinge besser zu verstehen.

Im Master-Schwerpunkt Interaktives Informationsdesign interessieren wir uns für beides: Wie kann man komplexe Themen zeigen und elegant gestalten – und dennoch zu einem besseren Verständnis beitragen?

Zusammengefasst lässt sich also sagen: Die besten Studenten im Informationsdesign sind neugierig, präzise und erfinderisch

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Informationsdesign in der Praxis

Martin Luthers Thesenanschlag jährt sich 2017 zum 500. Mal. Zu diesem Anlass gestaltete die Infographics Group fürs Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie die umfangreiche digitale Ausstellung »Here I Stand«.

Posterfinale Creative Director Jakub Chrobok überprüft die letzten Details an einem der dreißig Poster.

Mit seinen 95 Thesen gegen den Ab­­lass­handel begründete Martin Luther 1517 die Reformation. Er läutete damit ein­schnei­dende historische Ver­än­de­rungen ein, die unsere Welt immer noch prägen. Dennoch wissen viele nur wenig über Luther und die Re­for­mation. Wie lässt sich die Fülle an Informationen über sein Leben, sein Wir­ken und seine Zeit an­sprechend darstellen? Wie eröffnet man im Di­gi­tal­zeit­al­ter den Zugang zu histori­schen Quellen auf spannende Weise? Wie be­geistert man eine jun­ge Zielgrup­pe mit einer recht kur­zen Auf­merk­sam­keitsspanne für Geschichte?

Zum 500-jährigen Reformationsju­bi­lä­um ließ sich das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt mit dem Deutschen Historischen Museum in Berlin und weiteren Partnern eine außer­gewöhnliche Antwort auf diese Fragen ein­fallen: eine digitale Luther-Ausstel­lung, für die man nicht ins Museum muss. Zusätzlich sollten dreißig Poster alles Wissens­wer­te über den berühmten Reformator darstellen – down­­loadbar, sodass man mit den ausgedruckten Plakaten sogar eine ei­ge­­ne kleine Schau organisieren könnte.

Von Anfang an war klar, dass Infografiken ein zentraler Bestandteil der Ausstellung sein sollten: Sie vermitteln Informationen ebenso anschaulich wie abwechslungsreich, benötigen nicht viel Text und ermöglichen auch jungen Betrachtern einen schnellen Zugang zu komplexen Themen. Infografiken funktionieren sowohl auf Plakaten als auch in Büchern und lassen sich in digitaler Form darüber hinaus mit Animatio­nen anreichern.

»Die Illustrationen sind modern, die Animationen involvieren den Betrachter zusätzlich. So schaffen wir es, auch junge Leute für Luther zu begeistern«
Jan Schwochow, Gründer und Geschäftsführer der Infographics Group in Berlin

»Hier stehe ich, ich kann nicht anders«

Als die Berliner Infographics Group von der Ausschreibung des Museums erfuhr, waren der Gründer und Geschäftsführer Jan Schwo­chow und sei­ne Mitarbeiter so­fort begeistert. »Uns faszinier­te, dass das Projekt alle Facetten unserer Arbeit um­fasste – von der Datenvisualisierung über Land­kar­ten und Illustrationen bis zu Animationen und 3D-Objek­ten«, so Jan Schwo­chow.
Diese Leidenschaft überzeugte den Auf­traggeber. Nach gewonnenem Pitch ar­bei­­teten die zwanzig Mitarbei­ter der Infographics Group ein Jahr an der Planung und Umsetzung des Projekts mit dem Titel »Here I Stand« aus dem angeblichen Schluss­­satz der Rede Luthers vor dem Reichs­tag zu Worms. Dafür nutzten sie ihre ganze Werkzeugkiste: von Ex­cel und diversen Google-Tools für die Projekt­pla­nung über Illustrator zum Skizzieren und Illustrieren bis OpenRefine und Sublime Text zum Programmieren der Daten­visu­a­lisie­run­gen, dazu Cinema 4D und Sketchfab für die 3D-Objekte, After Effects und ­Hype zur Animation, QGIS zur Er­stellung von Karten sowie klassische, keineswegs zu vernachlässigende Skiz­zen­bücher und Stifte für Scribbles und ­Entwürfe.

Die Infographics Group, 2007 als Golden Section Graphics gegründet, besteht größtenteils aus Informa­tions­­designern, die verschiedene Schwerpunkte von Illustration bis 3D-Animation haben und teils auch Data Visualists sind – also große Datenmengen mittels eigener Programmierungen individuell darstellen können. Zudem gehören zwei Projekt­manager dazu. Maßgeblich unterstützt wurde die Berliner Agentur bei diesem Projekt von wissenschaftlichen Mit­arbeitern des Deutschen His­torischen Museums, die den Großteil der Recherche übernahmen.

Kick-off: 30 Themen, unzählige Tools

In einem ersten Workshop sprachen das Projektteam des Museums sowie einige Teammitglieder der Infographics Group im Detail über die bereits festgelegten Themen für die Poster. Neben grundlegenden Aspekten wie der Herkunft Martin Luthers, seinen Aufenthaltsorten oder den politischen Geschehnissen dieser Zeit ge­hörten dazu auch die Konflikte zwischen den und die Netzwerke der Reformatoren, die damalige Rolle der Frau und die Visualisierung besonderer Ereignisse wie der berühmten Rede in Worms oder Luthers Bibelübersetzung.

»Der Fokus auf Infografiken ohne viel Text stand von vornherein fest – ergänzend wollten wir Animationen und 3D-Objekte einbinden«, erklärt Jan Schwochow. Alle Motive sollten auf Plakatformaten von A3 bis A1 funktionieren, aber auch für das Buch »Lutherbound« sowie die responsive »Here I Stand«-Microsite gestaltet beziehungsweise angepasst werden. Und das auf Deutsch und auf Englisch, da die Ausstellung in ihrer digitalen Form überall auf der Welt verständlich sein sollte. Später kamen noch viele weitere Sprachen hinzu.

»Die große Chance, alles zu zeigen, was wir können, reizte uns an dem Projekt sehr«
Jan Schwochow

Nachdem sie die vorgesehenen Themen genauer kennengelernt hatten, verschafften sich Jan Schwochow und sein Team zu­sammen mit den Mitar­bei­tern des Deutschen Historischen Museums einen Überblick über die vor­han­denen Informatio­nen: Ölgemälde, Holzschnitte, Kupfersti­che, Landkarten, Fotomaterial, Texte in Form von Briefen aus der Zeit und zahlreiche Bücher dienten als Quellen.

Daraufhin entwickelten die Informa­tionsdesigner der Infographics Group ers­te Skizzen und Konzepte. Eine der größten Herausforderungen dabei: Die enorme Vielfalt an Reformationsthemen trifft auf eben­so vielfältige Visualisierungs­mög­lich­kei­ten – doch was passt zusammen? Wo ist die Informationsmenge derart groß, dass eine Datenvisualisierung sinnvoll wä­re? Welcher Bereich eignet sich für Illustratio­nen, und an welcher Stelle könnte man Ani­mationen am bes­ten einsetzen?

In diesem frühen Stadium sind laut Jan Schwochow Bleistift-Scribbles hilfreich, mit denen die Designer ausprobieren, was passen könnte. So reifte zum Beispiel die Idee, Schlüsselszenen als Comic darzustel­len. Auf den Plakaten und im Buch bestehen die­se aus Bildfolgen, die die Informationsdesigner detailliert illustrierten. Für die Onlineversion verwandelten sie ihre Illustrationen über eingebundene Animationen in eine Scrollgrafik, sodass der Betrachter mit seiner Maus das Erzähl­tempo der Sequenz selbst vorgibt. Dafür nutzten sie Adobe After Effects und Edge Animate sowie Tumult Hype. Nach ersten Storyboards folgten Animationsstichproben in Animatics. Dann entwickelten sie Illustrationen und Figu­ren, die sich bewegen können. »Die Illustrationen sind modern, die Animatio­nen involvieren den Be­trachter zusätzlich. So schaffen wir es, auch junge Leute für Luther zu begeistern«, so Jan Schwochow. »Der Gedanke, mit dieser Ausstellungsform die ganze Welt zu erreichen, hat uns angetrieben.«

»Je nach Medium und dessen Größe muss ein Thema unterschiedlich erzählt werden, da der Lesefluss des Betrachters sich ändert«
Jan Schwochow

Recherche: alte Quellen, neue Wege

»Die Arbeit mit den historischen Quellen war herausfordernd für uns, da meistens keine Belegmaterialien zur Verifizierung existierten«, sagt Jonas Parnow, der als Informationsdesigner und Data Visualist an dem Projekt beteiligt war. »So gibt es beispielsweise etliche unterschiedliche Zeich­nungen von der Tür, an die Luther seine Thesen angeschlagen hat – wie sie wirklich aussah, lässt sich nicht herausfinden. Daraus entstand die Idee, eine Grafik mit den verschiedenen Darstellungen der Tür zu erstellen, um auf diese Art und Weise zu vermitteln, dass nicht alles eindeutig überliefert ist.«

Neben den Luther-Postern entstanden zwanzig 3D-Objekte, die nicht nur für die digitale Ausstellung gedacht waren, sondern sich auch mit einem 3D-Drucker produzieren lassen. Über einen Link zur 3D-Sharing-Plattform Sketchfab kann man zum Beispiel eine Ablasstruhe oder einen Krug aus dem 16. Jahrhundert ansehen und die Daten für den 3D-Druck bestellen. Die be­reitgestellten Objekte bearbeiteten die 3D-Experten der Infographics Group in ers­ter Linie mittels Cinema 4D. Damit erweiterten sie ihre Kenntnisse um die Gestaltung realer 3D-Objekte.
»Auch in Sachen Allgemein­bildung haben wir einiges dazugelernt«, freut sich Jan Schwo­chow. »Etwa wie damals eine Bibel entstand, dass Bücher in Fässern transpor­tiert wurden, wie sehr Luther die deutsche Sprache geprägt hat und wie die Welt um 1500 aussah. So versteht man Zusammenhänge, die man vorher nicht kannte.«

Manche Plakate erforderten mehr Detailverliebtheit als andere: Einer der In­for­mationsdesigner baute zum Beispiel die Stadt Wittenberg basierend auf alten Plänen nach. Dafür nutzte er ebenfalls Cinema 4D. »Allein für die Dächer haben wir Tage gebraucht«, berichtet Jan Schwochow. »Man hat ja lediglich alte Holzschnitte und Stadtansich­ten, nach denen man sich rich­ten kann.« Und doch entspricht gerade die­se Detailversessenheit einem der obers­ten Gebote der Infographics Group: dem gestalterischer Korrektheit.

Workflow: Viele Aufgaben, ein Ziel

Die Infographics Group arbeitete immer an mehreren Plakaten gleichzeitig – je nach Aufwand und Art der Visualisierung in Zweier- oder in Drei­erteams pro Poster so­wie mit ei­nem Hauptverantwortlichen. »Kla­re Struk­tu­­ren sind bei der Umsetzung großer und lang­wie­riger Projekte wichtig, sons­t wird es schnell unübersichtlich«, so Jan Schwochow.
Die Projektmanager organisierten sich hauptsächlich mit Google-Anwendungen und aus­ge­druckten Kalenderplänen, in de­nen sie auch die Zusammenarbeit mit dem Museumsteam koordinierten und fest­hiel­ten, wann welches Plakat fertig sein sollte. Denn parallel dazu arbeitete die Infographics Group auch an der Entwicklung der Microsite www.here-i-stand.com und der Adaption der Poster für diese.

Eine weitere Herausforderung bestand in den unterschiedlichen Formaten beziehungsweise in deren Anpassung: Pos­ter, Buch­doppelseite oder interaktive Web­visu­alisierung. Eine Infografik, die für ein DIN-A1-Pla­kat konzipiert ist, kann man nicht einfach auf ein Buchformat verkleinern. »Je nach Medium und dessen Größe muss ein Thema ganz unterschiedlich erzählt werden, da der Lesefluss des Betrachters sich ändert«, erklärt Jan Schwochow.

Auch die Responsivität der Microsite erforderte mehr Aufwand, als sie zunächst erwar­tet hatten. Jede einzelne Grafik wurde in Illustrator in vier Versionen umgebaut und in den unterschiedlichen Breiten und Höhen angelegt. Später wurden Skripte genutzt, die diese Versionen in brow­ser­­kompatible Formate umwandel­ten. »Wir hätten auch einfach PDF-Datei­en hochladen können, in die jeder selbst reinzoomen kann«, sagt Jan Schwochow. »Doch das erfüllt nicht den Anspruch, den wir an unsere Arbeit haben.«

Die Detailliebe der Infographics Group hat sich gelohnt: Die Poster werden seit Ok­tober 2016 weltweit für Luther-Ausstellungen eingesetzt, etwa in Polen, Estland, Japan oder auf den Philippinen. Viele der Besucher teilen ihre Eindrücke unter dem Hashtag #hereistand in den Social Media. Luther ist also definitiv im Digitalzeitalter angekommen.


Brieffreund Martin Luther

So bereiteten Historiker und Informationsdesigner den umfangreichen Briefverkehr Luthers auf

Für die Infografik »Reformation VIPs« recherchierte eine wissenschaftliche Mit­­arbeiterin des Deutschen Historischen Mu­­­seums Berlin monatelang in antiken Bü­chern, um Licht in den Briefwechsel Lu­thers mit weiteren Reformatoren sowie Politikern und Humanisten der Jahre 1503 bis 1560 zu bringen. Allein von Luther fan­den sich rund 4300, von Melanchthon gar 7500 Schriftstücke, wobei die Quellen bis ins Jahr 1872 reichten. »Zur Visu­a­li­sierung entschieden wir uns für eine Netz­werk­grafik, die auf einen Blick zeigt, welcher Reformationsprotagonist welchem Zeitgenossen schrieb. Begleitend stellten wir in einem Zeitstrahl dar, in welchem Jahr die Briefe verschickt wurden«, erklärt Jan Schwochow. Für die Datenvisualisierung nutzte das Team zunächst die Open-Graph-Viz-Plattform Gephi und gestal­tete dann in Illustrator die Printvariante. Für die Onlinever­sion kam die Java­Script-Library Sigma.js zum Einsatz.

Das Expertenwissen der Historiker war für die Recherche essenziell: »Mehr als 500 Jahre alte Hand­schrif­ten zu entziffern ist extrem schwierig, wenn man sich damit nicht auskennt. Außerdem benötigt man viele Hintergrundinformationen, um zu verstehen, um wen es überhaupt geht«, erklärt Jan Schwo­chow. »Das Know-how der Geis­tes­wis­senschaftler war unabdingbar, doch es fiel ihnen nicht immer leicht, sich vorzu­stel­len, wie die Infografik am Ende aus­sehen würde – deswegen konnten sie die Daten nicht entsprechend für uns vorbereiten. Für uns war es wiederum schwer, ihnen oh­ne vorhandene Daten zu beschrei­ben, was wir vorhaben«, ergänzt Informa­tions­de­si­gner und Data Visualist Jonas Parnow.

So mancher Datensatz wurde mehr­mals zwischen der Infographics Group und dem Museum hin- und hergeschickt, bis die Da­tenvisua­lisierung oder Info­gra­fik entstehen konnte. Auch aus diesem Grund recherchieren die Informationsdesigner der Infographics Group bei vielen ihrer Projekte selbst, sofern Zeit und Budget es erlauben.


Alle weiteren PAGE-Connect Artikel zum Thema Informationsdesign finden Sie hier.

Zum Download des PAGE Connect eDossiers »Das macht ein Informationsdesigner bei der Infographics Group« geht’s hier.

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Was ist eigentlich Informationsdesign?

Informationsdesign nutzt schematische Bilder und grafische Gestaltung, um Informationen visuell zu vermitteln. Was das genau bedeutet und wie man Informationsdesigner wird …

Seit der Jahrtau­send­wende erleben Info­grafiken einen ungeahnten Aufschwung. Sie sind schön anzusehen und funktionieren in vielerlei Zusammenhängen: als anspruchsvolle Datengrafiken in Zeitungen, als informativer Bestandteil politischer Kam­pagnen, aber auch als bunte »Info­happen« auf Webseiten. Als Kommunikationsform sind Infografiken schon viele Jahrhunderte alt, aber erst im 20. Jahrhundert fanden sie massenhafte Verbreitung in den Medien: in Büchern, Zeitungen und Zeitschriften sowie in der Werbung. Mit dem Siegeszug der digitalen Medien hat die Popularität von Infografiken in den vergangenen zwanzig Jahren noch einmal enorm zugenommen. Heute gelten sie als äußerst zeitgemäßes Werkzeug, um komplexe Fakten zu vermitteln.

Aber worum handelt es sich eigentlich? Infografiken sind schematisierte Bilder, die Informationen vermitteln sollen. Zum Einsatz kommen dabei nicht nur Methoden der grafischen Gestaltung (wie der Entwurf eines Layouts oder der Einsatz von Schrift und Farben), sondern gelegentlich auch Illustrationen und geometrische oder kartografische Verfahren (in Diagrammen und Karten). Auch wenn die Grenzen zwischen Infografik und Datenvisualisierung fließend sind, kann man dahingehend unterscheiden, dass Infografiken auf einem kleinen, handverlesenen Set von Informationen oder Daten aufbauen. Diese werden in eine statische oder einfache interaktive Grafik umgesetzt, die in den meisten Fällen zuletzt händisch bearbeitet wird, also in den üblichen Grafikprogrammen.

Infografiker sind am besten alles auf einmal: Allrounder, Designer mit Forscherdrang, Teamplayer und Detailfanatiker.

Im Unterschied dazu ist das Ziel einer Datenvisualisierung einen umfassenden Datensatz im Ganzen zugänglich zu machen. Dabei hat man es mit Datenmengen zu tun, die man nicht mehr manuell bearbeiten kann – deshalb kommt hier Software für die visuelle Darstellung zum Einsatz. Die Gestaltungsleistung besteht in diesem Fall darin, die Regeln der Darstellung so zu entwerfen und zu testen, dass die angezeigte Visualisierung am Ende gut lesbar und interpretierbar ist – und natürlich soll sie auch gut aussehen. Das erfordert zumeist einige Programmierkenntnisse und einen komplexen, iterativen Gestaltungsprozess.

Vielfältige 
Einsatzmöglichkeiten

Doch was genau können Infografiken und Visualisierungen und zu welchem Zweck werden sie angefertigt? Schon im 19. Jahrhundert warben verschiedene Wissenschaftler für die Praxis der grafischen Darstellung und betonten, dass Infografiken dabei helfen, Dinge »auf einen Blick zu begreifen« – Zusammenhänge, die sich der Leser durch Text nur sehr langsam und mühevoll erschließen könnte. Dass wir Statistiken deutlich schneller lesen und interpretieren können, wenn sie visualisiert sind, gilt heute als Grundkonsens.

Gleichzeitig sind heute viel mehr Stolperfallen und Fehlerquellen bekannt – unsere Sicht auf die Potenziale von Infografiken ist insgesamt wesentlich differenzierter geworden. Theoretiker der Informationsvisualisierung beschäftigen sich nicht nur mit der Korrektheit von Visualisierungen (also ob Sachverhalte und Zahlenverhältnisse durch die gewählten Verfahren sachlich richtig ausgedrückt wurden), sondern auch mit Wahrnehmungsprozessen bei den Lesern oder der Frage, welche Voraussetzungen diese für das Verständnis von Infografiken mitbringen müssen (zum Beispiel unter dem Stichwort »Data Literacy«).

Das Besondere an Infografiken sind ihre vielfältigen Einsatzmöglichkeiten. Sie werden seit Jahrzehnten für die journalistische Berichterstattung genutzt, etwa als Diagramme ergänzend zu Wirtschaftsnachrichten oder Wahlergebnissen. Neu ist, dass Infografiken heute auch eigenständige, bildstarke und erzählerische Formate bilden, beispielsweise die ganzseitigen Infografiken in der »ZEIT« oder doppelseitige Schaubilder in Infografikbüchern.

Wie entsteht eine Infografik? Um aus ungeordneten Informationen eine verständliche Grafik zu erstellen, geht der Information Designer Schritt für Schritt vor. Manchmal sind auch Rückschleifen nötig.

Neu ist ebenso, dass Infografiken und interaktive Visualisierungen Bestandteile einer integrierten Berichterstattung werden, wie etwa in dem investigativen Dossier der »Süddeutschen Zeitung« über die »Panama Papers«. Unter dem Stichwort »Da­tenjournalismus« haben spezialisierte Journalisten ihre übliche Rechercheweise gewandelt und nutzen verstärkt öffentlich verfügbare – oder durch Data-Leaks offengelegte – Datensätze als Grundlage ihrer Berichterstattung. So unterhält etwa die Funke Mediengruppe ein spezialisiertes Interaktivteam bei der »Berliner Morgenpost«, das regelmäßig umfassende interaktive Visualisierungsprojekte online veröffentlicht. Zu den international führen­den Vorreitern gehören hier seit Jahren die »New York Times« (besonders in ihrem Ableger für analytischen Journalismus »The Upshot«), die »Washington Post« und der britische »Guardian«.

Dass wir Statistiken deutlich schneller lesen und interpre­tie­ren können, wenn sie visualisiert sind, gilt heute als Grundkonsens.

Auch die Sportredaktionen testen, wel­che Ergebnisse und Informationen sich für die grafische Berichterstattung eignen (et­wa die »Taktiktafeln« bei Spiegel Online). Zudem erfreuen sich Infografi­ken zu lus­ti­gen Popthemen großer Beliebtheit, wie die Poster des New Yorker Designstudios Pop Chart Lab. Ein besonders dankba­res Publikum sind Kinder und Jugendliche. Und so setzen Verlage, Zeitschriften und Museen Infografiken viel und gern als »Ge­heim­waffe« in der Wissensvermittlung ein – etwa in Aufklärungs- und Anatomiebüchern.

Komplexe Erstellung

Hinter leicht verständlichen Infografiken steckt ein ausgesprochen komplexer Prozess aus Recherche, Konzept und gestalterischer Umsetzung. Der italienische De­signer Francesco Franchi bezeichnete Infografiken einmal als »Unmöglichkeit in Reinform«, denn die Ansprüche an Gestaltung und Inhalt sind enorm hoch. Infografiken sind wie ein vieldimensionaler Raum. Es gibt viele Variablen in ihrer Gestaltung, die eine enorme Bandbreite ermöglichen: Wie viele Informationen fließen in die Arbeit ein? Wie werden Formen und Farben eingesetzt? Gibt es unterhaltsame Details? An welches Publikum richtet man sich? In welchem Ton spricht eine Arbeit zum Publikum: humorvoll, seriös, wissenschaftlich, journalistisch, mahnend, unterhaltend? Braucht es Illustrationen oder Karten? Steht eine Grafik für sich allein oder ist sie in einen Kontext eingebunden? Und so weiter.

Infografiker sind daher am besten alles auf einmal: Allrounder, Designer mit Forscherdrang, Teamplayer und Detailfanatiker. Neben der gestalterischen Kompetenz braucht es jedoch vor allem eines: eine konzeptionelle Denkweise, denn der erste und schwierigste Schritt ist es, zu einem gegebenen Thema einen Ansatz zu entwickeln. Oft ist ein ungeordneter Haufen an Informationen vorhanden, und es muss zu­nächst eine Pointe gefunden werden, auf die man die Geschichte zuschneidet. Im nächsten Schritt stellt sich manchmal heraus, dass Informationen fehlen, sodass wei­tere Recherche nötig ist. Sodann stellen sich gestalterische Fragen, Skizzen wer­den angefertigt, Formate ausprobiert. Ab­solut nötig ist auch ein gewisser Perfektionismus – nicht nur soll das Ergebnis ästhetisch zufriedenstellen, sondern es muss in jedem Schritt der Gestaltung wieder und wieder geprüft werden, ob die visuelle Umsetzung auch faktisch korrekt ist. Schnell schleichen sich Fehler ein, wenn etwa Zahlenverhältnisse in einen Flächen­vergleich umgesetzt werden.

Wie lässt sich all dies in einer einzigen Person vereinen? Meist ist das gar nicht nö­tig. Infografiken zu erstellen ist eine interdisziplinäre Angelegenheit, in der das kleinste denkbare Team meist aus einem Redakteur oder Wissenschaftler besteht, der sich im Thema auskennt, und einem Designer, der eine Menge Standardforma­te der Informationsvisualisierung kennt und gleich­zeitig nie um eine neue Idee verlegen ist. In Agenturen oder Redaktionen ar­beiten die Experten oft in größeren Teams, sodass verschiedene Expertisen zusam­men­kommen: Rechercheerfahrung, gestal­terisches Wissen, Bildideen, journalisti­sches Gespür, wissenschaftliche Strenge oder auch eine humorvolle Perspektive.

Mit dem Siegeszug der digitalen Medien hat die Popularität von Infografiken in den vergangenen 20 Jahren enorm zugenommen.

Berufsbild im Wandel

Das Berufsbild des Information Designers ist in diesem Sinne noch neu – vor allem weil es erst seit einigen Jahren eine solch verstärkte Nachfrage nach Infografiken gibt. Heute bildet sich aus unterschiedlich spezialisierten Gestaltern, Redakteu­ren, Datenjournalisten und Programmierern eine neue Berufsgruppe heraus. Unter den Designern gibt es viele, die programmieren können oder sich zumindest in der Nutzung einiger anspruchsvoller Programme und Librarys auskennen. Andere wiederum beschränken sich auf die klassi­schen Gestaltungswerkzeuge – vom Bleistift bis zu Adobe Illustrator. Beide Spezialisierungen werden in der Informationsvisualisierung weiter gebraucht. Gerade künstlerische Ideen und Illustrationen sind verstärkt gefragt. So entstanden in den ver­gangenen Jahren – auch als Gegenbewegung zur stark automatisierten Datenvisualisierung – viele handgemachte oder gebastelte Infografiken, wie etwa die char­manten Postkarten von Giorgia Lupi und Stefanie Posavec (»Dear Data«).

Neu ist, dass Infografiken heute auch eigenständige, bildstarke und erzählerische Formate bilden. Die Ansprüche an Gestaltung und Inhalt sind enorm hoch.

Wie in allen Berufsfeldern, die stark in Bewegung sind, kann man sich als Informationsdesigner nicht auf dem Erreichten ausruhen. Die technischen Tools entwickeln sich ununterbrochen weiter, und die Ansprüche der Verlage und des Publikums werden höher. Eines bleibt bei al­lem Wandel immer gültig: Wer mit Leib und Seele Designer ist und seinen Kopf gern zum Denken benutzt, wird in diesem Beruf belohnt. Denn am Ende geht es immer um eine gelungene Verbindung zwischen guter Gestaltung und anspruchsvol­len Inhalten.


Die Autorin

Sandra Rendgen ist Autorin mit dem Schwerpunkt Data Visualization und Interactive Media. Sie ist Herausgeberin des Bands »Information Graphics« im TASCHEN Verlag.


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[743] InformationsdesignCCCIGG17

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